Letztes Update am So, 04.08.2019 07:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Auf Sommerfrische mit 27 männlichen Blondinen

Die ersten beiden Sommer ihres Lebens verbringen die Junghengste des Ebbser Fohlenhofs auf einer abgeschiedenen Alm am Erlerberg. Betreut werden sie dabei von Hans Taxauer. Der 77-Jährige kennt seine „Familie“ genau und weiß: Zwischen Tier und Mensch gibt es viele Parallelen.

Ausschau nach der Herde: Hans Taxauer betreut am Erlerberg 27 Junghengste.

© Hans OsterauerAusschau nach der Herde: Hans Taxauer betreut am Erlerberg 27 Junghengste.



Text: Jasmine Hrdina

Um der Hitze zu entgehen, kommen die Pferde über die Mittagszeit in den Stall auf der Buchaueralm.
Um der Hitze zu entgehen, kommen die Pferde über die Mittagszeit in den Stall auf der Buchaueralm.
- Hans Osterauer

Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das Geäst, das frühmorgendliche Konzert der Singvögel wird durch ein menschliches „Servus“ unterbrochen. Hoch oben am Erlerberg steht ein Mann mit langem Rauschebart und Filzhut am Wegesrand. Der klare Blick durch die stahlblauen Augen zeugt von Lebensenergie, die 77 Jahre stehen dem Tiroler jedenfalls nicht ins Gesicht geschrieben. Vielmehr erweckt er mit seinem karierten Hemd und dem Ast als Wanderstock in der Hand den Eindruck, als Testimonial für ein Tourismusmagazin gebucht worden zu sein. Doch die Leidenschaft, die Hans Taxauer als langjähriger Hüter der Junghengst-Herde auf der Buchaueralm versprüht, könnte selbst ein erfahrener Marketingmanager nicht inszenieren.

Jeden Mittwoch (von Anfang Juni bis Mitte Oktober) empfängt Taxauer Besucher des Ebbser Fohlenhofs auf der 1200 Meter hoch gelegenen Privatalm, führt sie in die Welt der berühmten Haflinger ein. Ein rarer Einblick, normalerweise genießt die Herde die Ruhe in der Natur, fernab von Smartphone-Zombies und dem hektischen Alltag der Stadtbewohner.

Die Haflinger dürfen sich auf 28 Hektar Almfläche austoben.
Die Haflinger dürfen sich auf 28 Hektar Almfläche austoben.
- Hans Osterauer

„Mensch und Tier sitzen im selben Boot“, betont der Alminger immer wieder, als er seinen Besuchern den Weg durch ein Blumenparadies auf den Wiesen weist, steile Hänge hinauf, vorbei an den Überresten eines 500 Jahre alten Stallgemäuers, hin zu einer Lichtung, die den Blick auf das blau- und grüntonreiche Bergpanorama Tirols und Bayerns freigibt. Plötzlich ein Wiehern und donnernde Hufe. 27 männliche Blondinen stapfen durch die hügelige Landschaft. Muskulös, anmutig und wild. „Ihre Energie ist so faszinierend“, meint Taxauer, der sein ganzes Leben den Tiroler Zuchtrössern widmete. Alle Junghengste des landesweiten Zuchtverbands verbringen die ersten beiden Sommer ihres Lebens auf der Alm am Erlerberg.

„Man lebt mit dem Risiko. Beim Menschen kann es auch passieren, dass er einen falschen Weg einschlägt.“
Hans Taxauer, Alminger

Die Einjährigen nennt Taxauer liebevoll „Buam“, die Zweijährigen ruft er „Manda“. Und dabei redet der fünffache Vater mit den Tieren so, als wären auch sie seine Kinder. Schimpfen inklusive. „Sie sind wie Familie für mich“, sagt der geborene Erler. Eine von Wert – nicht nur emotional. Jeden Herbst werden die älteren Hengste in Ebbs versteigert, Interessenten aus der ganzen Welt reisen dazu ins Tiroler Unterland. Die Preise starten zwischen 1000 und 2000 Euro. Im vergangenen Jahr wechselte das teuerste Zuchttier für 80.000 Euro den Besitzer.

Bei einer 27-köpfigen Herde trägt Taxauer also auch monetär eine große Verantwortung. Unfälle bleiben laut ihm aber die Ausnahme. Letztes Jahr stürzte ein Hengst unglücklich auf einer Eisplatte und brach sich dabei die Hüfte. „Man lebt mit dem Risiko. Beim Menschen kann es ja auch passieren, dass er einen falschen Weg einschlägt“, zeigt sich der 77-Jährige gelassen.

Über steile Hänge, Stock und Stein: Mit 77 Jahren lässt der fitte Taxauer beim Wandern manch jungen Besucher alt aussehen..
Über steile Hänge, Stock und Stein: Mit 77 Jahren lässt der fitte Taxauer beim Wandern manch jungen Besucher alt aussehen..
- Hans Osterauer

Natürliche Rasenmäher

Auf ingesamt 28 Hektar Fläche können sich die Tiere zwischen Mai und September austoben. Als „Alminger“ kümmert sich Taxauer, der bereits als Kleinkind am heimischen Bauernhof mit den blonden Huftieren vertraut war, um Wiesen, Wälder und die Herde. Auf kleinen Hügeln wachsen verschiedene Kräuter und Blumen. Seit 60 Jahren befindet sich die Alm im Besitz des Haflinger Pferdezuchtverbands und wurde seither nie gedüngt. „Brennnessel mögen sie nicht so gern – bei so viel Auswahl fressen sie eben nur das Beste“, lacht der Herdenhüter. Ansonsten erweckt das riesige Almgebiet allerdings den Eindruck, als wäre es das Testgelände eines großen Rasenmäherherstellers: Die Gräser sind bis auf wenige Millimeter gestutzt. Die Mägen der Halfinger scheinen niemals voll. Kaugeräusche begleiten die Herde den ganzen Tag über und lassen einen regelrecht in Trance geraten.

