Letztes Update am Di, 03.03.2015 12:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Nie um einen dummen Spruch verlegen

Hohle Phrasen, leeres Geschwätz, Binsenweisheiten. Unsere Sprache ist voll davon. Jeder greift selbst darauf zurück, gedankenlos, weil es immer so war. Um der vorherrschenden Meinung am Stammtisch zu widersprechen, braucht es gute Gegenargumente. Ein deutscher Autor hat solche gesammelt. Er will sprachliche Blasen zum Platzen bringen.

© iStock



Eine gesellige Runde. Freunde, Bekannte. Es wird gelacht und gescherzt. Abendunterhaltung der harmlosen Art. Doch mitten in eine Gesprächspause fällt dann dieser Spruch: „Wer Arbeit will, findet auch Arbeit.“

Allen ist bewusst, dass die Welt nicht so einfach gestrickt ist. Ein Pauschalurteil über die Schicksale Hunderttausender Menschen auf Jobsuche ist schlicht unmöglich. Und wer zieht es schon vor, vom Sozialstaat zu leben, anstatt in seinem Beruf Anerkennung, Bestätigung und ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen?

Trotzdem ist dem Sager zum Thema Arbeit nur schwer beizukommen. Denn der Satz ist ein Dogma. Eine vermeintliche Lebensweisheit, die ungefragt, reflexhaft und gedankenlos weitergegeben wird. Von Generation zu Generation. Von Sprecher zu Sprecher.

Bei Jens Jürgen Korff (54) lösen sprachliche Dogmen allergische Reaktionen aus. Als Autor und Werbetexter verfügt der Deutsche über ein spezielles Sensorium dafür. Korff hat sich eine Reihe gängiger Dogmen geschnappt und auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft. Das Ergebnis seiner Bemühungen liegt nun als Buch vor. „Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft – und wie Sie gepflegt widersprechen“ (Westendverlag, Frankfurt

Main) wurde das Werk getauft. Es liest sich als Versuch, sich mittels treffsicherer Argumente die Herrschaft über den Stammtisch zurückzuholen. Korff will sprachliche Blasen und hohle Phrasen zum Platzen bringen.

Wie also würde der Autor reagieren, wenn wieder jemand ernsthaft in die Runde schmettert, jeder finde Arbeit, vorausgesetzt, er bemühe sich darum? Korff würde den Sprecher mit einer Gegenfrage konfrontieren: „Welchen bezahlten Job hast denn du zu vergeben?“ Und dann würde er einen 55-jährigen Computerverkäufer von seiner Jobsuche berichten lassen. Der sagt Folgendes: „Solange du dich im Fachhandel kostenlos beraten lässt und dann zu Hause das Gerät im Internet bestellst, gibt es keine Stellen für mich.“ Das dürfte sitzen.

Sprücheklopfern auf die Finger klopfen

Korff sieht sich nicht als Spaßbremse oder gar Sprachpolizist, er will niemanden zwangsbeglücken, wie er im Gespräch mit der TT versichert. Vielmehr möchte er Menschen dazu ermutigen, Sprücheklopfern zu widersprechen, anstatt wegzuhören.

Und Phrasendrescher gibt es überall. Natürlich auch in der Spitzenpolitik. Selbst Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht davor gefeit. „Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt von der Autoindustrie ab.“ Solcherlei erklärte die Kanzlerin bei der Eröffnung einer – erraten! – Auto-Ausstellung.

Kaum jemand käme auf die Idee, Merkels scheinbar fundierte Information zu überprüfen. Gar mancher würde ihren Satz einfach nachbeten, vor allem wohl die Vertreter der Autobranche. Denn diese stimmen quasi berufsbedingt das Hohelied auf die Bedeutung der eigenen Zunft an. Korff aber hat sich die Wirtschaftsdaten zur Hand genommen. Und flugs fand er heraus, dass sich die Kanzlerin im Labyrinth der Zahlen verrannt hatte. 761.000 Menschen arbeiten in Deutschlands Autobranche. Zulieferer, Händler, Werkstätten, Tankstellen und Technikbüros sind da allesamt mit eingerechnet. „Damit hängt aber nicht jeder siebte, sondern nur jeder fünfzigste Arbeitsplatz mit der Autoindustrie zusammen“, rechnet Korff vor. „Im Gesundheitswesen gibt es sechsmal so viele Jobs.“

