Letztes Update am Mo, 08.07.2019 11:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Kinder bei der Gartenarbeit: Die Kleinen mit den grünen Daumen

Auch Tiroler Kinder, die am Land aufwachsen, verlieren oft den Bezug zur Natur. Arbeit im Garten kann Abhilfe schaffen. Sie schult die Sinne für die leisen Töne des Lebens.

Julian, Linda und Katharina sind schon richtige Gartenprofis.

© Michael KristenJulian, Linda und Katharina sind schon richtige Gartenprofis.



Von Judith Sam

Katharinas Arme sind bis zum Ellbogen voll mit Erde. Die Siebenjährige kniet am Boden, wühlt, schwitzt, die Erde fliegt zur Seite. Ein Riesenprojekt: „Ich soll ein Loch graben. Für die Salatpflanze.“ Gut drei Zentimeter tief haben ihre kleinen Finger schon gebaggert: „Für Gartenarbeit muss man mutig sein. Ich bin das. Ich grabe, obwohl ich die Käfer in der Erde grauslich finde. Hoffentlich berühre ich keinen.“

Marie, Reyhana und Amelie  bewundern die Blumenpracht.
Marie, Reyhana und Amelie bewundern die Blumenpracht.
- Michael Kristen

Eine ähnliche Sorge plagt Klassenkamerad Tobias. Um ja keinem Engerling zu nahe zu kommen, hat sich der Achtjährige aufs „Ausrupfen“ spezialisiert: „Ich rupfe alles – Unkraut, Salat, Radieschen, Wildkräuter.“

Letztere bringt er gerade stolz zu Petra Obojes-Signitzer. Die Gartenexpertin des Tiroler Bildungsforums besucht das Stück Land in Matrei regelmäßig mit der zweiten Klasse der heimischen Volksschule: „Die Kinder sollen die Natur zu jeder Jahreszeit sehen, fühlen und riechen.“

Denn obwohl die jungen Gärtner am Land aufwachsen, haben einige von ihnen erstaunlich wenig Naturbezug: „Viele wussten nicht, wie eine Karotte aussieht, bevor sie im Supermarktregal liegt. Und nur drei von 17 Schulkindern erkannten die Ribiselstaude.“ Das Gemeinschaftsgartenprojekt soll Abhilfe schaffen.

Julian und Amelie genießen ihren Dip mit geernteten Kräutern.
Julian und Amelie genießen ihren Dip mit geernteten Kräutern.
- Michael Kristen

Offenbar mit Erfolg: „Frau Lehrerin, darf ich die Pflanzen füttern“, fragt die achtjährige Reyhana voller Tatendrang, während sie eine randvolle Gießkanne vom Brunnen zum Beet schleppt. Schwerarbeit. Doch die Kleinen sind mit Feuereifer dabei.

Lucas ist alt genug, um richtige Gartengeräte zu verwenden.
Lucas ist alt genug, um richtige Gartengeräte zu verwenden.
- Michael Kristen

Biologin Anna Radtke, die das Projekt begleitet, ist überrascht, wie viel Information bei den Kindern hängen bleibt: „Im Kräuterbeet erkennen sie die meisten Gewächse nicht. Aber wenn sie daran riechen, sagen sie, es dufte nach Zitrone, Hustentee oder dem Kraut, mit dem die Oma oft kocht.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der achtsame Umgang mit der Umwelt.

„Als wir im Herbst hier waren, haben die Kinder Kohlweißling-Raupen gefunden. Sie standen minutenlang fasziniert davor und haben mit ihnen experimentiert – sie angestupst und ,gestreichelt‘“, erinnert sich die Biologin.

Heute haben die Junior-Gärtner die Aufgabe, das Insektenhotel anzuschauen und festzustellen, ob sich daran seit dem Winter etwas verändert hat. „Ich weiß was“, meldet sich der achtjährige Lucas zu Wort: „Vor dem Hotel liegt Blütenstaub. Das heißt, dass die Insekten ausgezogen sind.“

Selbst gepflückte Jause schmeckt natürlich besser als gekaufte.
Selbst gepflückte Jause schmeckt natürlich besser als gekaufte.
- Michael Kristen

Ihr Ziel, das grüne Leben wertzuschätzen, scheinen Radtke und Obojes-Signitzer erfolgreich vermittelt zu haben. „Obacht!“, schreit die achtjährige Colleen in diesem Moment. In heller Aufregung saust sie zum Beet und weist den gleichaltrigen Alex an, wegzugehen. „Du stehst auf einer Pflanze“, schimpft Colleen mit hoch erhobenem Zeigefinger. Ihr Klassenkamerad tritt erschrocken zur Seite und richtet das winzige Pflänzchen wieder auf.

