Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.04.2015


Fitness

Muskeln stehen unter Strom

Ein gestählter Körper aus der Steckdose: Bei der neuen Trainingsmethode EMS werden Muskelfasern durch Strom stimuliert. Eine Wunderwaffe ist es aber nicht.

Bei EMS werden 16 bis 18 Elektroden auf einer Weste und Gürteln angebracht und am Körper festgezurrt.

© Andreas Rottensteiner / TTBei EMS werden 16 bis 18 Elektroden auf einer Weste und Gürteln angebracht und am Körper festgezurrt.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Eine „reizvolle“ Methode lockt mich an diesem Tag ins Fitnessstudio. „In 20 Minuten kann man so effektiv trainieren wie in eineinhalb Stunden“, erklärt Sportwissenschafter Alexander Moser. Er spricht vom Elektromyostimulationstraining (EMS), das derzeit einen Boom erlebt. Bei EMS werden mit niederfrequentem Impulsstrom die Muskeln stimuliert. „Dabei stehen die ganzen Muskelpartien unter Strom und werden gleichzeitig angespannt.“ Auf der Fitnessmesse FIBO in Köln war EMS letzte Woche großes Thema. In Tirol ist die Methode auch gefragt: Über ein Dutzend Anbieter dürfte es geben, schätzt Moser.

20 Minuten werde ich also unter Strom stehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit, als Moser mit einer Sprühflasche eine Weste befeuchtet und mich verkabelt. Zehn Elektroden sind in die Weste genäht, acht weitere werden mit Gurten an Gesäß, Armen und Beinen angelegt. Das Wasser und spezielle Trainingsbekleidung leiten den Strom in meine Muskeln.

Mit einem Reglerpult kann Sportwissenschafter Alexander Moser die Stromstärke einstellen.
Mit einem Reglerpult kann Sportwissenschafter Alexander Moser die Stromstärke einstellen.
- Andreas Rottensteiner / TT

Moser stellt sich hinter ein Reglerpult und dreht auf. „Ich kann die Intensität individuell auf den Patienten abgestimmt regeln. Der Kunde sagt selbst, ob es zu viel oder zu wenig ist.“ Ein Kribbeln ist sofort spürbar. Zunächst fühlt es sich an wie bei der Physiotherapie – da­raus hat sich die Methode auch entwickelt. Mit dem Strom wurde anfangs nur Muskelschwund verhindert. Bald erkannten Mediziner, dass der Strom auch andere positive Effekte hat. „Herzschwäche-Patienten können mit EMS ihre Herz-Kreislauf-Leistung um 30 Prozent verbessern“, zitiert Moser aus Studien. Auch bei verminderter Lungenkapazität und Rückenproblemen könnten Erfolge erzielt werden. Zudem soll es das Bindegewebe stärken und die Beweglichkeit fördern, berichtet Moser vom Gesundheitszentrum Innsmed in Innsbruck.

Aus dem Medizinprodukt ist mittlerweile ein Lifestyle-Training geworden, für das zwischen 25 bis 80 Euro pro Einheit hingeblättert wird. In Innsbruck gibt es bereits drei große Anbieter (Innsmed, Mandu und Veev). Moser erkundigt sich nach meinem Befinden und dreht den Strom weiter auf. Plötzlich fühlen sich die Muskeln hart wie Beton an. Der ganze Körper steht jetzt unter Spannung.

- Andreas Rottensteiner / TT

„Strom ist etwas, bei dem man berechtigterweise Vorbehalte hat. Aber der 85-Hertz-Strom steuert nur die Muskulatur an“, erklärt Moser und will beruhigen. Gefahren gebe es bei dieser Trainingsmethode nicht mehr als bei anderen. Wer es übertreibt, der kann – wie bei allen Trainingsmitteln – gesundheitliche Probleme (z. B. Kreislauf) bekommen. „Zu intensives Training kann dem Körper schaden, wie bei jedem anderen Training auch.“ Ähnlich sieht es Sportmediziner Heinz Kleinöder von der deutschen Sporthochschule Köln.

„Beim EMS-Training ist da­rauf zu achten, dass der Kunde zunächst mit geringen Intensitäten über eine kurze Dauer an die bislang ungewohnte Belastung eines Ganzkörpertrainings allmählich herangeführt wird“, sagt er gegenüber der TT. „Wir haben EMS in vielen Studien untersucht und hatten bislang keine gesundheitlichen Probleme bei unseren Probanden zu beklagen.“

Moser erklärt mir nun Übungen. Denn nur unter Strom stehen ist zu wenig. „Wunder vollbringt sogar dieses Gerät nicht. Man muss immer noch selbst auch arbeiten und trainieren.“ Sobald ich meine Arme hebe oder Kniebeugen mache, meine ich eine Betonwand vor mir zu haben. Ein Widerstand ist deutlich zu spüren, die Belastung sehr groß.

Nach einigen Wiederholungen ist das Training auch schon wieder vorbei. Die Muskeln fühlen sich an wie nach einem sehr langen Zirkeltraining. Einen Tag später macht sich ein Muskelkater bemerkbar. „Man weiß, EMS bringt etwas, aber ich würde es auf keinen Fall als ausreichend bezeichnen“, betont Moser. Für die Ausdauer geht es deshalb wieder auf die Laufstrecke.