Letztes Update am Mo, 12.08.2019 12:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Fledermäuse: Rätselhafte Gesellen der Nacht

24 Fledermaus-Arten sind in Tirol heimisch. Derzeit kann man die Tiere in den Abendstunden oft beim Ausflug beobachten. Die Jungen werden gerade flügge.

Erfreuliche Vermehrung: Die Kleine Hufeisennase ist im Inntal ausgestorben. Im Zillertal, bei  Kitzbühel und in Osttirol nehmen die Bestände aber zu.

© Anton VorauerErfreuliche Vermehrung: Die Kleine Hufeisennase ist im Inntal ausgestorben. Im Zillertal, bei Kitzbühel und in Osttirol nehmen die Bestände aber zu.



Von Theresa Mair

Sie wohnen am liebsten in Kirchtürmen und altem Gemäuer, schlafen hängend, mit dem Kopf nach unten. Wenn sie sich zusammenkauern, sehen sie aus, als wären sie von einem Ledermantel umhüllt. Wenn sie zum Ausflug ihren schwarzen Schirm aufspannen, sind sie lautlos und blitzschnell unterwegs. Fledermäuse bieten zweifellos guten Stoff für eine Schauergeschichte.

Jetzt ist die Zeit, in der man sie sich um die Ohren fliegen lassen kann. In Walchsee zum Beispiel, wo die zweitgrößte Fledermaus-Population Tirols seit Jahren ihre Wochenstube im Dachboden der Kirche eingerichtet hat. Toni Vorauer,­ der Fledermaus-Schutzbeauftragte des Landes, bietet dort wöchentlich über den TVB eine Fledermaus-Führung an.

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- Anton Vorauer

Traditionsbewusste Tiere

Die Jungen werden nun langsam flügge, und man kann schätzungsweise 600 bis 700 Fledermäuse – rund 370 Muttertiere und jeweils ein Junges – der Art Großes Mausohr in Walchsee beim Ausfliegen beobachten. Sechs bis acht Wochen lang nach ihrer Geburt Mitte

Ende Juni kuscheln sich die Fledermaus-Babys an ihre Mütter in der Wochenstube zusammen, werden gehegt, gepflegt, gesäugt. „Jedes Muttertier hat ein Kind. Die Väter, das ist unerfreulich, tun leider gar nichts. Die warten nur auf die Paarungszeit“, sagt Vorauer.

Wenn man einzelne Fledermäuse antrifft, dann handle es sich meist um Männchen, die sich in Sicherheitsabstand zu den Weibchen aufhalten. 24 Fledermaus-Arten sind in Tirol bekannt. Entlang des Inntals bewohnen sie etwa den obersten Zwiebel von Stift Wilten, ein Gymnasium in Landeck, Schloss Lengberg in Nikolsdorf oder, wie Tirols größte Kolonie, eine kleine Kirche in Zirl. „Anfangs waren es 150 Tiere, inzwischen sind es über 400 Muttertiere“, freut sich der Fledermaus-Experte. Fledermäuse seien „traditionelle Tiere“, sie besiedeln Gebäude, die schon lange stehen und einst lückig gebaut worden sind, um einfach hineinschlüpfen zu können.

So leicht 
wie ein Euro: Die Zwergfledermaus ist die kleinste Art. Ihr Körper ist daumengroß. Nach dem Winterschlaf wiegt sie 3–4 g – so viel wie eine Euromünze.
So leicht 
wie ein Euro: Die Zwergfledermaus ist die kleinste Art. Ihr Körper ist daumengroß. Nach dem Winterschlaf wiegt sie 3–4 g – so viel wie eine Euromünze.
- Anton Vorauer

Vor Jahren haben Tiroler Fledermaus-Forscher bei der Martinswand erstmals in Österreich eine Bulldoggfledermaus entdeckt, die ihren Namen den vielen Hautfalten im Gesicht zu verdanken hat. Im Oberen Gericht lebt die Große Hufeisennase, die ihre Wochenstube aber im Vinschgau eingerichtet hat. „Sie ist unser Sorgenkind. In Tirol konnten wir bisher keine Fortpflanzung nachweisen. Da wollen wir nachhelfen und die Kirchen, die geeignet sind, noch besser machen, z.B. das Kleinklimatische verbessern. Fledermäuse mögen es gern warm.“

Der Wohnungs-Klassiker in Tirol seien aber Wandverschalungen in den oberen Stöcken. Dort richten sich typischerweise Bart- und Zwergfledermäuse ein. Momentan erhält Vorauer viele Anrufe aus der Bevölkerung, weil sich die jungen, unerfahrenen Tiere öfters einmal an Hausmauern hängen. Wer sich unsicher fühlt, kann sich bei ihm melden. „Wenn es Probleme mit Menschen gibt, fahre ich hin. Das ist ein kostenloses Service der Abteilung Umweltschutz.“

Angst vor den Tieren braucht man aber nicht zu haben. Tiroler Fledermäuse saugen entgegen der Gruselgeschichten weder Blut, noch verfangen sie sich in Haaren. Vielmehr sind sie nützliche Insektenfresser, die sich nicht zu knapp den Bauch mit Käfern & Co. vollschlagen. Oft gehe es bloß darum, dass Fledermaus-Kot aus der Wochenstube auf Balkone herabfällt. „Das dauert nur ein paar Wochen, bis die Fledermäuse ausziehen. Manchmal kann man eine Konstruktion bauen, die den Kot auffängt“, sagt der Experte.

Anton Vorauer ist Fledermaus-Schutzbeauftragter in der Umweltschutzabteilung des Landes. Info unter: www. 
fledermausschutz.at
Anton Vorauer ist Fledermaus-Schutzbeauftragter in der Umweltschutzabteilung des Landes. Info unter: www. 
fledermausschutz.at
- Toni Vorauer

Quartier im Schuhkarton

Apropos Kot: Alle paar Jahre reinigt Vorauer die Walchseer Kirche. Die Hinterlassenschaften der Tiere würden dem Gemäuer nicht schaden, appetitlich sind sie aber auch nicht. Außerdem ist der Guano-Mist ein super Blumendünger.

Wer etwas davon für seine Pflanzen möchte, kann sich ebenso bei Vorauer melden. Das kann man auch tun, wenn man eine einsame Fledermaus findet. „Am besten, man wartet eine Nacht und schaut, ob sie selbst wieder davonfliegt. Wenn nicht, nimmt man sie mit einem Gartenhandschuh und legt sie vorsichtig in einen mit Stoff ausgelegten Schuhkarton und gibt ihr Wasser.“ Ehrenamtliche Mitarbeiter Vorauers holen das Tierchen dann ab.

Im Herbst ziehen die Fledermäuse dann aus ihrer Wochenstube aus. Wohin die geheimnisvollen Tiere über den Winter fliegen? Tja, das wüsste Vorauer auch gern.

Das Große Mausohr ist die größte Fledermausart in Tirol. Es wiegt 25 g und hat eine Flügelspannweite von 40 cm.
Das Große Mausohr ist die größte Fledermausart in Tirol. Es wiegt 25 g und hat eine Flügelspannweite von 40 cm.
- Anton Vorauer