Zu Alex’ Verteidigung muss man sagen, dass er abgelenkt war: „Weil ich herausgefunden habe, dass es gelbe Radieschen gibt. Da muss ich der Mama eines mitbringen. Das glaubt die nie!“ Vom vielen Ernten schwitzt Alex so, dass seine Brille fast von der kleinen Nase rutscht, während er den knolligen „Schatz“ aus der Erde birgt: „Die Arbeit lohnt sich. Radieschen, die man gepflückt hat, schmecken besser als gekaufte.“

Der Volksschüler werkelt mit richtigem Gartenwerkzeug. Jüngere hingegen sollten lieber mit Löffeln oder Kellen aus der Küche hantieren. Das senkt nicht nur das Verletzungsrisiko, sondern regt auch das Improvisieren an. „Wichtig ist auch, sie vor dem Spielen aufzuklären, dass es giftige Pflanzen gibt“, ergänzt Radtke. Typische Beispiele wären Efeu, Krokus, Maiglöckchen oder Tuja.

Alex, Coleen und Tobias leisten Schwerarbeit, wenn sie die vollen Gießkannen schleppen.
Alex, Coleen und Tobias leisten Schwerarbeit, wenn sie die vollen Gießkannen schleppen.
- Michael Kristen

Obojes-Signitzers Kinder haben zuhause eigene Beete, in denen sie ohne Sorge vor Giftigem setzen können, was immer sie wollen: „Erntet ein Kind sein erstes selbst angepflanztes Gemüse, wachsen die Wertschätzung und Bindung zur Natur ebenso wie die Verantwortung.“ „Frau Lehrerin, iiih!“, ertönt es da von hinten.

Schockiert ergreift Katharina die Flucht. Hat die Siebenjährige doch einen großen Käfer entdeckt. Gruselig. Eltern sollten sich in so einem Fall mit dem „Iiiih“ allerdings zurückhalten, um keine Vorurteile entstehen zu lassen. So wie im Fall von Reyhana. „Ist doch nur ein Käfer“, sagt die Achtjährige cool: „Der gehört beim Garteln halt dazu.“

Vier grüne Tipps

1) Stolz und Wertschätzung für den Garten entstehen, wenn Kinder ihr eigenes Beet bepflanzen können. Sollte dabei die eine oder andere Pflanze nicht überleben, kann man sie natürlich heimlich austauschen und gießen. Doch Kinder vertragen oft mehr Wahrheit, als man ihnen zumuten will. Haben sie die Frustration übertaucht, pflegen sie die nächste Saat vielleicht konsequenter.

2) Oft braucht es keinen Garten, um erste grüne Impulse zu setzen. Kresse gedeiht schon in einer Schachtel voll feuchter Watte. Haben Kinder die erfolgreich geerntet, können sie ein Balkonblumenkistl bepflanzen – etwa mit Salat, Bohnen oder Radieschen. Ein richtiges Beet lässt sich bei www.gemeinschaftsgarten.tirol oder www.kematergartl.at mieten.

3) Im Ratgeber „Das große Gartenbuch für Kinder“ (Haupt Verlag) empfiehlt Autorin Jenny Hendy, Plastikflaschen nicht wegzuwerfen, sondern daraus eine Wurmfarm zu basteln. Dafür muss man den oberen Flaschenteil abschneiden, Löcher in den Rest stechen, schichtweise Sand und Kompost einfüllen und zwei bis drei Regenwürmer vorsichtig eingraben. Als Futter eignen sich kleine Stückchen Kartoffelschale. Die Farm gießen und an einen geschützten Platz in der Natur hängen. Darin lassen sich die Würmer bei der Arbeit beobachten. Doch bitte nicht vergessen, sie bald wieder freizulassen.

4) Pflanzen bewegen sich auch. Um zu zeigen, dass Blumen nicht starre Wesen sind, gilt es, mehrere Stiefmütterchen so anzupflanzen, dass ihre Blüten in verschiedene Richtungen zeigen. Gießen und an einen hellen Standort stellen. Nach gut einer Woche sieht man, dass sich alle Blüten zur Sonne neigen.