Letztes Update am Do, 12.04.2018 05:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Genuss

Bestes Essen für die besten Jahre

Im Alter ändern sich die Ernährungsgewohnheiten und der Stoffwechsel. Wer seine Ernährung nicht anpasst, gefährdet seine Gesundheit. Neun Fragen und Antworten.

Genuss und Gesundheit: Hochqualitative Ernährung zählt im Alter doppelt.

© GettyGenuss und Gesundheit: Hochqualitative Ernährung zählt im Alter doppelt.



Von Andrea Wieser

Innsbruck – Dass eine ausgewogene, gesunde Ernährung Sinn macht, ist bekannt. Dass sie im Alter das Leben dramatisch – positiv wie negativ – bestimmen kann, nicht allen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat deshalb das Thema in den Mittelpunkt ihres 124. Kongresses gestellt. Tiroler Experten klären auf, warum das Essen in den Lebensjahren über 70 besonders genau genommen werden sollte.

Wie verändert sich der Körper im Alter? „Grundsätzlich sinkt der Energiebedarf, aber der Nährstoffbedarf bleibt bestehen“, meint dazu Seraphine Klotz, Diätologin und Lehrende an der FH Gesundheit in Innsbruck. Das liege auch daran, dass weniger Bewegung gemacht werde. Das zügle den Appetit. Der Körper brauche aber trotzdem gleich viele Vitamine und Spurenelemente. „Beim Eiweißbedarf gehen wir inzwischen sogar davon aus, dass er leicht ansteigt.“ Dazu komme noch ein Umsetzungs-Problem bei Vitamin D, das für den Kalziumhaushalt und den Knochenaufbau sehr wichtig ist. „Der Körper kann das Vitamin zwar selbst herstellen, benötigt hierzu aber den UV-A-Anteil des Sonnenlichts“, erklärt Monik­a Lechleitner, Ärztliche Direktorin des Landeskrankenhauses Hochzirl-Natters. Bei Senioren kommen nun zwei Probleme zusammen: Zum einen kann gealterte Haut weniger Vitamin D produzieren, zum anderen halten sich ältere Menschen weniger oft im Freien auf.

Welche Risiken gibt es? Für Lechleitner ist das größte Gesundheitsrisiko die Mangelernährung: „Damit kann es zu einem Abbau der Bewegungsmuskulatur kommen.“ Durch Sarkopenie, so der Fachausdruck für übermäßigen Verlust an Muskelmasse und -kraft, nehme die Sturzneigung und das Frakturrisiko zu. Muskelmasse, die einmal abgebaut ist, kann im Alter aber nur schwer wieder antrainiert werden.

Warum verändert sich der Appetit überhaupt? Neben der geringeren Bewegung gibt es noch weitere Faktoren. „Die Geschmacksempfindung lässt nach, das verringert die Lust am Essen“, sagt Lechleitner. Dazu kämen eventuelle Einschränkungen durch Probleme im Magen-Darm-Bereich, Schluckprobleme oder auch die Neigung zur Verstopfung. Und auch die Einnahme von Medikamenten kann hier eine große Rolle spielen.

Was ist mit dem Durst? „Das Empfinden sinkt, jedoch der Bedarf ändert sich nicht gravierend“, betont Diätologin Klotz. Eineinhalb Liter Flüssigkeit täglich wären gut, bevorzugt Wasser.

Wie kann man seine Ernährung an die körperlichen Veränderungen sinnvoll anpassen? „Eiweiß ist am leichtesten in Fleisch oder Milchprodukten zu finden“, meint Diätologin Klotz. Aber auch pflanzliche Proteinspender wie Hülsenfrüchte sind eine Option. Ist die Lust auf Fleisch gering, empfiehlt die Diätologin gerne ein klassisches Gröstl mit Spiegelei. Damit sind tierische und pflanzliche Proteine auf einem Teller. Ein weiterer Inhaltsstoff, der mit steigendem Alter zu wenig vorhanden sein kann, ist Kochsalz. „Dieser Natriummangel kann zu einer Schwäche beitragen“, sagt Monika Lechleitner. Insofern könne man, anders als junge Menschen, die Salz oft reduzieren müssen, mit Vernunft, aber nicht gezügelt zugreifen. Mit dem Buch „Die neue Ess-Klasse“ (Ars Vivendi) hat sich die deutsche Autorin und Bloggerin Sibylle Sturm dem Thema gewidmet. Es umfasst Rezepte, die konkret auf den Inhaltsstoffbedarf von älteren Menschen zugeschnitten sind.

Wie kann ich meinen Körper noch unterstützen? Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin weist neben der Gefahr von Proteinmangel noch auf einen anderen wichtigen Aspekt hin. Für die Abnahme von muskulärer Fitness könne auch der Mangel von Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren verantwortlich sein. Wer regelmäßig Obst, Gemüse und Fisch zu sich nimmt, kann gut vorbauen.

Welche Ernährungsergänzenden Präparate können empfohlen werden? „Das für den Knochenaufbau und Kalziumhaushalt wichtige Vitamin D kann substituiert werden“, meint Ärztin Lechleitner. Bei bettlägerigen Patienten, die keine Möglichkeit haben, an die frische Luft und somit an die Sonne zu kommen, habe sich das bewährt. Es könne aber auch grundsätzlich ab einem Alter von 70 Jahren zusätzlich eingenommen werden.

Welche Rolle spielt Bewegung? „Jede Bewegung ist günstiger als keine“, betont Lechleitner. Es gelte funktionelle Eigenschaften wie das selbstständige Duschen aufrechtzuerhalten. Dazu brauche es ein Grundmaß an Training. Wie das aussehe, sei natürlich individuell verschieden. Und es muss nicht immer Sport sein. Ausdauer kann zum Beispiel durch Spaziergänge gefördert werden. Die Kraft lässt sich mit Gartenarbeit und Gießkannentragen trainieren. Die besonders wichtige Balance ist beim Tanzen gut gefordert.

Wie sehr muss man mit dem 70. Geburtstag sein Leben ändern? „Ältere Menschen brauchen eine besonders hochqualitative Ernährung, reich an Mineralien, Vitaminen, Eiweiß und Flüssigkeit“, meint Lechleitner. Von strikten Diätplänen hält die Ärztin bei gesunden Menschen jedoch nichts. „Auch ein Glas Wein, das übrigens appetitanregend wirkt, darf dabei sein.“