Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.07.2019


Freizeit

Die vielen Gesichter der Serles

Die meisten Bergsteiger kennen die Serles von ihrer südlichen Seite. Als Mountainbiker kann man sie auch von Norden her erkunden und über Maria Waldrast wieder abfahren.

Mit dem Moutainbike radelt man Richtung Gleins hinauf und rückt der Serles immer näher.

© RappMit dem Moutainbike radelt man Richtung Gleins hinauf und rückt der Serles immer näher.



Von Irene Rapp

Schönberg – Im Vergleich zu anderen Bundesländern fühlt man sich als Mountainbiker in Tirol wie Gott in Frankreich: Von rund 6000 Kilometern freigegebenen MTB-Routen spricht etwa Dieter Stöhr von der Abteilung Forstorganisation des Landes. Freigegeben deshalb, weil laut Forstgesetz das Radfahren auf Forststraßen sowie Waldwegen in Österreich eigentlich verboten ist. Mit dem Mountainbike-Modell Tirol wurde jedoch eine Lösung gefunden, um hierzulande nicht illegal unterwegs zu sein.

Allerdings weist auch das bestehende Netz noch Lücken auf. Interessanterweise sogar mitten in einem Gebiet mit unzähligen freigegebenen Mountainbike-Routen. Am vergangenen Sonntag radelten wir etwa mit dem Mountainbike von Schönberg aus über die Gleinserhöfe weiter nach Maria Waldrast sowie Matrei und wieder retour.

Zunächst geht es über die A13 ...
Zunächst geht es über die A13 ...
- Rapp

Kurz vor Waldrast muss das Rad jedoch – rein theoretisch – geschoben werden. „Stimmt, da fehlt uns noch ein kurzes Stück“, bestätigte Dieter Stöhr. Im selben Atemzug sagte er jedoch zu, sich darum zu kümmern. Wie auch immer: Diese Mountainbike-Tour bietet die Möglichkeit, die Serles aus einer völlig anderen Warte kennenzulernen. Doch dazu später.

So kommt man hin: Wir starteten im Ortskern von Schönberg. An der Kirche rechts und einigen Bauernhäusern vorbei eine kleine Straße kurz steil bergauf. Man kommt zu einer Überführung, die die Brennerautobahn überspannt.

In unmittelbarer Nähe befindet sich die Mautstation Schönberg an einer der wichtigsten Verkehrsachsen Europas. Kaum vorstellbar, dass man in wenigen Minuten das alles hinter sich lässt und in die Natur eintaucht. Nach der Überführung weiter, aber nicht bei der ersten Möglichkeit rechts hinauf abbiegen, sondern erst beim Erreichen mehrerer Häuser.

Von hier zieht eine Straße hinauf zum Alpengasthaus Gleinserhof, und zum Glück verläuft diese großteils in dichtem Wald, wo man vor der prallen Sonne geschützt ist. Nach einigen Kehren wird es lichter und man hat erstmals einen tollen Ausblick auf das Stubaital.

Im Wallfahrtsort Maria Waldrast sollte man einen Blick auf die vielen Votivtafeln und Sterbebildchen werfen.
Im Wallfahrtsort Maria Waldrast sollte man einen Blick auf die vielen Votivtafeln und Sterbebildchen werfen.
- Rapp

Linker Hand drängt sich allerdings der Altar Tirols, die Serles, in das Blickfeld. Und während man als Bergsteiger die Serles vor allem von Süden aus ansteuert, kann man bei dieser Fahrt die „andere“ Seite der sehr beliebten Felsgestalt kennenlernen.

An den Häusern von Gleins geht es vorbei, hinein in den Wald. Bei der ersten Wegteilung bleibt man rechts (links Fahrverbot), dann hält man sich eigentlich immer an die MTB-Routen-Beschilderung. So geht es in südwestlicher Richtung Meter für Meter bergauf, Höhenmeter macht man einige – immerhin ist das Ziel der Wallfahrtsort Maria Waldrast auf einer Höhe von 1638 Metern.

Eine gemütliche Einkehr ist die Ochsenalm.
Eine gemütliche Einkehr ist die Ochsenalm.
- Rapp

Mit jedem Meter bzw. jedem Kilometer ändert sich das Gesicht der 2717 Meter hohen Serles. Kurze Abfahrten gibt es zwischendurch auch, doch dann befindet man sich schon auf den letzten Metern vor Maria Waldrast, wo das Rad geschoben werden muss.

An einem der bekanntesten Wallfahrtsorte sind wir dann kurz in die Kirche eingekehrt. Vor über 600 Jahren wurde an diesem Platz schon eine Kapelle errichtet. In einem Seitenraum des Gotteshauses kann man unzählige Votivbilder und Sterbebilder bewundern, dieser Ort hat Menschen offenbar seit jeher angezogen. Viele kommen auch wegen des Wassers hier herauf, das aus einem Brunnen vor der Kirche rinnt: Es soll, wissenschaftlich nachgewiesen, viel Magnesium enthalten und monatelang frisch bleiben. Daher kann man oft sehen, dass Leute das Wasser literweise in Kanistern abfüllen und mitnehmen – zum Glück haben die Verantwortlichen daraus noch kein Geschäft gemacht.

Einkehren bzw. übernachten kann man in dem von Serviten geführten Haus auch, wir allerdings sind wegen der vielen Leute weiter hinuntergeradelt zur so genannten Ochsenalm. Interessanterweise gibt es, wenn man Richtung Stubaital abfahren würde, eine Ochsenhütte. Die Ochsenalm wird heuer den dritten Sommer von Markus Ögg aus Imst und seiner Lebensgefährtin Dagmar Kuprian bewirtschaftet. Eine kleine Herausforderung: Immerhin gilt es, neben der Bewirtung der Gäste 175 Stück Galtvieh und 13 Melkkühe zu versorgen. „Die Milch verarbeiten wir direkt auf der Alm zu Graukäs und Butter“, erzählt Ögg. Und wenn die Gäste davon etwas übriglassen, kann man beide Produkte auch kaufen und daheim genießen. Apropos genießen: Kaiserschmarren wird ja nicht mehr auf jeder Hütte zubereitet, auf der Ochsenalm haben wir ihn daher extra bestellt und waren begeistert.

Von der Ochsenalm sind wir dann auf einer Straße hinunter nach Matrei geradelt und von dort auf der Brennerbundesstraße retour nach Schönberg. Aufpassen: Mitunter könnten einem hinab bis zum Mauthäuschen (die Straße herauf nach Waldrast ist mautpflichtig) Kühe begegnen. Man könnte jedoch mit dem Rad auch wieder nach Waldrast retour, dann bis zur kleinen Anhöhe gehen und von dort abfahren ins Stubaital.

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