Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.03.2015


Freizeit

Zackige Winzlinge, heiß begehrt

Wer Briefmarkensammeln für ein aussterbendes Hobby hält, irrt. In Innsbruck konnte man gestern seine Kollekte schätzen lassen. Und dabei herrschte reger Andrang.

null

© Andreas Rottensteiner / TT



Von Markus Schramek

Innsbruck – Mit Adleraugen arbeitet sich Gernot Abfalter durch einen Stapel von Briefmarken. Stets auf der Suche nach dem nächsten Prachtstück. Der 47-jährige Niederösterreicher ist der Philatelie-Guru des Dorotheums. In der Innsbrucker Niederlassung des Auktionshauses prüft er zweimal pro Jahr Markensammlungen, die ihm Tiroler in die Hand drücken.

Abfalter ist ein Lexikon in Menschengestalt. „Das ist der österreichische Opernblock von 1969“, sagt er aus dem Stegreif über neun prächtige Marken. Sie erinnern an das 100-Jahr-Jubiläum der Wiener Staatsoper.

Bei den meisten Sammlungen ist der Auskenner schnell mit Besichtigen fertig. Vieles davon fällt in die auktionstechnisch wenig interessante Zeit von 1956 bis 2001. Österreichische Schilling-Briefmarken von damals haben nur einen geringen Wert. Zum Frankieren von Briefen taugen sie nach der Währungsumstellung auch nicht mehr. Und die Frist zum Umtausch von Schilling- in Euromarken ist schon abgelaufen.

„Werfen S’ die Marken aber bloß nicht weg, ihr Wert kann steigen“, macht Abfalter Frau Hilde aus Innsbruck deutlich. Sie ist mitsamt ihrem Sohn und einem Karton, bis oben voll mit Alben, zum Termin erschienen. Große Fundstücke befinden sich nicht da­runter. Wenige Hundert Euro, mehr ließe sich damit bei einer Auktion nicht erzielen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Zum Verschnaufen kommt Abfalter nicht. Sammler um Sammler nimmt vor ihm Platz, getrennt durch ein­e Wand aus Plexiglas. Man lauscht dem Experten ohne Widerspruch, auch wenn der den monetären Wert einer Kollekte eher niedrig ansetzt. Die meisten haben aber ohnehi­n nicht damit gerechnet, die kleinen Stückchen Papier zu großem Papiergeld machen zu können.

Manch ein Album ist derart verstaubt, dass dem Prüfer ein herzhafter Nieser entfleucht.

Mahnende Worte folgen. „Die Lagerung von Briefmarken ist sehr wichtig“, betont Abfalter in Richtung eines jungen Mannes. Dessen Alben wirken schon äußerlich angegriffen. Und siehe da: „Ihre Marken weisen Stockflecken auf.“ Abfalter deutet auf bräunliche Flecken auf manchen der papierenen Winzlinge: Schimmelbefall, wohl aufgrund zu hoher Luftfeuchtigkeit. Diese sollte 60 Prozent nicht übersteigen, sonst geht es den Marken ans Mark. Auch ist es hilfreich, die Alben immer wieder durchzublättern, damit ihr zackiger Inhalt Frischluft erhält.

Plötzlich hält Abfalter inne. Er zückt eine Pinzette. Offenbar ist der Experte auf einen Schatz gestoßen. „Das ist eine wunderbare Sammlung“, sagt er dann fast andächtig. Altösterreichische Marken mit dem Konterfei Kaiser Franz Josephs. 105 Jahre alt.

„Auf den ersten Blick sind sie tadellos, aber das müssen wir genau prüfen.“ Unversehrte Zacken und Gummierung und natürlich keinerlei Flecken: Darauf kommt es an. Auch Fälschungen müssen ausgeschlossen werden.

Daniel (30) aus Innsbruck ist Besitzer der kaiserlichen Kollekte. Sein Opa hat die Marken hinterlassen. Sie könnten einige Tausend Euro wert sein. „Wenn alles passt“, kommt umgehend der Einwurf von hinter der Plexiglaswand. Herr Abfalter ist jetzt vorsichtig geworden.

Daniel nimmt die Neuigkeiten gelassen hin und die Marken wieder mit. Wollte er die Sammlung zur Versteigerung anbieten, müsste er die Pretiosen in Wien eingehender untersuchen lassen.

Schließlich wird es noch exotisch. Eine weitgereiste rüstige Dame wartet mit Marken aus Inselparadiesen in der Südsee auf: Salomonen, Fidschi-Inseln, Vanuatu. Bunt und hübsch, für eine Auktion jedoch leider zu wenig umfassend, befindet Abfalter.

Dafür hat der Fachmann noch einen Tipp. „Entfernen Sie niemals die Briefmarken von alten Briefen oder Postkarten!“ Warum denn nicht? Auf diese Weise könnten wertvolle historische Poststempel zerstört werden. Und für solche zahlen Sammler mitunter viel mehr als für Marken.

Hoffentlich kommt diese Warnung nicht zu spät.