Letztes Update am Di, 03.06.2014 15:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sprache

Das Österreichische vertschüsst sich

Geht es um den sportlichen Wettkampf, ist die Rivalität zwischen Österreichern und Deutschen groß. Rein sprachlich nähern sich die beiden Nachbarn jedoch an – mit klarem Vorteil für Deutschland. Denn im Alltagsvokabular von Herrn und Frau Österreicher tauchen immer mehr bundesdeutsche Begriffe auf.



Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache.“ Dieses Zitat des Wiener Kabarettisten Karl Farkas (1893–1971) verliert an Gehalt. Denn österreichisches Deutsch (AUT) und bundesdeutsches Deutsch (GER) nähern sich an. Der große Bruder aus dem Norden zeigt dem kleineren Mitglied der Sprachfamilie, was eine Harke ist (auf Österreichisch: wer der Stärkere ist).

Typisch bundesdeutsches Sprachgut wie die Grußformel Tschüss! hat in der Alpenrepublik früher einmal manch allergische Reaktion ausgelöst. Heute vertschüsst sich hierzulande fast schon jeder, hören Sie nur einmal selbst genau hin! Auch die Grenzen zwischen der Kasse (GER) und der Kassa (AUT) schwinden, nicht nur beim Anstellen im Supermarkt. Und viele Landsleute benutzen heute ohne Weiteres eine Treppe (GER), auch wenn das gute alte österreichische Wort dafür eigentlich Stiege wäre.

Vielen Österreichern ist gar nicht bewusst, dass ihr Sprachgebrauch schwarz-rot-gelb gefärbt ist. Dem geschulten Auge (und Ohr) der Wissenschaft ist dies aber nicht entgangen. „Das Zurückdrängen des Österreichischen durch deutsche Begriffe hat in 80er-Jahren begonnen“, sagt Peter Wiesinger. Und er muss es wissen. Der Wiener Germanistik-Professor in Ruhe hat sich über Jahrzehnte mit dem österreichischen Deutsch beschäftigt.

Geschützte Sprache

Diese 23 Wörter ließ Österreich beim EU-Beitritt 1995 vertraglich schützen:

Beiried (Roastbeef)

Eierschwammerl (Pfifferlinge)

Erdäpfel (Kartoffeln)

Faschiertes (Hackfleisch)

Fisolen (Grüne Bohnen)

Grammeln (Grieben)

Hüferl (Hüfte)

Karfiol (Blumenkohl)

Kohlsprossen (Rosenkohl)

Kren (Meerrettich)

Lungenbraten (Filet)

Marillen (Aprikosen)

Melanzani (Aubergine)

Nuß (Kugel)

Obers (Sahne)

Paradeiser (Tomaten)

Powidl (Pflaumenmus)

Ribisel (Johannisbeeren)

Rostbraten (Hochrippe)

Schlögel (Keule)

Topfen (Quark)

Vogerlsalat (Feldsalat)

Weichseln (Sauerkirschen)

Wiesinger sieht viele Gründe, warum sich Bundesdeutsch im Alpenland immer stärker durchsetzt: das massive Angebot deutscher TV-Sender in rot-weiß-roten Wohnzimmern, dazu Kinderbücher und DVDs, deren Helden Apfelsinen (GER) statt Orangen (AUT) verspeisen. Im späteren Leben warten dann Medien, Webseiten, Literatur und Film-Synchronisierungen, die aus Verkaufsgründen ebenfalls eher nach Hamburg/Berlin als nach Wien klingen. Der viel größere deutsche Markt sticht.

Auch der Tourismus färbt auf die Sprache der Einheimischen ab. „Man kommt dem Gast entgegen“, formuliert es Wiesinger. Er hat dazu in Tirol unter Studenten geforscht – und Erstaunliches gefunden. Demnach bezeichnen 56 % Prozent der jungen Befragten hierzulande die beste Schulnote als eine Eins (GER), nur 44 Prozent streben einen Einser (AUT) an.

Lässt sich diese Entwicklung stoppen? Sprachexperte Wiesinger ist skeptisch. Er hat sich an das Unterrichtsministerium gewandt, mit der Bitte, man möge in den Schulen deutlicher auf die Unterschiede zwischen Österreichisch und Deutsch hinweisen. „Zurück kam ein Schreiben, aus dem hervorgeht, dass andere Themen Vorrang haben“, berichtet der Professor.

