Letztes Update am So, 02.12.2018 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Schaler Beigeschmack aus der Schale

Vor fünf Jahren wurde der erste Labor-Burger präsentiert. Seitdem arbeiten Wissenschafter auf der ganzen Welt daran, künstlich hergestelltes Fleisch auf den Teller zu bringen. Ein Unterfangen mit vielen Hürden.

300.000 Euro kostete der erste Kunstfleisch-Burger, der 2013 vom niederländischen Forscher Mark Post bei einer Pressekonferenz in London serviert wurde. Das Fleischlaberl bestand aus im Labor gezüchtetem Faschierten aus Rinder-Stammzellen.

© iStock300.000 Euro kostete der erste Kunstfleisch-Burger, der 2013 vom niederländischen Forscher Mark Post bei einer Pressekonferenz in London serviert wurde. Das Fleischlaberl bestand aus im Labor gezüchtetem Faschierten aus Rinder-Stammzellen.



Die Weltbevölkerung wächst stark, ihre Ernährung ist eine der größten Fragen der aktuellen Zeit und der Zukunft. Der Fleischkonsum wird steigen, da sind sich Experten einig. Der große Appetit auf Fleisch verhindert nicht nur Tierwohl, sondern belastet auch die Umwelt, beschleunigt den Klimawandel.

Grund genug, möglichst rasch nach Alternativen zu suchen: Während einige pflanzliche Ersatzprodukte verbreiten wollen, sehen andere in Insekten – reich an Proteinen – die Zukunft unserer Ernährung. Wieder andere verschlägt es ins Labor. In Reagenzgläsern, Petrischalen und Brutkästen entsteht aus Stammzellen Faschiertes, sollen auch Hühnchen, Steak und Schnitzel herauskommen.

Das so genannte In-vitro-Fleisch ist bei Ernährungswissenschaftern in aller Munde – bislang hauptsächlich als Gesprächsthema. „Die Mengen, die da produziert werden, sind Laborgrößen. An eine Massenproduktion lässt sich noch nicht denken“, sagt Jürgen König, Leiter des Department für Ernährungswissenschaften der Universität Wien.

Das liegt u.a. daran, dass die Produktion nicht nur aufwändig, sondern auch teuer ist. 300.000 Euro kostete das eine Fleischlaberl, das der niederländische Forscher Mark Post, der Pionier des In-vitro-Fleisches, 2013 vorgestellt hat. Konkurrenz – oder auch Mitstreiter – für seine Sache erhält er aus Memphis, Israel und Japan.

Gleich zwei Fleischlabore befinden sich in Israel. Eines davon erhielt nun namhafte Unterstützung: Der deutsche Geflügelriese PHW – vor allem bekannt u.a. durch die Marke Wiesenhof –, kaufte Anfang des Jahres Anteile an „Supermeat“.

Um den Fleischbedarf zu decken, werden Tiere wie Schweine und Rinder in großen Betrieben gezüchtet und geschlachtet
Um den Fleischbedarf zu decken, werden Tiere wie Schweine und Rinder in großen Betrieben gezüchtet und geschlachtet
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Alternativen zur Geflügelzucht

Ein Unternehmen, das hinter dem Geflügelunternehmen Wiesenhof steht, und ein Produzent von Fleisch aus dem Labor klingt zunächst wie ein Widerspruch, sei es aber nicht, wie PHW-Vorstandsmitglied Marcus Keitzer erklärt. „Wir haben keine Angst davor, sondern sehen es als Chance. Geflügel bleibt unser Hauptstandbein, aber es braucht künftig auch Alternativen, aus denen der Kunde dann wählen kann.“

Insekten, pflanzliche Ersatzprodukte und künftig auch Kunstfleisch zählen bei PHW dazu. „Noch gibt es Hürden, die übersprungen werden müssen, technisch, regulativ und wissenschaftlich“, gibt Keitzer zu. In vier bis fünf Jahren rechnet er mit dem ersten Kunstfleisch im Handel. „Es werden neue Produkte auf den Markt kommen. Das sind nicht nur kurzfristige Trends“, glaubt man beim deutschen Konzern.