Seine Gedanken über das Zusammenleben von Mensch und Tier hält Taxauer in einem Tagebuch fest.

Seine Gedanken über das Zusammenleben von Mensch und Tier hält Taxauer in einem Tagebuch fest.

- Hans Osterauer

Zu viel Grün tut aber auch den Tieren nicht gut, wie Taxauer erklärt. „Besonders das kurze Gras ist sehr eiweißreich. Zu viel davon führt zu Hufrehe, Sommerräude oder Koliken.“ Als Ausgleich bekommen die Pferde deswegen Kraftfutter im Stall serviert. Zum Mittagessen muss Hans seine „Jungs“ nicht rufen. Ihre „innere Uhr“ sagt den Tieren, wann es Zeit ist, zur Hütte zu laufen. Ein kleiner Zwischenstopp am Wassertrog und schon drängen die aufgeweckten Huftiere zu den Eingängen der beiden Ställe. Während der Mittagshitze verweilen sie in den kühlen Unterkünften, bevor sie am Nachmittag wieder auf Wiesen und in Wälder laufen.

Charakterstärker Herdenführer

Für die kraftvollen Rösser wäre es ein Leichtes, einen Menschen zu Boden zu bringen. Die Jungtiere sind neugierig, doch die Herde strahlt eine Ruhe aus. „In den ersten drei bis fünf Wochen schaut das aber anders aus – immerhin müssen sich die Burschen erst aneinander gewöhnen“, so Taxauer. Futterneid gehört dazu. „Jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter, das ist genau wie bei den Menschen“, erklärt der zweibeinige Herdenführer, als er die Kraftfutterpellets in den Trögen verteilt. Einem scheuen Haflinger muss er erst gut zureden, bevor sich dieser zwischen seinen gierigen Kumpanen ans große Fressen wagt. „Benimm dich, sonst fliegst du raus!“, wird ein einjähriger Hengst ermahnt, als er nach dem Außenseiter tritt. Dann kehrt Ruhe ein.

Rangkämpfe, die raue Natur mit Hitzewellen und frostigen Temperaturen in der Nacht, die steinigen Wege – das alles stärke den Charakter der Tiere. Auch hier verweist Taxauer wieder auf die Gemeinsamkeit von Mensch und Tier. „Ein Herdenführer muss einer sein, der nicht untergeht, aber auch nicht überheblich wird, damit die Ruhe bleibt.“ Die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, gehöre für ihn zum Leben.

Schon als 13-Jähriger versorgte Taxauer (l.) mit seinen Geschwistern Georg und Annemarie die Haflinger am eigenen Hof in Erl.
Schon als 13-Jähriger versorgte Taxauer (l.) mit seinen Geschwistern Georg und Annemarie die Haflinger am eigenen Hof in Erl.
- Hans Osterauer

Mensch und Tier im selben Boot

Viele Menschen haben verlernt, auf ihren eigenen, naturgegebenen inneren Rhythmus zu hören, ist der Landwirt überzeugt. „So etwas wie psychische Probleme gibt es auf der Alm nicht.“ In der Hütte gewährt Taxauer Einblicke in seine Tagebücher. Dort hält er nicht nur alles fest, was mit den Pferden zu tun hat: Futtermengen, Auffälligkeiten, anstehende Arbeiten. Auch seinen Gedanken über das Leben lässt er dort freien Lauf. Und diese inspirieren ihn immer wieder aufs Neue für die Gestaltung der Hengstalm und den mittwöchlichen Besuchertag. „Es gibt drei Phasen, nach denen ich auch die Wanderrouten benannt habe: Orientierungsweg – die ersten Jahre eines Daseins. Lebensweg – der Hauptteil und Bestimmung. Und am Ende brechen wir dann zum Paradiesweg auf.“ Jedes Jahr muss sich Taxauer dabei an neue Wegbegleiter gewöhnen – und sich im Herbst von einigen trennen. Liebgewonnene „Familienmitglieder“, die einen ob ihrer Jugend an die eigene Vergänglichkeit erinnern. „Ich würde selber aber nicht mehr jung sein wollen“, überrascht Taxauer mit einem Statement. „Ich glaube, man würde dieselben Fehler wieder machen.“

Fehler, die auch Erfahrung bringen. „Pferde sind Fluchttiere. Man muss Geduld mit ihnen haben.“ In den ersten Tagen auf der Alm dreht Taxauer den Neulingen gerne den Rücken zu. „Das weckt ihre Neugier und sie kommen von selber auf mich zu. Ihnen gleich direkt in die Augen zu schauen, würde sie nur verängstigen.“ Getreten oder verletzt wurde er in all seinen Jahrzehnten als Herdenhüter nie. „Vielleicht habe ich bisher aber auch einfach nur Glück gehabt.“

Die jungen Hengste sind vor allem eins: neugierig.
Die jungen Hengste sind vor allem eins: neugierig.
- Hans Osterauer