Auch in Graz sitzt ein kritischer Geist, der das Österreichische nicht ohne Widerstand aufgeben will. Sprachwissenschafter Rudolf Muhr hat zu diesem Behufe die „Gesellschaft für Österreichisches Deutsch“ (www.gsoed.at) gegründet. Muhr schätzt, dass es 20.000 bis 25.000 typisch österreichische Ausdrücke gibt. „Und diese sind eine Variante des Deutschen mit langer Geschichte und genau so richtig wie das Bundesdeutsche.“

Wochenende. In den Fußballstadien rollt der Ball. Österreichische Fans üben sich im Zuschauer-Spagat: hin- und hergerissen zwischen patriotischer Pflichterfüllung und der Sehnsucht nach dem wirklich Großen.

Hier die karge Kost der heimischen Bundesliga, die im Ausland belächelt wird. Mit 6000 Zuschauern im Schnitt. Mit Teams, die aus beschaulichen Orten wie Grödig, Ried und Wiener Neustadt stammen. Und in unmittelbarer Nähe die große Bühne: die deutsche Bundesliga. Mit Klubs wie Dortmund und Bayern (bitte stets in dieser Reihenfolge!). Mit Stars wie Marco Reus oder „unserem“ David Alaba. Mit Stadien, die fast platzen. 60.000, 70.000 Menschen vereint beim großen Spiel.

Diese Diskrepanz muss Folgen haben. Und tatsächlich. Im Bereich des Fußballjargons haben deutsche Ausdrucksweisen längst auch in Österreichs Medien Einzug gehalten. Wie selbstverständlich nehmen Reporter und Kommentatoren sprachlich Anleihe bei den Nachbarn. Eigentlich logisch. Denn schließlich ist Bundesdeutsch im Fußball die Sprache der Sieger.

Klassischerweise laufen österreichische Fußballer mit Leiberln auf den Platz. Die Deutschen bevorzugen für das Obergewand des Kickers die Bezeichnung Trikot. Und Trikot heißt es auch bei uns immer öfter in Print und Fernsehen.

Oder der übel klingende Beinschuss. Davon spricht man von München aufwärts, wenn einem Spieler der Ball zwischen die Beine durchgeschoben wird, die Höchststrafe auf dem Platz. Bei uns ist ein solches Malheur freundschaftlich-tröstend als Gurke bekannt. Doch der deutsche Beinschuss hat es längst über die Grenze nach Österreich geschafft. Und das Verb tunneln, ebenfalls Bundesdeutsch für „jemandem den Ball zwischen die Beine durchspielen“, wurde gleich mit exportiert. Wenigstens gibt es im Land der Berge ja eine gewisse Nahebeziehung zu Tunnels aller Art.

Was ist nur aus der guten alten Flanke geworden? Wenn also der Ball hoch und weit vor das gegnerische Tor getrieben wird, in der Hoffnung, ein Stürmer, der auf sich hält, möge das Leder dann weiter ins Tor befördern. Flanken sind sprachlich selten geworden, dafür feiert ihr deutsches Gegenstück, die Hereingabe, fröhliche Urständ. Auch um den Wiener Stangelpass ist es ruhig geworden. So hieß einst ein scharfer Querpass direkt vor das Tor. Hereingabe heißt auch dieser torgefährliche Spielzug heute.

Die hohe Schule der Fußballkunst ist der Fersler. Dabei wird die Wuchtel (ein schönes österreichisches Wort für den Ball) mit der Ferse gespielt, was für den Gegner, und oft auch für den Ausführenden selbst, überraschend kommt. Fersler – das klingt harmonisch, wie ein Tanz mit dem Ball. Die Deutschen haben daraus den Hackentrick gemacht. Was besser klingt, möge jeder selbst entscheiden.

Und schließlich der Schrauben (auch mit „f“ geschrieben – „Schraufen“). Verdammt oft ist ein solcher das Ergebnis, wenn österreichische und deutsche Teams im Fußball die Kräfte messen: Für unsere Kicker steht am Ende eine hohe Niederlage, ein „Schraufen“ eben. Die Deutschen bezeichnen ein solches Debakel als Klatsche. Das klingt nach Schmerz und hat schon seine Berechtigung. Denn weh tut manch eine Niederlage ja wirklich, nicht nur sportlich. (Markus Schramek)




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