Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.10.2019


Tirol

Herlinden vereint: Ihre Idee wuchs in den Himmel

Da ihr Vorname so selten ist, begann Herlinde Wurzer vor 20 Jahren nach weiteren Herlinden zu suchen – mit Erfolg. Beim jährlichen Treffen wird ein Lindenbaum gepflanzt.

Gestern pflanzten die Herlinden den 20. Lindenbaum.

© Herbert BacherGestern pflanzten die Herlinden den 20. Lindenbaum.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Auf einem Elek­troscooter steuert eine blonde Dame auf den Innsbrucker Resselpark östlich des Tivoli-Schwimmbads zu. Das Fahrzeug wird am Straßenrand abgestellt, der Weg führt direkt zu einem Lindenbaum. In den Händen hält die Frau schon eine rote Schleife bereit. Wenige Meter vor dem Ziel folgt ein genauer Blick auf den stolz gewachsenen Baum. Das mitgebrachte Band wird behutsam um den Stamm geschnürt. Als die Masche perfekt sitzt, hängt sie noch ein rotes Herz dazu. „Jeder Baum wird geschmückt. Auf das Herz schreibt jede Herlinde einen Wunsch“, erklärt Herlinde Wurzer.

Es ist jedoch nicht die einzige Linde, die der Innsbruckerin ans Herz gewachsen ist. Seit nunmehr 20 Jahren wird von den Herlinde-Damen, einer Frauenrunde, in der alle Herlinde heißen, jährlich ein neuer Baum gepflanzt und einer öffentlichen Institution gespendet. Die Idee dazu hatte Wurzer 1999. Das zufällige Aufeinandertreffen von fünf Herlinden war die Initialzündung. „Da unser Name so selten ist, haben wir gesagt, dass es doch nett wäre, nach anderen Herlinden zu suchen“, erklärt Wurzer.

Darauf wurden ein Jahr lang Adressen von Namensvetterinnen gesammelt. Dies erfolgte ausschließlich über Mundpropaganda. „Über Freunde und Verwandte haben wir gesucht und wurden auch fündig“, erinnert sich die Gründerin der Herlinde-Damen zurück. So kam es zu dem ersten Treffen mit 18 Frauen. Dabei beschlossen die Herlinden, dass es keine Eintagsfliege gewesen sein soll. „Es hat allen gefallen. Durch die Plattform können wir neue Menschen kennen lernen und zudem Kontakte pflegen. Wir wollten unserer Zusammenkunft aber Sinn und Nachhaltigkeit geben“, war der Konsens. Da ihr Vorname im Lindenbaum vorkommt, musste nicht lange überlegt werden, welches Geschenk an die Allgemeinheit gehen sollte.

Herlinde Wurzer hatte die Idee.
Herlinde Wurzer hatte die Idee.
- Foto TT/Rudy De Moor

Jener Baum gegenüber dem Tivoli Schwimmbad war der erste, der gepflanzt wurde. „Schau, was für ein stattlicher Baum“, freut sich Wurzer, die in einen blauen Daunenmantel gehüllt ist.

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Mit einer Höhe von etwa drei bis vier Metern werden die Linden in die Erde gesetzt. Hilfe bekommt die Initiative von Gärtnern der Bundesgärten. So auch beim gestrigen Jubiläum. Herbert Bacher setzte mit 15 Herlinden in der Volksschule Igls die 20. Linde. „Die Menschen, die unsere Bäume bekommen, freuen sich immer sehr darüber. Vor allem mit Kindern ist es immer ganz schön“, ist Wurzer zufrieden.

Offensichtlich sind die Bäume sehr begehrt. Denn 2017 versuchten Vandalen das Gewächs im Hofgarten auszureißen. „Der Lindenbaum stand danach zwar schief, sie haben es aber nicht geschafft“, erklärt die gelernte Handelskauffrau erleichtert. Die Wurzeln waren wohl schon zu kräftig.

Die Runde hofft jedoch, dass ihre Idee nicht nur im Boden Wurzeln schlägt. „Wir würden uns wünschen, dass ein Kind endlich wieder Herlinde getauft wird“, so die Tirolerin. Die Familie würde natürlich – wie könnte es anders sein – einen Lindenbaum für den eigenen Garten erhalten. „Und sollte sie keine Möglichkeit haben, den Baum zu pflanzen, suchen wir mit der Familie einen schönen Platz.“

Die Geburtsanzeigen werden daher eifrig in der Zeitung verfolgt – die Damen wurden aber in einer anderen Rubrik fündig. „Nur bei den Todesanzeigen taucht der Name auf“, stimmt es Wurzer traurig. Die Hoffnung stirbt jedoch zuletzt: Insgesamt konnten über die Jahre schon mehr als 50 Herlinden mobilisiert werden. 100 wäre das große Ziel. „Sogar Damen aus Wien und Oberösterreich sind Teil unserer Gruppe“, ist Wurzer euphorisch. An Ideen fehlt es nicht – aktuell wird ein Grundstück gesucht, wo jeder Bäume pflanzen kann. Damit wollen die Herlinden wieder mehr grüne Lebensräume schaffen.