Skeptischer ist Ernährungswissenschafter König. „Die Kunstfleisch-Idee als solche ist nicht so abwegig. Es geht eigentlich nur darum, Muskelzellen in Petrischalen zu züchten“, sagt er.

Tierhaltung trotz Laborfleisch

„Es gibt ein paar Schwierigkeiten. Ich glaube deswegen auch nicht, dass Fleisch aus dem Labor in absehbarer Zeit zu einer nennenswerten Alternative zu sozusagen lebendem Fleisch wird.“

Ein Problem ist derzeit noch, dass es kein Laborfleisch ohne Tierhaltung gibt. Denn für das Wachstum der Muskelzelle braucht es ein Serum, das aus dem Blut lebender Föten stammt.

Laut der Tierschutzorganisation Vier Pfoten wird das Muttertier deshalb geschlachtet, der Fötus sterbe durch die Entnahme. Eine Alternative zum Serum aus dem Blut könnten Algen sein, doch so weit ist man noch nicht. Für Tierfreunde wäre Kunstfleisch also noch keine Alternative für ein gutes Gewissen. „Die Produzenten haben sicher andere Lösungen als Ziel“, meint Keitzer, auch Vegetarier sind eine Zielgruppe.

Hanni Rützler war eine der Testesser des ersten Kunstfleisch-Burgers. "Durch das Anbraten und die dadurch entstehenden Röstaromen kam der kultivierte Brätling geschmacklich einem traditionellem Fleischlaberl sehr nahe", sagt die Ernährungswissenschafterin
Hanni Rützler war eine der Testesser des ersten Kunstfleisch-Burgers. "Durch das Anbraten und die dadurch entstehenden Röstaromen kam der kultivierte Brätling geschmacklich einem traditionellem Fleischlaberl sehr nahe", sagt die Ernährungswissenschafterin
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„Das zweite Problem ist, dass man nur Muskelzellen produziert. Die Kunst wird sein, diese mit den anderen Bestandteilen von Fleisch, also hauptsächlich Binde- und Fettgewebe, so in einen Verbund zu bringen, dass ein fleischähnliches Produkt entsteht“, sagt König. Bislang ist Faschiertes möglich. Für Steak und Schnitzel fehlt noch die Technik. „Die ersten Produkte werden convenience food sein. Wir beliefern jetzt beispielsweise schon Fast-Food-Ketten. Eine Verwendung des gezüchteten Hühnerfleisches dürften Chicken Nuggets sein“, sagt Keitzer. Doch das langfristige Ziel ist etwas größer.

Die Welt ernähren. Auf umweltschonende Weise. Das wünscht sich etwa Pionier Mark Post. Dass aber Fleisch aus dem Labor tatsächlich besser für unsere Erde ist, ist keineswegs sicher. Zwar gibt es einige Studien, die die Umweltbelastung von Tierzucht aufschlüsseln, doch wie teuer das Petrischalen-Fleisch unsere Umwelt zu stehen kommen würde, lässt sich kaum abschätzen – zu klein sind die bisherigen Versuche.

„Da geht es darum, was wird mit den dafür nötigen Stoffen und Abfallstoffen gemacht, die hoffentlich wiederverwendet werden können“, nennt König ein Beispiel. Aber auch der Stromverbrauch für Brutkästen und andere Laborgeräte dürfte bei einer Massenproduktion – sollte es sie eines Tages tatsächlich geben – hoch sein. Die endgültige Plus-minus-Rechnung zwischen Tierhaltung und Fleischzüchtung gibt es noch nicht.

Konsumenten sind skeptisch

Doch wer würde Laborfleisch überhaupt essen? Hanni Rützler, österreichische Ernährungsexpertin, hat den ersten Kunstfleisch-Burger von Mark Post 2013 probiert. Er kam einem traditionellen Fleischlaberl sehr nahe, lautete ihr Urteil. Um zu ergründen, wie aber Laien dem In-vitro-Fleisch gegenüberstehen, hat das Karlsruher Forschungsinstitut KIT zwei Jahre lang Freiwillige befragt. „Der Tenor war bei allen Befragten: Wenn es Tierleid nicht verhindert, warum soll ich es dann kaufen?“, sagt Projektleiterin Silvia Woll.

