Letztes Update am So, 04.08.2019 07:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Magazin

Trendsport Bogenschießen: Mit dem Pfeil den Bogen rauskriegen

Entschleunigen mal anders. Das 3D-Bogenschießen verbindet Wandern in der Natur mit dem mentalen Fokus beim Umgang mit Pfeil und Bogen. Wir haben einen Parcours im Unterland besucht und den Trendsport ausprobiert.

Ruhige Hand und Konzentration. Bevor es ins Gelände geht, absolviere ich an der Scheibe meine ersten Schüsse mit Pfeil und Bogen.

© Vanessa Rachlé / TTRuhige Hand und Konzentration. Bevor es ins Gelände geht, absolviere ich an der Scheibe meine ersten Schüsse mit Pfeil und Bogen.



Text: Beate Troger

Nur der Bach plätschert leise. Bis auf meinen etwas angespannten Atem herrscht absolute Stille. Horizontal liegt der Bogen vor mir, mein Arbeitsgerät für die nächsten eineinhalb Stunden. Wir müssen uns erst anfreunden. Ich lege den Pfeil in die Auflagevorrichtung und stecke die Nocke, die Einkerbung am hinteren Ende, in die Bogensehne. Dann folgt schon meine erste Erkenntnis: Nein, man muss den Pfeil beim Spannen des Bogens gar nicht zwischen den Fingern festhalten. Ich ziehe also die Sehne des Pfeils auf und bin überrascht, wie natürlich der ergonomische Griff des Bogens in der Hand liegt. Dann versuche ich, auf das Rentier im Bachbett zu zielen. Es bleibt bei dem Versuch. Mit einem kurzen Zischen pfitscht der Pfeil zwar in etwa in die korrekte Richtung, aber gute 30 Zentimeter über das Schaumstofftier hinweg.

Mit Pfeil und Bogen in der Natur

Mit Sebastian Foidl, Obmann des Bogensportvereins (BSV)Kirchberg, spaziere ich durch den Wald beim Ortsteil Bockern. Seit rund 20 Jahren befindet sich hier der erste Parcours in der Unterländer Gemeinde, die sich auch touristisch auf das Bogenschießen fokussiert hat. Feste Schuhe, einen geschnitzten Holzbogen ohne technischen Schnickschnack sowie den Köcher mit ein paar Pfeilen – mehr brauchen wir nicht. Schon vorher habe ich einen Armschutz angezogen, ein so genannter Tab schützt meine Finger beim Spannen der Sehne.

Das 3D-Bogenschießen, also das Zielen auf dreidimensionale Figuren mit Pfeil und Bogen, gilt als aufstrebender Trendsport. Die Faszination wird schnell spürbar. Ich spaziere durch das Gelände in der freien Natur, genieße die Ruhe, atme frische Waldluft.

Hilfe bei der korrekten Haltung. Sebastian Foidl erklärt: Der Bogenarm wird gestreckt, die Sehne mit der anderen Hand noch bis zum Mundwinkel gespannt.
Hilfe bei der korrekten Haltung. Sebastian Foidl erklärt: Der Bogenarm wird gestreckt, die Sehne mit der anderen Hand noch bis zum Mundwinkel gespannt.
- Vanessa Rachlé / TT

Das Bogenschießen selbst an den 28 Stationen verlangt vor allem mental einiges ab. Es gilt zunächst einmal die nächsten Ziele auszuspähen. Meist sind es heimische Wildtiere in naturgetreu nachgestellten Jagdszenen. Hinter Nadelbäumen reißt am Bach­ufer aber auch ein Krokodil sein Maul auf. Mit viel Hingabe malen die Vereinsmitglieder die Tierfiguren selbst an und bessern auch die Schussverletzungen aus.

Anstrengend und entspannend

Und wieder von vorne: Pfeil auflegen, spannen, schießen. Eine ruhige Hand ist gefragt. Meine Bewegungsabläufe und Handgriffe werden langsam flüssiger. Tatsächlich entschleunigt das Bogenschießen enorm. Mit jedem Pfeil, auch wenn er am Anfang meist irgendwo im Gelände landet, fliegt auch der Alltag ganz weit weg.

Mit Sebastian Foidl feile ich an meiner Schusstechnik sowie am Zielen und Treffen. Um den Pfeil erfolgreich in die Figur, im besten Fall auf die aufgemalte Zielscheibe zu befördern, geht es nicht nur darum, den Bogenarm konzentriert stillzuhalten. Ich muss die Entfernung einschätzen. Die Flugbahn des Pfeiles sollte einkalkuliert und die Intensität des Spannens berücksichtigt werden. Und dann kommt das Wichtigste: „Im richtigen Moment loslassen“, sagt Foidl lächelnd.

In die Natur eingebettet. Vor einem kleinen Wasserfall kann auf einen Lachs (rechts oben) geschossen werden.
In die Natur eingebettet. Vor einem kleinen Wasserfall kann auf einen Lachs (rechts oben) geschossen werden.
- Vanessa Rachlé / TT

Beim traditionellen Bogenschießen wird auf ein Visier als Vorrichtung zum präziseren Zielen und andere technische Unterstützung komplett verzichtet. Der Bogenschütze vertraut beim Zielen auf sein Auge und vor allem auf seine Erfahrung – „und diese geht dann irgendwann einmal in Intuition über“, erklärt er.

Nach dem konzentrierten Schießen sorgt das Wandern zur nächs­ten Station für Abwechslung, nicht nur im Geist, sondern auch körperlich. Interessant: Nicht nur das Spannen der Sehne ist es, was mich auffallend anstrengt. Da ich den Bogen relativ lange ruhig halten muss, werden wiederum im Rücken und im Arm Muskeln beansprucht, die ich selten zuvor so bewusst benutzt habe.

