Letztes Update am So, 28.07.2019 07:24

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Mehr als nur ein Stadtflitzer: Die Vespa kommt wieder ins Rollen

Fast um jede Ecke düst eine Vespa. Der italienische Kultroller hat aber weit mehr Aufgaben als vor über 70 Jahren. Drei Vespa-Fans erzählen ihre Geschichte.

Die Teilnehmer der heurigen Pyhrn-Priel-Rallye in OÖ: auch zehn Tiroler waren mit von der Partie.

© Thomas BöhmDie Teilnehmer der heurigen Pyhrn-Priel-Rallye in OÖ: auch zehn Tiroler waren mit von der Partie.



Von Manuel Lutz

Ohne Stress über die Straße „cruisen", dabei die Landschaft und die Umgebung genießen und dazu viele Geschichten erleben, die immer in Erinnerung bleiben und sich manchmal (leider) auch in der runden Karosserie verewigen. Eine wohl passende Erklärung, um das Gefühl eines Vespafahrers zu beschreiben. „Man hat maximal 24 PS, auf den Berg fährt man mit 60 km/h hinauf. Da genießt man alles viel mehr. Stress hat man keinen", ist für Markus Tomasini vom Mountainmen Vespa Club Innsbruck klar. Dieser Meinung ist auch der Innsbrucker Wolfgang Heinzle, der zuvor viele Jahre nur auf große Motorräder stieg: „Man ist nicht so schnell unterwegs. Es ist richtig italienisch, man hat viel mehr Zeit. Und das Freiheitsgefühl ist unglaublich." Eine Ausfahrt mit der Vespa bedeutet einfach, das „dolce vita" auf die Straße zu bringen. Da sind sich die beiden einig.

Wo sind die Vespas los?

  • Am 6. und 7. September findet die Vespa-Party Innsbruck beim Hotel Schwarzer Adler statt. tregiorni2017@gmail.com
  • Nacht-Rennen am Arlberg Pre Re IIII/Lech; 4. und 5. Oktober, offen für alle Vespas.
  • Vespa-Winter-Treffen am Natterer See am 18. Jänner 2020, offen für alle Vespas.

Preiswert war einmal

Dabei hatte der Kultroller anfangs eine andere Aufgabe. Die Menschen hatten nach Kriegsende ein bescheidenes Budget, der Wunsch nach einem preiswerten Transportmittel, um kurze Strecken so schnell wie möglich zurückzulegen, war groß. So präsentierte die Firma Piaggio 1946 die erste Vespa. Das Urmodell war um läppische 55.000 Lire erhältlich.

Nach Tirol schaffte es das erste Zweirad aus der Toskana vier Jahre später. Verkauft wurde sie von Richard Kroneder, der damals noch bei der Firma Egger arbeitete. Anfangs hatten hier nur wenige eine Vespa, da sie teurer war als andere Roller. 1974 eröffnete Kroneder sein Vespa-Center in Innsbruck. Heute wird der Betrieb von Enkel Walter geführt. „Von 1960 bis 1980 waren die goldenen Zeiten. Die Leute hatten mehr Geld", so Kroneder.

Die Motoren standen jedoch auch still. Um die Jahrtausendwende wurden fast keine Vespas verkauft, Piaggio verpasste den Anschluss an Automatik-Roller. „Es wurden neue Oldtimer verkauft", weiß Tomasini.

Sein Opa Richard gründete 1974 das Vespa Center.
Sein Opa Richard gründete 1974 das Vespa Center.
- Thomas Boehm / TT

Für die Trendwende sorgten die neuen, sportlichen Modelle GTS und LX, die nicht nur optisch, sondern auch mit neuer Technik überzeugten. „Seither boomt die Vespa", so Kroneder. In den besten Zeiten setzte die Innsbrucker Firma 500 Stück pro Jahr ab. Sogar die Messehalle wurde gemietet, um die Roller zu lagern. Nun hat es sich etwas eingependelt. „Wir verkaufen pro Saison etwa 200, in ganz Österreich werden es um die 12.000 sein", so Kroneder. Die Nachfrage bestimmt bekanntlich auch den Preis, bei bestimmten Modellen wurde das edle Zweirad in den vergangenen zwölf Jahren um knapp 1000 Euro teurer.

Auf Erkundungsfahrt

Ein Mitgrund, warum Heinzle anfangs einen normalen Roller kaufen wollte. Der Hype um die Vespa 300 GTS packte aber auch den Innsbrucker, der sich 2010 erstmals für einen Italiener entschied. „In meiner Jugend habe ich mir keine leisten können. Mit 49 Jahren war es dann so weit. Meine Freunde hatten alle eine Vespa und bei einem Bier hab' ich per Handschlag ausgemacht, dass ich mir auch eine kaufen werde", so Heinzle. Seither kann er auch Frau Christine für Ausflüge auf zwei Rädern begeistern.

Woher kommt die Vespa?

Die Toskana ist für Dolce Vita bekannt. Dass auch die Vespa aus dieser Region kommt, kann doch kein Zufall sein. Piaggio, Hersteller des Rollers, ist in der kleinen Stadt Pontedera nahe Pisa beheimatet. Dem Bedürfnis nach einem preiswerten Transportmittel kam die Firma nach und stellte 1946 die erste Vespa vor.

Die ersten Modelle kosteten zwischen 55.000 und 66.000 Lire. In Tirol wurde erstmals 1950 eine Vespa verkauft. 1974 kostete das Modell Primavera 14.220 Schilling. Heute liegt der Preis für die neue Version bei etwa 4800 Euro (umgerechnet 66.049,44 Schilling).

Tomasini war hingegen immer schon Vespa-Fahrer. Zu seinem 16. Geburtstag schenkte ihm sein Vater eine blaue Pk 50. Diese tauschte er etwas später gegen ein stärkeres Modell ein. „Leider habe ich die auch nicht mehr, da man in seinem jugendlichen Leichtsinn alles verkauft." Aus seinen Fehlern lernte der 47-Jährige, nun ist er bereits stolzer Besitzer von neun verschiedenen Modellen.

Nur zum Anschauen sind seine Roller jedoch nicht. In der Freizeit nimmt der ehemalige Präsident des Innsbrucker Vespa-Clubs an Rennen und Liebhaber-Treffen teil. Besonders gern erinnert er sich an eine seiner längeren Ausfahrten zurück. 2005 entschied sich der gebürtige Schwede, seinen Großvater in Stockholm zu besuchen.

Es scheint, als ob es mit der Vespa keine Grenzen gäbe. „Man kann nicht mehr als 350 Kilometer pro Tag fahren. Das schafft der Körper nicht, da tut einem alles weh", spricht Tomasini aus Erfahrung. Am Weg nach Skandinavien war er nach einer Woche am Ziel.

Wolfgang Heinzle macht mit Frau Christine gerne eine Ausfahrt mit seiner Vespa.
Wolfgang Heinzle macht mit Frau Christine gerne eine Ausfahrt mit seiner Vespa.
- Heinzle

Braucht man eine Fahrerlaubnis?

Auch wenn die Vespa fürjedermann gemacht ist, braucht es einen Tauglichkeitsnachweis (Motorradführerschein). Ein Leichtmotorrad bis 125 ccm kann man jedoch mit dem B-Schein (Autoführerschein) lenken.

Dafür müssen folgende Kriterien erfüllt werden: Man muss mindestens fünf Jahre ununterbrochen im Besitz des Führerscheins sein. Zudem darf es keine Probeizeit-Einschränkungen geben. Und sechs Fahrstunden müssen absolviert werden. Dann kann auch in Spanien, Portugal, Italien, Tschechien und Lettland gefahren werden.

Der Ausflugsdrang auf dem Kultroller packte auch Heinzle. Bislang blieb es jedoch bei kürzeren Strecken nach Bayern oder Südtirol mit etwa 200 Kilometern. Aber auch in Tirol ist er gerne unterwegs. Durch die Vespa entdeckte er bislang unbekannte Plätze. „Ich bin in fast alle Seitentäler in Tirol gefahren. Zu der Kronburg bei Schönwies wäre ich ohne Vespa nie gekommen."

Familie Kroneder ist in der Freizeit gern in Italien unterwegs. Die bislangs spektakulärsten Fahrten waren für Walter die Amalfiküste und Elba.

Gleiches Fahrzeug, neue Idee

Dass es auch in Italien auf der Vespa ungemütlich werden kann, musste Tomasini im vergangenen Jahr feststellen. Bei einem historischen Rennen, das von Caserta nach Bari führt, überraschte ihn ein starkes Gewitter.

In einer Kurve kam er mit seinem Gefährt aus dem Jahr 1957 zu Sturz. Provisorisch musste er am Straßenrand den Motor richten, um ins Ziel zu kommen. Der Oldtimer hat eine sichtliche Erinnerung durch den Unfall. Viele Vespa-Sammler würde der Anblick schmerzen. Nicht so Tomasini: „Jeder Kratzer hat eine Geschichte. Es gehört dazu wie jede Falte bei einem Mann."

Markus Tomasini am Weg zur Pyhrn-Priel Vespa-Rallye. Das passende Outfit darf natürlich nicht fehlen.
Markus Tomasini am Weg zur Pyhrn-Priel Vespa-Rallye. Das passende Outfit darf natürlich nicht fehlen.
- Pyhrn-Priel



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