Letztlich ist es auch eine Preisfrage. „Das ist die Ernährung immer“, meint König. Die 32 Teilnehmer der qualitativen Interviews für die Karlsruher Studie wurden auch dazu befragt, wo sie Kunstfleisch auf dem Markt sehen würden. „Da gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Einige meinten, es würde ein hippes Avantgarde-Produkt in teuren Restaurants werden, andere sehen die Zukunft bei Fast-Food-Ketten und das ‚echte‘ Fleisch von Tieren als das hochwertigere, teurere Produkt“, berichtet Woll. An eine baldige Einführung auf dem Markt glaubt sie nicht. „Ich rede seit Jahren mit Experten. Und da höre ich immer, dass es in zwei bis fünf Jahren kommt. Aber da muss man erstmal hinkommen.“

Konsumsteigerung befürchtet

Sollte es tatsächlich einmal so weit kommen, befürchten Skeptiker, dass nicht der vorhandene Fleischbedarf gedeckt wird, sondern – durch billiges Fleisch – noch weiter steigt. „Die Gefahr eines solchen Rebound-Effekts ist da. Wenn Fleisch günstiger ist und weniger Tierleid verursacht, wird vielleicht mehr gegessen. Wir wissen aber aus genug Studien, dass zu viel Fleisch nicht gesund ist“, sagt Woll.

Doch es gibt für Ernährungswissenschafter wie König auch positive Aspekte: Im Labor könne die Herstellung genauer protokolliert, nachverfolgt und kontrolliert werden. Es wäre möglich, ein Fleisch in genau der Zusammensetzung aus Fett und Proteinen zu erstellen, die ideal ist – falls sich Wissenschafter bis dahin einig sind, wie die perfekte, gesündeste Zusammensetzung aussieht. Zusatzstoffe wie Mineralien könnten hinzugegeben werden, während Antibiotika und ähnliche Substanzen aus dem Herstellungsprozess eliminiert würden. Gesund und ganz nach Wunsch, der Traum aller Produzenten.

An einer Tatsache kranken aber alle Lebensmitteltrends und gehypten Alternativen: Sobald ein Nahrungsmittel zum Massenprodukt wird, wird es problematisch, meint König. „Das wäre dann auch bei den Insekten eine Massentierhaltung, da muss man sich überlegen: Welche Insekten sind das, wie werden die gefüttert, was macht man mit den Stoffwechselprodukten?“

König glaubt, dass die seit Jahren vieldiskutierte Insektennahrung sich „vielleicht in gewissen Kreisen durchsetzen kann, aber es wird sicher kein Massenprodukt“. Genau wie vermutlich auch das Fleisch aus dem Labor.

Ein einzelnes, neues Produkt als Lösung für Ernährungsprobleme – die sprichwörtlich eierlegende Wollmilchsau – wird es daher nicht geben. „Es gibt nie nur eine Lösung für die Ernährung der Zukunft. In-vitro-Fleisch ist nur einer von vielen Schritten für ein nachhaltigeres globales Ernährungssystem“, meint Rützler.

Das heißt: Weniger Fleisch, mehr pflanzliche (Fleischersatz-)Produkte, Insekten und Algen sollten künftig auf den Teller.

Ähnlich sieht es König. „Das Einzige, was hilft, ist weniger Fleisch zu essen. Dafür ist es wichtig, sich mit einer anderen Ernährungsweise auseinanderzusetzen, da bin ich derzeit skeptisch.“ Dabei scheint dieses Ziel – verglichen mit aufwändigen Labortechniken – eigentlich banal.

Die größte Hürde dürfte aber die Gewohnheit bleiben – die Alternativen wie Algen, Insekten oder Kunstfleisch erst einmal durchbrechen müssen. (Philipp Schwartze)