Abschalten von Handy & Co.

Mit Unterstützung des versierten Hobbyschützens gelingt mir nach mehreren verschossenen Pfeilen tatsächlich ein Treffer. Meine bunte Pfeilspitze steckt im Hinterteil des Hirschs. Auch wenn es nur eine Kunststofffigur ist, irgendwie empfinde ich Mitgefühl für das Tierchen, als ich den Pfeil wieder herausziehe. Eine große Jägerin wird aus mir wohl nicht mehr. „Gleich noch einmal!“, motiviert mich der Experte und stachelt den Ehrgeiz an.

Die Einstiegshürde in den Bogensport ist niedrig. Viel mehr als eine kurze Einschulung und das Vertrautwerden mit einem der ältes­ten Jagdgeräte der Menschheit braucht es nicht. Dann heißt es vor allem üben, üben, üben, um besser zu werden. „Kinder können schon im Alter von etwa sechs Jahren mit dem Bogensport beginnen“, erklärt Foidl. Jeden Dienstagvormittag bietet er im Auftrag des Tourismusverbandes eine Einschulung und Begehung des Parcours an. „Vor allem die jungen Leute genießen es sehr“, berichtet er, „man kann direkt beobachten, wie sie runterkommen und auch das Handy stundenlang nicht ein einziges Mal beachten.“

Im Unterland hat sich Kirchberg mit drei Vereinen, drei 3D-Parcours im Freien, einer Bogensporthalle und einem Fachhändler zum Mekka des Bogenschießens entwickelt. Begeisterte Hobbyschützen trainieren hier ebenso wie Weltmeister. Auch Unternehmen nutzen den Parcours für Seminare und Teambuilding-Events. „Auch wenn immer wieder Turniere stattfinden, geht es nicht unbedingt darum, sich im Wettkampf zu messen“, erläutert Vereinsobmann Foidl. Auch der jagdliche Aspekt stehe eher im Hintergrund. Mit Pfeil und Bogen auf lebende Tiere zu schießen, ist in Österreich generell strikt verboten. „Das 3D-Schießen kam in den vergangenen 30 Jahren aus Amerika zu uns nach Europa und wurde schnell populär“, weiß er. Foidl selbst geht am liebsten zum Entspannen und zum Genuss in den Wald Bogen schießen.

Gegen Ende des Parcours werden die Ziele anspruchsvoller. Tief im Wald lässt sich ein weißer Wolf in mehr als 50 Metern Entfernung ausmachen. Vor einem Wasserfall kann auf einen Lachs geschossen werden. Eine Fledermaus und eine Spinne bewegen sich dank einer Aufziehvorrichtung und sorgen für neue Herausforderung.

Nach knapp eineinhalb Stunden gelingen mir immer mehr Treffer. Der Bogen und ich, wir sind uns nähergekommen, haben uns immer besser verstanden. Die Zeit ist schnell wie ein Pfeil verflogen.

Schaumstofftiere als Ziele. Beim 3D-Bogensport wird auf Tierfiguren geschossen. Die Fledermaus bewegt sich sogar.
Schaumstofftiere als Ziele. Beim 3D-Bogensport wird auf Tierfiguren geschossen. Die Fledermaus bewegt sich sogar.
- Vanessa Rachlé / TT

Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Vor dem Einstieg erklärt Bergführer Stefan Wierer der Familie Hollaus aus Eben am Achensee die Grundregeln.TT-Magazin
TT-Magazin

Sicher über jeden Klettersteig: Diese Kinder zeigen es vor

Ständig entstehen in Tirol neue Klettersteige. Auch die Anzahl der Rettungseinsätze nimmt zu. Wie man mit Respekt die eisernen Wege in Angriff nimmt, sollten ...

Der Radweltpokal zieht Starter aus aller Welt an.Bezirk Kitzbühel
Bezirk Kitzbühel

Radrennen auf Landebahn des Flugplatzes St. Johann

Ab 24. August heißt es in der Region St. Johann in Tirol wieder Straße frei für Tausende Radsportbegeisterte. Im Mittelpunkt steht der Airport-Sprint.

Ganz schön viel los war am Samstag am Parkplatz vor dem Dez.Bildergalerie
Bildergalerie

TT-Café in Innsbruck: Viel los am größten Frühstückstisch des Landes

Mehr als 9600 Kaffee wurden am Samstag beim größten Frühstück des Landes ausgeschenkt. Dazu gab es spannende Einblicke in die Politik, Wirtschaft, die Kultur ...

events
Sag mir, wer der Beste ist: Mehr als 3000 Hunde stellen sich dieses Wochenende der Jury. Dieser Fox-Terrier gewann in seiner „Working Class".Rassehunde-Ausstellung
Rassehunde-Ausstellung

Schöne Hunde zeigten sich am Catwalk in Innsbruck

Mehr als 3000 Hunde verschiedenster Rassen buhlen an diesem Wochenende in der Messehalle Innsbruck um die Gunst der Jury.

events
1936 schrieb Margaret Mitchell das Buch „Gone with the Wind“. In der Verfilmung steht die Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler im Fokus. Anfang Jänner erscheint die aktuelle Übersetzung des Epos „Vom Wind verweht“ im Kunstmann Verlag.TT-Magazin
TT-Magazin

„Vom Winde verweht“: Der Klassiker kommt in der Moderne an

Heute wäre ein Buch, in dem von „Negern“ die Rede ist, untragbar. 1936 war das noch anders. Grund genug, das Epos „Vom Winde verweht“ neu zu übersetzen. Dabe ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »