Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.12.2014


Vorhersagen

Und alle Jahre wieder ein Debakel für die Orakel

Was wäre 2014 für ein Horror-Jahr geworden, wenn die Orakel Recht behalten hätten? Die Pyramiden stehen aber noch und die Säurewolke aus dem All kam nicht. Ein Mathematiker hat die Prognosen kritisch untersucht.

Pezaro sagte einen Formel-1-Unfall voraus – mit 20 Autos.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Reuters</span>

© Fer GregoryPezaro sagte einen Formel-1-Unfall voraus – mit 20 Autos.Foto: Reuters



Von Matthias Christler

Innsbruck, Roßdorf – Die Lottozahlen vom kommenden Sonntag lauten 3, 17, 26, 39, 42 und 43. Alle Angaben ohne Gewähr, die Zahlen sind nur eine Prophezeiung. Na ja, nicht ganz, sie beruhen auf der Wahrscheinlichkeit und die besagt eben, dass diese sechs Zahlen am häufigsten gezogen werden. Nichts anderes machen viele Wahrsager. Die sagten für 2014 ein Erdbeben in Asien voraus, für 2015 übrigens sehen sie wieder eines in ihren Glaskugeln. Die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens in Asien liegt nämlich bei 100 Prozent.

Davon leben Orakel, Hellseher oder Wahrsager. Sie sagen entweder ein Ereignis voraus, das mit hoher Wahrscheinlichkeit eintritt; sie sagen so viel voraus, dass sie einen Glückstreffer landen oder sie bleiben so vage, dass man sie im Nachhinein nicht festnageln kann. Der deutsche Mathematiker Michael Kunkel hat es sich zum Hobby gemacht, am Jahresende die Voraussagen der Wahrsager einem kritischen Fakten-Check zu unterziehen. „Mein Highlight von heuer ist der Gorilla, der seinen Pfleger auffrisst“, schmunzelt Kunkel über die Prophezeiung des kanadischen Mediums Nikki Pezaro. Eigentlich ist sie ein „Massen-Medium“, das über 300 Ereignisse voraussagt (einige davon links und rechts in der Spalte). „Sie hat schon für nächstes Jahr eine riesen Anzahl von Katastrophen aufgeschrieben, aber leider geht ihr Skurrilitätsfaktor langsam herunter“, sagt Kunkel.

Für die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hat er zum Jahresende hin wieder die Prognosen von 50 bekannten Auguren aus aller Welt ausgewertet. Das Ergebnis: ein Debakel für die Orakel. Wo ist die Säurewolke aus dem All geblieben, die am 1. Juni die Erde hätte heimsuchen sollen? Warum sind die Pyramiden nicht versunken? Und wo ist das UFO über dem Hudson River geblieben?

„Solche konkreten Prognosen sind selten. Dass Flugzeuge verschwinden, wurde zwar vorhergesagt, aber im Bermuda-Dreieck und nicht der Malaysia-Airlines-Flug MH370.“

Ein brasilianischer Hellseher hatte für Ende September den Absturz von Flug JJ3720 über der Stadt Sao Paolo vorhergesagt. Die Fluggesellschaft änderte kurzerhand die Flugnummer. Offenbar gibt es doch Menschen, die daran glauben. „Ich finde es nicht fair, dass Wahrsager damit Angst machen“, sagt Kunkel. Er selbst sei so zu diesem „Hobby“ gekommen. „Ich war immer ein Australien-Fan und ein Wahrsager prophezeite einmal für Anfang der 80er, dass Japan und Australien im Meer versinken werden. Im ersten Moment bin ich wirklich erschrocken, dann habe ich mich richtig geärgert und seitdem überprüfe ich solche Angaben im Nachhinein“, sagt der Mathematiker. Natürlich sind ein paar Treffer dabei. Etwa, dass die Cyber-Attacken 2014 steigen. Dass Deutschland Fußball-Weltmeister wird. Dass George Clooney heiratet. Oder Herzogin Kate wieder schwanger ist. Aber für solche Prognosen braucht man nicht unbedingt übersinnliche Kräfte.

Für jene Orakel, die den 3. Weltkrieg für 2014 erwartet haben, ist jeder größere Konflikt eine Bestätigung: „Natürlich rechtfertigen die sich dann, dass der Kampf gegen die IS ja von vielen Nationen weltweit geführt wird“, meint Kunkel. Und obwohl es am 22. 12. 2012, der Tag, an dem die Maya das Ende der Welt in ihrem Kalender festgeschrieben haben, keinen großen Knall gab, werden Weltuntergangsszenarien immer noch genannt. „Christliche Apokalyptiker sehen, dass bis Ende September vier Blutmonde auf vier wichtige Feste des Judentums fallen und dann die Welt untergeht.“

Katastrophen seien laut Kunkel nach wie vor der Klassiker, die wirtschaftlichen Vorhersagen flauen eher wieder ab. Eine Österreicherin allerdings hat sich in diesem Bereich einen Namen gemacht. Die Wienerin Rosalinde Haller wurde im Prophezeiungs-Check von Kunkel ebenfalls untersucht. „Sie macht ziemlich genaue Angaben, etwa welche Währung wie viel Prozent an Wert verliert. Zum Beispiel der Euro, der schlussendlich eine Abwertung von 70 bis 80 Prozent hat. Aber sie sagt nicht dazu gegenüber welcher anderen Währung“, kritisiert Kunkel. Eines haltet er ihr aber zugute. Im Gegensatz zu anderen löscht sie ihre falschen Prognosen nicht aus dem Internet oder ändert sie sogar nachweislich ab. „Auch das habe ich schon entdeckt, dass jemand seine Prognose im Nachhinein umschreibt oder rückdatiert.“ Zwar ist es seine Aufgabe, solche Praktiken zu enttarnen und die falschen Prophezeiungen im Nachhinein aufzudecken, aber trotzdem melden sich Personen bei ihm, über die er schreiben soll. „Die wollen, dass ich sie in meinem Jahresrückblick erwähne. Egal, ob es negativ für sie ist, sie wollen nur bekannt werden. Weil, nur wenn sie bekannt sind, können sie ein Geschäft mit ihren Prognosen machen.“

Der Mathematiker schreibt seinen Jahresbericht immer wieder mit einem gewissen Schmunzeln, weil er Wahrsagerei als reine Unterhaltung wahrnimmt. „Für mich ist das auch die einzige Art, damit umzugehen.“ In Großbritannien, berichtet er, gibt es eine sinnvolle Regelung: Wahrsager müssen ihre Blogs mit dem Hinweis kennzeichnen, dass diese nur der Unterhaltung dienen.

Michael Kunkel hat übrigens selbst für eine deutsche Zeitung schon einmal etwas vorausgesagt. Ein Erdbeben der Stärke 4,5 bis 5 für den Mai 2010 auf den Fidschi-Inseln. Und es traf tatsächlich ein. Aber Kunkel, eben Mathematiker und kein Hellseher, verrät: „Da habe ich zwei Minuten im Internet recherchiert und herausgefunden, dass dort ein- bis zweimal pro Woche ein Erdebeben mit so einer Stärke gemessen wird.“