Letztes Update am Fr, 12.07.2019 14:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Wie der Vater so die Tochter: Gespräch mit Zirkusdirektor Bernhard Paul und Tochter

Der Vater ist Zirkusdirektor, die Tochter eine Schlangenfrau: Bernhard Paul und seine Tochter Lili kennen die Manege. In diesem Sommer bringen sie einen Hauch Circus Roncalli in den Garten der Kristallwelten. Ein Gespräch über gute Ratschläge, alte Freunde und ganz normale väterliche Ängste.

Treffen im Lieblingswagen: Bernhard Paul und seine Tochter Lili im „Café des Artistes“, jenem Wagen, den Paul zum Kaffeehaus ausbauen ließ.

© Foto TT/Rudy De MoorTreffen im Lieblingswagen: Bernhard Paul und seine Tochter Lili im „Café des Artistes“, jenem Wagen, den Paul zum Kaffeehaus ausbauen ließ.



Der Hochsommer hat begonnen, mit Hitze und Gewittern. Was bedeutet das für einen Zirkusmenschen?

Bernhard Paul: Es ist eine andere Art der Probleme. Wir müssen immer an das Publikum denken. Deswegen haben wir ein Bio-Klimazelt erfunden. Jetzt können wir die Spitze des Zeltes elektrisch abheben. Sofort geht heiße Luft aus der Kuppe ab, frische wird angesaugt. Da machen alle „Aaaaah“. Dass ich Hoch- und Tiefbau studiert habe, war bei der Entwicklung sehr nützlich.

Der Grund, warum Sie beide in Tirol sind, ist ein Sommer-Projekt für die Swarovski Kristallwelten. Was erwartet uns?

Bernhard Paul: Ich habe Juwelen aus meiner Sammlung mitgebracht. Dieser alte Kaffeewagen, das „Café des Artistes“, in dem wir hier sitzen, ist 120 Jahre alt. Hier saßen schon viele Stars, von Andy Warhol bis Nena. Die Einrichtung ist handgeschnitzt, die Bestuhlung aus der Pariser Metro. Dieser, so wie alle anderen Wägen, sind aus meiner persönlichen Sammlung und liebevoll restauriert. Ich hoffe, die Leute werden es zu schätzen wissen.

Körpersprache: Bernhard Paul verleiht seinen Worten mit beiden Händen Ausdruck.
Körpersprache: Bernhard Paul verleiht seinen Worten mit beiden Händen Ausdruck.
- Foto TT/Rudy De Moor

Lilli Paul-Roncalli: Ich werde den ganzen Sommer in Tirol bleiben und, neben anderen Akrobaten, zweimal täglich meine Aufführung als Kontorsionistin, also als Schlangenfrau, zeigen.

Das aktuelle Programm des Circus Roncalli heißt „Storytelling“. Ist Ihr Vater auch privat ein guter Geschichtenerzähler?

Lili Paul zeigt in Wattens ihre außergewöhnliche Beweglichkeit mit einem Lächeln.
Lili Paul zeigt in Wattens ihre außergewöhnliche Beweglichkeit mit einem Lächeln.
- Andrea Wieser

Lili Paul-Roncalli: Ja, mein Vater hat uns in der Tat immer gute Geschichten erzählt. Am Abend zum Einschlafen.

Selbst erfundene?

Bernhard Paul: Nein, selbst erlebte, das sind die besten.

Abgesehen von den guten Geschichten. Wie war die Kindheit mit einem Zirkusdirektor-Vater?

Lili Paul-Roncalli: Als ich klein war, war es für mich komplett normal. Erst jetzt merke ich, wie besonders die Welt ist, in der ich aufgewachsen bin. Und das Beste ist natürlich die Chance, in der Manege stehen zu können. Es ist zwar ein kurzer Moment, aber ein intensiver. Darauf bereitet man sich das ganze Leben vor.

Gemeinsam mit Lili und Gerry Kessler beim Life Ball 2019 in Wien.
Gemeinsam mit Lili und Gerry Kessler beim Life Ball 2019 in Wien.
- APA

Die Berufung wurde Ihnen also in die Wiege gelegt?

Lili Paul-Roncalli: Nicht direkt. Meine Eltern haben immer gesagt, ihr könnt werden, was ihr wollt. Und mein Vater wollte nicht, dass ich Kontorsionistin werde.

Zirkusdirektor Paul mit dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer.
Zirkusdirektor Paul mit dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer.
- Foto TT/Rudy De Moor

Wieso?

Bernhard Paul: Man hat einfach Angst. Wenn man die Bewegungen nicht richtig ausführt, dann gibt es Verletzungen. Meine Tochter hat sich aber eine gute Trainerin ausgesucht, eine Russin. Sie ist in guten Händen.

Was zeichnet Ihren Vater aus?

