Letztes Update am Di, 02.07.2019 17:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Das nachhaltige Haus hat viele Gesichter

Wer baut, der verändert die Welt. Aus der Sicht der Umwelt nicht immer zum Guten. Deswegen sind nachhaltige Gebäude das Credo der Stunde. Doch was heißt das eigentlich? Drei Geschichten über Menschen, die mit ihrem Schaffen möglichst wenig Energie verschwenden und Lebensraum umweltgerecht gestalten wollen.

Fünf von vielen: Barbara Bliem mit Tochter Luisa neben ihrer Freundin Paula mit ihren Eltern Martina Kornschober und Architekt Christian Melichar (v. l.).

© Foto TT/Rudy De MoorFünf von vielen: Barbara Bliem mit Tochter Luisa neben ihrer Freundin Paula mit ihren Eltern Martina Kornschober und Architekt Christian Melichar (v. l.).



Von Andrea Wieser

Sechs Menschen, ein Wunsch. Sie wollten ein Eigenheim schaffen, das nachhaltigen Kriterien entspricht. Das war der Anfang von „Am Rinnsal“, einem Reihenhaus, das an einem schwer zu bebauenden Eck von Rinn bei Innsbruck entstanden ist. Architekt Christian Melichar hat dort 2009 gemeinsam mit seiner Frau und zwei weiteren Paaren den Bau gewagt. Der Bach, der einst mitten durch den Grund plätscherte, fließt jetzt gesittet am Rand.

Die gemeinsame Pelletszentralheizung beliefert drei Häuser.
Die gemeinsame Pelletszentralheizung beliefert drei Häuser.
- Foto TT/Rudy De Moor

Ein ausgezeichneter Bau

Die technischen Eckdaten sprechen für sich. Das Gebäude ist vom Bundesministerium als „klimaaktiv“ zertifiziert worden. Gebaut wurde in Mischbauweise aus Massiv- und Holzbau, gedämmt mit Mineralwolle. Eine Pelletszentralheizung und thermische Solaranlagen, die auf zwei Häuser gesetzt wurden, liefern Wärme. Aber die Nutzung von nachhaltigen Baustoffen und Energiequellen ist für Melichar nur ein Aspekt: „Es ist der gemeinsame Gedanke, der das Haus besonders umweltfreundlich macht.“ Organisiert wurde das Modell als Wohnungseigentumsgemeinschaft, in der alle drei Parteien Anteilseigner sind. Der Effekt: Energie-Einsparungen auf allen Ebenen. „Wir haben zum Beispiel eine gemeinsame Heizungsanlage realisiert, die alle drei Parteien beliefert, anstatt, wie für Reihenhäuser üblich, in jeden Keller einen Heizkessel zu bauen“, erklärt Melichar. Dadurch habe man die CO2-Bilanz des 390 Quadratmeter großen Reihenhauses massiv senken können.

CO2-Ausstoß ist der Parameter, der herangezogen wird, um zu messen, wie nachhaltig der Bau eines Hauses ist. Die Frage ist, wie sehr er sich negativ auf die globale Klimaerwärmung auswirkt. Je mehr Treibhausgase – die durch die Verbrennung verschiedener kohlenstoffhaltiger Materialien wie Kohle, Erdgas oder Benzin entstehen – produziert werden, desto schlechter.

Das Gebäude steht am Ortsrand von Rinn auf einem Grundstück, das als schwer bebaubar galt.
Das Gebäude steht am Ortsrand von Rinn auf einem Grundstück, das als schwer bebaubar galt.
- Foto TT/Rudy De Moor

Dieser Gedanke ist noch einfach nachzuvollziehen, aber es wird noch komplizierter. Auch die Entstehung der Baustoffe und dessen Transport spielen eine Rolle. Ein Holzhaus hat zum Beispiel generell eine bessere Ökobilanz als ein Massivhaus. Muss dieses Holz aber weit transportiert werden, ist das mit hohem Benzinverbrauch verbunden und der Umwelt auch nicht geholfen. Eine einfache Antwort kann es auf die Frage, was denn nun nachhaltiges Bauen ist, also kaum geben.

Beliebige Begrifflichkeiten

„Der Begriff ist oberflächlich“, meint dazu Arno Ritter. Der Leiter des aut – des Tiroler Architekturzentrums – betont, dass es neben der sinnvollen Nutzung von Ressourcen auch auf Lebensstilfragen ankomme: „Neben dem CO2-Aufwand, den ein Gebäude beim Bau verbraucht, steht auch eine klare Verhaltensänderung zur Debatte.“ Es geht also auch um die Öko-Bilanz der Menschen, die die Häuser nutzen. Das nachhaltigste Häuschen wird durch zwei Autos vor der Türe, im schlimmsten Fall zwei SUV, die als besonders umweltschädlich gelten, weil sehr viel CO2, getrübt.

