Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.06.2018


Genuss

Dem Geschmack auf der Spur: Europa is(s)t anders

Der Klagenfurter Lojze Wieser ist dem Geschmack Europas mit einer Filmreihe und Büchern auf der Spur. Durch die Nahrungsmittelindustrie ist die Vielfalt der Gerichte aber in Gefahr.

© Wieser Verlag



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Wenn jemand eine Reise tut, so kann er nicht nur was erzählen, sondern im besten Fall auch viel kosten. Frische Fische an Kroatiens Küste, knusprige Pommes in Belgien oder süßes Sorbetto in Sizilien. „Essen ist nicht Hineinstopfen. Essen ist ein Universum und eine Konzentration aller zivilisatorischer Fähigkeiten der Menschheit“, schwärmt der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser von einer der alltäglichsten Handlungen der Welt. Hierzulande werde sie aber oft „sehr abweisend als etwas Unbedeutendes“ abgetan.

Dem stellt sich Wieser mit seiner Fernsehdokumentationsreihe „Der Geschmack Europas“ (ORF, 3sat) entgegen. Darin beleuchten er und sein Drehteam europäische Kleinstregionen, ihre Kultur und Küche. Seit 2013 sind insgesamt 18 Folgen entstanden. Soeben wurde das erste Buch zur Dokureihe bei den „Gourmand World Cookbook Awards“ in China ausgezeichnet. Der zweite Band erscheint im Juli (siehe Infobox).

Ein Kochbuch darf man sich darunter aber nicht vorstellen. Es sei „eine Art kaleidoskop­artige Betrachtung“, welche die vielfältigen, bunten und reichhaltigen Erfahrungen der Europäer widerspiegle. Reisereportagen, Kulturberichte und kulinarische Zeugnisse wechseln einander ab. So werden neben einigen wenigen Rezepten auch Speisekarten, Produzenten und geschichtliche Hintergründe zu den Lebensmitteln erwähnt.

Den „Geschmack Europas“ hat Wieser dabei überall gefunden bzw. nirgends aufgespürt. Denn eine Vereinheitlichung ist unmöglich. Europa schmecke immer anders, aber immer vielfältig und reichhaltig. „Der Geschmack Europas hat sich bei jedem einzelnen Menschen auf der Zunge breitgemacht, jeweils unter Berücksichtung seiner vielen persönlichen Erfahrungen.“

So erinnert sich der Klagenfurter an den Morgen im eigenen Zuhause, als es Polenta mit Kaffee gab. Noch heute gönnt er sich jede Woche einmal dieses simple Mahl. Gerade aus Mangel und Einfachheit sind viele europäische Speisen entstanden, erklärt Wieser, so wie der Hadensterz. Den einfallsreichen kochenden Frauen von damals zollt er Respekt.

Auf seinen Reisen probierte er aber auch belgisches Pferdefleisch, sizilianischen Seeigel oder dänisches Smørrebrød mit Krabbenfleisch, Leberpastete und Roastbeef. Die regionalen Unterschiede seien besonders reizend, findet Wieser. So attestiert er den Bewohnern ärmlicher Gegenden eine Urtümlichkeit, die sich „richtigerweise mit Leben und Tod in der Nahrungsgewinnung“ auseinandersetzt. „In Nordgriechenland wird noch mit Blut gekocht, in hochentwickelten Regionen wie Flandern oder der Schweiz will man damit nichts mehr zu tun haben.“

So sorge die industrialisierte Lebensmittelproduktion nicht nur für eine zunehmende Entfremdung von Mensch und Speise, sondern auch für eine gefährliche Vereinheitlichung des Geschmacks.

Seine Filme und Bücher würden von den „individuellen Bestrebungen dagegen anzukommen“ zeugen. Gerade wird die sechste Staffel gedreht. „Man glaubt gar nicht, wie viele schöne, kleine, in sich geschlossene und gleichzeitig offene Regionen es gibt.“ Europa lässt sich eben vielerorts „er-schmecken“. Wenn es dabei gelinge, immer wieder Neugierde zu wecken, dann werde es in Zukunft eine Tradierung der regionalen Küchen geben, meint er.

Informationen

„Der Geschmack Europas“ ist eine Fernsehdokumentationsreihe von ORF und 3sat. Seit 2013 bereist der Klagenfurter Verleger und Autor Lojze Wieser mit seinem Drehteam kleine Regionen in Europa. Kultur, Küche und Menschen werden vorgestellt. Die portugiesische Region Alentejo und Wales in Großbritannien werden ab September in ORF 2 zu sehen sein.

Das erste Buch zur Dokureihe wurde soeben in Yantai in China bei den „Gourmand World Cookbook Awards“ ausgezeichnet. Es erhielt den Preis „Bestes Kochbuch Europas“ in der Kategorie „Fernseh-Kochdoku bzw. Filmbuch“.

Der zweite Band wird im Juli im Wieser Verlag (30 Euro) auf den Markt gebracht. Er enthält Reisereportagen, Kulturberichte und kulinarische Zeugnisse aus Istrien, Epirus, Flandern, Böhmen, Südjütland und Fünen, Sizilien und der Südoststeiermark.