Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 06.10.2017


Exklusiv

Mit der Energie von 80 Grillen: Insektenriegel made in Tirol

Insekten können die Ernährungsprobleme der Zukunft lösen, doch die meisten ekeln sich davor, in kleine Würmer oder knackige Käfer zu beißen. Zwei Tirolerinnen servieren Grillen hingegen mundgerecht – als Sportriegel.

© Foto Rudy De Moor / Tiroler TageKatharina Putzer (l.) und Daniela Falkner haben den Insekten-Energieriegel mitentwickelt.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Für eine Delikatesse wie die Garnele machen sich Feinspitze gerne die Finger schmutzig. Aber eine Seidenspinnerraupe, igitt, davon will bei uns niemand satt werden. Eigentlich unfair, denn die Tiere unterscheiden sich äußerlich gar nicht so sehr. Trotzdem ekeln sich viele Menschen in Europa und denken nicht daran, Insekten auf ihren Speiseplan zu setzen. Zwei Tirolerinnen wollen das ändern. In Zusammenarbeit mit zwei Kölnern bringen die Ernährungswissenschafterinnen die kleinen Krabbler, genau genommen Grillen, als Energieriegel mit dem Namen „Swarm Protein“ auf den Markt.

„Das ist etwas anderes als Würmer, die auf einem Salat liegen. Bei Insekten in Riegel-Form gibt es kaum jemanden, sie es nicht probiert“, sagt die 26-jährige Katharina Putzer, und die 33-jährige Daniela Falkner ergänzt: „Der Konsument ist inzwischen aufgeschlossener, auch bei Insekten als Nahrung.“

Tatsächlich wird die Bevölkerung immer ernährungsbewusster, denkt um und kommt von jahrzehntelangen Essgewohnheiten ab – muss sie auch, heißt es von der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen. Für zwei Milliarden Menschen sind Würmer, Käfer, Heuschrecken und Grillen bereits täglicher Bestandteil der Ernährung, und wenn im Jahr 2050 fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde ernährt werden wollen, sollte für einen Großteil davon Fleisch zum Luxus und Insekten so normal wie Reis oder Gemüse werden. Ihr Vorteil: Aus dem Einsatz von zwei Kilogramm Futtermasse erhält man ein Kilogramm Insekten. Bei einem Rind lautet das Verhältnis hingegen acht zu eins, aus acht Kilogramm Futtermasse wird ein Kilogramm Körpermasse. Das kommt daher, weil Insekten wechselwarm sind und weniger Energie aus dem Futter benötigen, um ihre Körperwärme anzupassen.

Die Kölner Christopher Zeppenfeld und Timo Bäcker fanden bei Kleinbauern in Thailand die Grillen für ihre Proteinriegel.
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Die beiden Kölner Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld fanden die Zutat für ihre Riegel in Asien, sie holten Falkner und später Putzer als Ernährungsexperten hinzu. Die Grillen, die für die Riegel verarbeitet werden, bezeichnet Falkner als hochwertige Eiweißquelle: „Uns war das Nährstoffprofil sehr wichtig. Und die Grillen beinhalten wertvolles Protein, gute Fette, reichlich Ballaststoffe und wichtiges Vitamin B12.“

In einem Riegel „Swarm Protein“ steckt die Energie aus bis zu 80 Grillen. In kleinbäuerlichen Farmen werden die Tiere nach etwa 45 Tagen geerntet, geröstet und dann zu einem braun-gräulichen Pulver, fast wie Mehl, verarbeitet. „Das schmeckt nussig-strohig“, meinen die beiden. Ein bayerischer Hersteller bringt die Riegel in Form.

Auf der Verpackung, auf der in großen Buchstaben „Insect-Bar“ steht und eine Grille abgebildet ist, wird sofort ersichtlich, was den Sportler erwartet. Wer in eine der drei Riegelsorten beißen will, findet allerdings weder optisch noch geschmacklich einen Hinweis auf den ungewöhnlichen Inhaltsstoff. Datteln sind die Hauptzutat, an zweiter Stelle kommt das Grillen-Pulver – von Ekelgefühlen beim ersten Test keine Spur.

Die Ernährungswissenschafterinnen können sich deshalb gut vorstellen, dass Insekten, wenn sie nicht als Ganzes serviert werden, durchaus in Europa als Nahrungsmittel Fuß fassen werden. Dabei hilft, dass dies EU-weit ab Anfang Jänner zugelassen ist (siehe Artikel links). Die deutsch-österreichischen Grillen-Riegel versuchen derzeit, mit einer von der EU unterstützten Crowdfunding-Kampagne Geld zu lukrieren. Einerseits kann man „Swarm Protein“ unterstützen, andererseits Riegel (3 Euro pro Stück) in größeren Mengen kaufen. Der reguläre Markteintritt ist für kommendes Jahr geplant. Gelingt das alles so, wie sich das die beiden Tirolerinnen vorstellen, können sie vielleicht in einigen Jahren von sich behaupten, ihren Teil dazu beigetragen zu haben, dass Insekten zu essen so normal oder trendig geworden ist wie bei Garnelen oder Sushi.