Einen SUV sucht man bei Johannes Münsch vergebens. Er fährt Rad. Der Architekt hat in Innsbruck das Büro Upcycling gegründet. Neben dem WAMS-Markt Ho&Ruck an der Innsbrucker Hallerstraße entwickelt er mit mehreren Geistespartnern Projekte, die die Nutzung von schon produzierten Gebäuden oder auch Gegenständen zum Thema haben. Frei nach dem Credo „Vom Abfall zum Glücksfall“ entstand so im Innsbrucker Endlich-Store eine Verkaufstheke aus alten Büchern, die den üblichen Tresen ersetzt. Für den Reuttener Brillenhersteller Rolf wandelte er Transportboxen in Besprechungsräume um. Die Container, in denen Maschinen angeliefert werden, sind eigentlich Einwegprodukte. In Reutte bekamen sie eine neue Aufgabe. Es sitzen jetzt Menschen drinnen.

Renovieren statt abreißen

Derzeit arbeitet Münsch an einem semi-privaten Objekt. Er hat am Schlossweg in Absam einen alten Bauernhof samt Stadl gekauft und im Zuge dessen eine Ortskernrevitalisierungsförderung beantragt. Hinter diesem langen Wort versteckt sich eine weitere Dimension von einem möglichen nachhaltigen Leben. Anstatt alte Gebäude wie ortstypische Bauernhöfe abzureißen, versucht man, sie zu bewahren. Davon profitieren das Ortsbild und die Umwelt. „Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist das Sauberste mit Sicherheit eine Altbausanierung“, sagt dazu Architekt Melichar. So werde die „graue Energie“, die ursprünglich für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wurde, erhalten.

Der Bauernhof von Johannes Münsch in Eichat/Absam ist der älteste des Dorfes.
Der Bauernhof von Johannes Münsch in Eichat/Absam ist der älteste des Dorfes.
- Andrea Wieser

Der Bauernhof, in dessen Stall Münsch zur Beheizung eine Luftwärmepumpe eingebaut hat, ist der älteste Hof in Eichat, einem Ortsteil von Absam. Das Gebäude ist rund 400 Jahre alt. Das gilt auch für den Stadel, der so derzeit nicht bewohnt werden darf. Deswegen die beantragte Förderung, aber das brauche noch Zeit. „Die Gemeinde hat gesagt, sie haben das noch nie gemacht. Meistens ist die Wohnbauförderung eben attraktiver“, weist Münsch auf den grassierenden Siedlungsbau hin, der die Ortsbilder in Tirol massiv verändert hat.

Die blauen Treppen waren in ihrem ersten Leben ein Baustoff auf einem Musikfestival.
Die blauen Treppen waren in ihrem ersten Leben ein Baustoff auf einem Musikfestival.
- Andrea Wieser

Derzeit pfeift durch Münschs Stadel-Dachstuhl noch der Wind, der befreundete Architekt Stefan Wimmer hat eine Art amorphe Mondlandschaft aus Holz ins Gebälk gebaut. Es ist eine Spielwiese, vielleicht wird es mehr. Die Treppen in blauem Holz sind jetzt schon ein Zitat für Münschs Arbeitsweise. Sie stammen vom Innsbrucker Musikfestival „Heart of Noise“, an dem Münsch kreativ beteiligt ist. Dass das Holz bei ihm daheim weiterlebt, hat insofern Charme, als dass das Objekt damit weit über seine Funktion als Treppe hinaus eine Geschichte zu erzählen weiß. Und was den CO2-Ausstoß betrifft: Der ist bei diesem Beispiel quasi null.

Eine Bilanz, die Roland Wolf gefällt. Er ist der Gründer von Rolf Spectacle, dem Holzbrillenunternehmer in Reutte, für den Münsch die Meeting-Box gestaltete. Er verfolgt den Gedanken der Nachhaltigkeit konsequent durch seine komplette Unternehmensstruktur. Seine Brillen haben eine tadellose Öko-Bilanz. „Bewusster Umgang mit Ressourcen ist uns hier wichtig. Wir schauen da extrem darauf“, betont Wolf.

Architekt Julian Wimmer hat in den Stadel eine amorphe Landschaft gebaut.
Architekt Julian Wimmer hat in den Stadel eine amorphe Landschaft gebaut.
- Andrea Wieser

Stadl statt Musikfestival

In Sachen Upcycling, also dem Verwenden von alten Materialien, hat er den Mut aber ein wenig verloren. „Unternehmerisch gesehen sind dem natürlich Grenzen gesetzt, weil es sehr zeitaufwändig ist.“ Und noch ein weiterer Aspekt gibt ihm zu denken: der Zwang zum Neuen. Wolf wollte bei sich zu Hause alte Waschbecken einbauen lassen, worauf der Installateur abgewunken habe. Das mache er nicht. Man könne ja neue kaufen, das sei sinnvoller. Die viel gelobte Nachhaltigkeit braucht also den Willen einer ganzen Gesellschaft, um weitergetragen zu werden. Dazu braucht es Werte wie Qualitätsbewusstsein, Liebe zum Material und den Luxus Zeit.