Schlag nach bei Bert Brecht

„Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Hand aufs Herz, wer hat dieses allgegenwärtige Sprichwort nicht schon selbst verwendet? Dabei handelt es sich auch hierbei um ein Dogma, eine eben nur mutmaßliche ewige Wahrheit. Korff kommentiert diese mit den Worten des großen Literaten Bert Brecht, der da meinte: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch gewesen ist.“ Mit etwas Nachdenkarbeit könnte man selbst zu diesem Schluss kommen. Nur, wer unterzieht sich schon dieser Mühe, wo sich dieser Spruch doch so bequem nachsagen lässt?

Achtung, jetzt kommt ein echter Dogmenklassiker. „Der kleine Mann kann da gar nichts tun.“ Gerne fällt dieser Satz, nachdem sich ein Sprecher minutenlang über das Elend der Welt ausgelassen und wortreich dargelegt hat, was alles geändert werden müsste. Das Wort vom „kleinen Mann“ ist ein echter Glücksfall für die Mächtigen. Schließlich bringt ein Sprecher damit zum Ausdruck, dass er sich mit seinem Schicksal eben doch abfindet und „bei denen da oben“ gar nicht anstreifen will.

Wehe dem, der sich gegenüber Autor Korff für machtlos und klein erklärt. Dem wird der Schreiber die Augen öffnen. Keine Revolution, keine Änderung gesellschaftlicher Systeme und Verhältnisse, keine Bürgerinitiative gegen Krieg oder Atomkraft, ja, nicht einmal ein Komitee gegen die Zerstörung der Allee gleich vor dem Haus: Ohne den kleinen Mann läuft rein gar nichts.

Das Verhältnis Mann – Frau ist ebenfalls mit Dogmen behaftet. Unwiderspochen werden Dinge behauptet wie „Männer, (diese Lustmolche), denken immer nur an Sex“. Korff scheut sich nicht vor Aufklärung im horizontalen Fach. Er wirft ein, dass sich zwischen „immer“ an Sex zu denken und der, vermutlich auch eigenen Realität, ein großes Missverhältnis auftut. Ernst zu nehmenden Umfragen zufolge liegt die Beischlaf-Frequenz nämlich gerade noch über der Geringfügigkeitsschwelle von „ein paar Mal“ pro Monat. Korffs Schluss daraus: Wenn Männer häufig an Sex denken, Frauen, mit Blick auf die nackten (Zahlen) aber weniger oft dieses Verlangen verspüren, sagt das wohl etwas aus über die amourösen Bemühungen des Durchschnittsmannes. „Wir brauchen nicht mehr Sex, sondern mehr guten Sex“, resümiert der Autor. Sein augenzwinkernder Ratschlag: üben!

„Geht nicht, gibt’s nicht.“ Vermutlich kann man diesen ziemlich oft strapazierten Spruch schon gar nicht mehr hören. Vorgesetzte bemühen das geflügelte Wort besonders gern, wenn sie ihre Untertanen mit immer noch mehr Arbeit eindecken. „Es wird damit wird jede kritische Analyse von Projekten im Vorhinein verhindert“, konstatiert Korff. Wer zu Recht auf Probleme und Schwierigkeiten eines Vorhabens hinweist, wird schnell zum Bedenkenträger abgestempelt. Herablassende Blicke am Besprechungstisch sind ihm sicher.

Wie also kann man auf diesen Spruch beim nächsten Büro-meeting kontern? Am besten durch einen Hinweis auf die wechselvolle Geschichte des Spruch-Erfinders. Die deutsche Baumarktkette „Praktiker“ warb mit diesem Slogan über Jahre um Kunden. 2013 war das Unternehmen dann pleite. Geht nicht, gibt’s eben doch. (Markus Schramek)


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