Letztes Update am Do, 12.07.2018 12:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Kritik an beliebtesten Medikamenten

Rezeptfreie Medizin: Der VKI hat 100 Präparate aus der Apotheke unter die Lupe genommen. Jedes Dritte schneidet dabei schlecht ab.

© iStock(Symbolfoto)



Von Evelin Stark

Wer kurzfristig unter kleineren Beschwerden leidet, aber den Gang zum Arzt scheut, greift mitunter zum rezeptfreien Medikament aus der Apotheke. Besonders gefragt sind Schmerzmittel und Präparate gegen Erkältungen. Manche der Medikamente sind echte Kassenschlager und gehen jedes Jahr millionenfach über den Ladentisch. Aber Achtung: Nicht alle rezeptfreien Produkte sind auch wirklich empfehlenswert. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat getestet.

Risiken und Nebenwirkungen

„Wir haben uns unter anderem die unerwünschten Wirkungen der Medikamente angeschaut“, sagt Bernhard Matuschak, Redakteur für Medizin und Gesundheit beim Testmagazin Konsument. Er hat für das Buch „100 Medikamente im Test“ gemeinsam mit einem Arzt und Experten der deutschen Stiftung Warentest die gängigsten rezeptfreien Präparate auf ihre Eignung hin geprüft. Das Ergebnis ist überraschend: 29 der Produkte wurden mit „wenig geeignet“ beurteilt, weitere 24 Produkte sind „mit Einschränkung geeignet“.

Eines des „wenig geeigneten“ Medikamente ist etwa das sehr beliebte Schmerzmittel „Thomapyrin“. „Darin sind zwei Wirkstoffe gegen Schmerzen enthalten. Jeder davon ist für sich wirksam. Ihre Kombination wirkt aber nicht stärker“, erklärt Matuschak. Es mache also keinen Sinn, mehrere schmerzstillende Substanzen zu kombinieren. Im Gegenteil: Die möglichen Nebenwirkungen summieren sich und das Risiko erhöhe sich dadurch, eine der unerwünschten Wirkungen hervorzurufen. Bei „Thomapyrin“ komme dazu noch Koffein als Zusatzstoff, was dazu verleiten könne, das Mittel öfter einzunehmen als notwendig.

Studien für die Bewertung

Für ihre Bewertung haben die Experten große klinische Studien herangezogen, die in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Damit ein Präparat erst einmal als „geeignet“ bewertet werden konnte, musste die therapeutische Wirksamkeit für das betreffende Anwendungsgebiet mittels der Studien ausreichend nachgewiesen sein. Zudem musste sowohl eine langfristige Wirksamkeit als auch eine gute Verträglichkeit belegt sein. Für Kombinationspräparate wie etwa „Thomapyrin“ galt zudem die Voraussetzung, dass die enthaltenen Wirkstoffe sich sinnvoll ergänzen. Diese Punkte erklären, warum Präparate mit nur einem Wirkstoff, so genannte „Monopräparate“, in der Regel besser im VKI-Test abschnitten.

Ein für die mückengeplagten Ferien beliebtes Präparat ist „Fenistil Gel“, das laut Packungsbeilage gegen Juckreiz helfen soll. Das Urteil des VKI erneut: „wenig geeignet“. „Der Nutzen des Gels ist nicht nachweisbar. Das Einzige, was das Produkt hat, ist ein kühlender Effekt“, so der Biologe. Die Juckreizlinderung beruhe also lediglich auf dem Kühleffekt des Gels. „Wenn man zum Beispiel einen Sonnenbrand behandeln will, reicht auch eine Feuchtigkeitscreme vom Supermarkt aus, denn es geht nur darum, der Haut Feuchtigkeit zu geben.“

Ein weiterer Kritikpunkt der Experten ist die Verwendung von Konservierungsmitteln in Präparaten, die diese nicht benötigen. „Bei Nasen- oder Augentropfen zum Beispiel wird ohnehin empfohlen, dass die Medikamente nach dem Öffnen nur kurz aufbewahrt werden“, sagt Matuschak. Konservierungsmittel brächten wiederum unnötige Nebenwirkungen mit sich.

Vitamin C in gängigen Erkältungsmitteln ist übrigens keineswegs ein Garant für ein schnelleres Heilen. Bisher gebe es keine kontrollierten Studien, die diesen Mythos belegen. Dennoch sind Arzneimittel wie „Grippostad C Kapseln“ und „Ascorbisal“ äußerst beliebt in der Selbstmedikation. „Das hat viel mit Werbung und Vermarktung zu tun“, sagt der VKI-Experte. Außerdem seien Apotheker ja auch Geschäftsleute, die den Kunden das verkaufen, was gewünscht wird.

„100 Medikamente im Test“ solle trotz allem nicht abschrecken, sondern lediglich als Nachschlagewerk für Konsumenten dienen. Immerhin wurden 39 Produkte mit „geeignet“ bewertet und acht mit „auch geeignet“. Beim Mückenstich helfe im Falle des Falles auch Geduld, so Matuschak: „Wenig kratzen und abklingen lassen. Das ist meine Devise.“




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