Drei Attribute, die Johannes Münsch hat, beziehungsweise sich nimmt. Seine Arbeit ist auch gesellschaftspolitisches Wirken, der Bauernhof ein Ort der Begegnung. Die Geschichte des Bauernhof ist für ihn in jedem einzelnen Stein, in jeder Leiste zu spüren. „Wie viele Menschen da vielleicht schon darüber gestolpert sind?“, fragt er sich im Vorbeigehen bei einer Türschwelle. Wer weiß das schon nach 400 Jahren?

Ursprünglich Transportbox, jetzt Besprechungszimmer: Bei Rolf Spectacles in Reutte haben Materialien eine zweite Chance.
Ursprünglich Transportbox, jetzt Besprechungszimmer: Bei Rolf Spectacles in Reutte haben Materialien eine zweite Chance.
- BANG

Wie das aussehen kann, wenn ein Stadl tatsächlich einmal ein echtes Wohnhaus wird, haben die Architekten Madritsch/Pfurt­scheller in Neustift im Stubaital eindrücklich bewiesen. Sie haben für eine Familie den Bestand eines alten Stadls sorgsam abgetragen. Nach der Aufbereitung der Einzelteile wurden die Elemente neu zusammengesetzt. Als Fundament diente eine Betonbasis. So hat das Holz im neuen Kontext eine neue Funktion erhalten. Über den nachhaltigen Nutzen des Projekts besteht kein Zweifel.

Dass sich die Branche Gedanken über den Klimawandel macht und was die Architektur damit zu tun hat, zeigten die österreichischen Architekturtage 2019, die Ende Mai in Innsbruck stattfanden. Das Thema der Veranstaltungsreihe: „Raum Macht Klima“. Stadtökologie, nachhaltige Mobilität und ressourcenschonende Grundversorgung waren Gegenstand der Debatte. Zu Gast war unter anderem das deutsche Architekturbüro Transsolar, die einen hochalpinen Klimaraum am Hafelekar an der Nordkette realisierten. Das Thema der in Kooperation mit der UNI gebauten Experimentierhütte: Klimawandel.

Ob dieser auch in Rinn spürbar war, als bei Christian Melichar die Verkleidung der Fassade anstand, ist nicht genau zu sagen. Gesichert ist hingegen, dass es in jenem Winter 2008

2009 bitterkalt war. Regelmäßig musste zuerst Schnee geschaufelt werden, bevor es am Bau weiterging.

Das ist deswegen nach zehn Jahren noch so lebhaft in Erinnerung, weil die Bauherren selbst anpackten. „Um Kosten zu sparen, hatten wir uns dazu entschieden, die Fassadenplatten selbst anzubringen“, erinnert sich Melichar. Beteiligt waren alle, die man aktivieren konnte. Brüder, Schwestern, Schwiegereltern, Arbeitskollegen. Da kam bei drei Familien einiges zusammen. Ein kooperativer Akt, der heute auch im Alltag spürbar ist. Das Erlebnis hat die Menschen einander nähergebracht.

Renovieren statt abreißen

Wenn Christian Melichar von nachhaltigem Bauen spricht, wird also schnell klar, er meint mehr als nur das Erstellen eines Hauses. Es geht vielmehr um ein ganzes Lebenskonzept, das sich auch im Alltag der Bewohner widerspiegelt. „Wir haben alle Kinder, da ist es sehr hilfreich, wenn man sich bei der Betreuung gegenseitig helfen kann.“ Für ihn ist diese Art von niederschwelliger Nachbarschaftshilfe eng mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verknüpft. Dennoch will Lebens- partnerin Martina Kornschober das „Rinnsal“ nicht als Kommune verstanden wissen: „Wir sehen unsere Nachbarn, wenn wir wollen. Trotz der Nähe und obwohl wir natürlich keine Gartenzäune haben, funktioniert das sehr gut. Aber Zwang gibt es keinen.“

Baustoffe aus der Nähe

Dass Melichar übrigens auf genau diesem Grundstück in Rinn gebaut hat, hat zuerst für Verwunderung gesorgt. Der Grund galt als unbebaubar und wurde von einem kleinen Bach geteilt. Es war ein ordentliches Stück Arbeit nötig, das Wasser zuerst einmal umzuleiten. „Heute lieben wir unser Rinnsal“, sagt Bauherrin Barbara Bliem, er diene als Schallschutz für die nahe Straße.

Und tatsächlich, wenn ein Auto vorbeizieht, sieht man es, im Ohr hat man ein Plätschern. Für die Kinder ist der Bach der liebste Spielplatz geworden. Einen nachhaltigeren kann man sich kaum vorstellen.