Zirkusdirektor Paul mit Jean Paul Belmondo.
Zirkusdirektor Paul mit Jean Paul Belmondo.
- Foto TT/Rudy De Moor

Lili Paul-Roncalli: Die richtige Mischung aus liebevoll und streng. Er hat die richtige Dosis.

Und was schätzen Sie an Ihrer Tochter?

Bernhard Paul: Nun ja, ich habe die gescheitesten und schönsten Kinder der Welt. Ich weiß, das sagen alle, aber bei mir stimmt es auch noch. Nein, im Ernst, Lili ist sehr gut organisiert und hat den Durchblick. In Social-Media-Themen weiß sie Bescheid. Sie ist sehr clever und aufmerksam. Und sie ist perfektionistisch, das ist nicht immer leicht für sie.

Wie geht es Ihnen Lili, wenn Sie das hören?

Lili Paul-Roncalli: Nun ja, es schmeichelt natürlich, aber selbst ist man doch immer kritischer.

Bernhard Paul: Gott sei Dank, es gibt auch Größenwahnsinnige. Ich habe Menschen mit Bodenhaftung sehr gerne.

Welche Lektion haben Sie als junger Mensch gelernt, die Sie heute Ihrer Tochter weitergeben können?

Bernhard Paul: Das ist schwer zu vergleichen. Denn es war eine komplett andere Zeit. Meine Welt als junger Mann war eine verrückte Kunstszene. Ich war gemeinsam mit Gottfried Helnwein und Manfred Deix an der „Graphischen“ in Wien. Und wir hatten eine Menge Spaß, haben alles ausprobiert. Man nannte uns das Trio infernal. Unsere Eltern waren alle vom Krieg geprägt, lebten in einer teils sehr kleinen Welt. Der Vater von Helnwein war bei der Post. Er war ein kleiner Mann mit sehr hoher Stimme. Wir nannten ihn immer „die Brieftaube“. Zum Ende hatten wir so viele Fehlstunden – der Deix besonders in Religion –, dass wir alle rausgeflogen sind. Ein Schulkollege war auch noch der Maler Josef Bramer. Wir waren gefürchtet, aber heute sind wir dort auf der Wall of Fame in der Schule abgebildet. Es war eine Aufbruchsstimmung damals.

Lili muss heute in einer anderen Welt bestehen. Facebook und Instagram sind die Messlatte ...

Bernhard Paul: Ja, deswegen würde ich sagen, das Wichtigste ist, dass du dir selber treu bleibst. Und lass dich nicht verbiegen, von niemandem. Aber Sorgen mache ich mir bei dir nicht. Du weißt eigentlich am besten, was los ist.

Und im Bezug auf den Zirkus, den sie mit ihren Geschwistern einmal übernehmen wird?

Bernhard Paul: Keine Kompromisse. Die hasse ich, sie sind immer schwach. Und Qualität geht über alles. Ein Beispiel: Die Gold-elemente an meinen Zirkuswägen sind mit echtem Blattgold bemalt. Natürlich erkennt das kaum ein Zuschauer, aber sie spüren es. Es ergibt eine andere Atmosphäre.

In Wattens hat André Heller die Swarovski Kristallwelten gestaltet. Sie kennen sich, haben gemeinsam den Circus Roncalli gestartet, aber Heller ist bald im Streit gegangen ...

Bernhard Paul: Ich nannte ihn mal einen mit fremden Federn geschmückten Heino der Scheinintelligenz. Und das trifft es gut. Er hat sich oft mit den Leistungen anderer dekoriert. Er ist eine Wiederaufbearbeitungsanlage der Ideen. Aber wir haben uns nach vielen Jahren versöhnt, er hat sich entschuldigt.

Hat Ihr Wirken jetzt an diesem Ort etwas Versöhnliches?

Bernhard Paul: Die Manege ist rund. Kreise schließen sich eben.

Das aktuelle Zirkusprogramm macht gerade Schlagzeilen mit aufwändigen Hologrammen ...

Bernhard Paul: Wir sind in allen Medien weltweit. Sogar auf dem arabischen TV-Sender „Al Jazeera“. Das Besondere an den Hologrammen ist, dass wir es geschafft haben, sie rund in die Manege zu projizieren, nicht nur flach. Das ist eine Weltneuheit.

Was muss ein Zirkus heute haben, um junge Leute anzulocken?

Lili Paul-Roncalli: Es braucht den richtigen Mix aus Traditionellem und Modernem. Wir haben einen Beatboxer, einen Breakdancer und eine Nummer mit einem Roboterarm als Hebefigur. Das sind neue Impulse, die mit den klassischen Zirkuselementen kombiniert werden können.

Wer trifft die Entscheidungen? Gibt es schon einen Generationenkonflikt im Circus Roncalli?

Bernhard Paul: Nein, im Gegenteil, ich bin gefühlt eigentlich jünger als meine Tochter. Da kann es gar keine Konflikte geben.