Letztes Update am So, 07.07.2019 06:57

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Tiroler Gastro-Landschaft verliert Schmuckstück: „Riese Haymon“ sperrt zu

Wie ist es, eine Familie zu verlieren? Andrea Marx, Wirtin des Riesen Haymon, spürt dieses Gefühl derzeit jeden Tag: Mitte August sperrt das Traditionsgasthaus in Innsbruck zu. Und wieder einmal hat das u. a. mit fehlender Nachfolge und schwer zu findendem Personal zu tun.

Andrea Marx im Kreis ihrer guten Seelen: Sabine Schönfelder-Ringer, Berni Dschullnigg und Bernhard Anton Tapler (v. l.) arbeiten schon seit Jahren im Riesen Haymon.

© Vanessa Rachlé / TTAndrea Marx im Kreis ihrer guten Seelen: Sabine Schönfelder-Ringer, Berni Dschullnigg und Bernhard Anton Tapler (v. l.) arbeiten schon seit Jahren im Riesen Haymon.



Von Irene Rapp

Die Schmuckstücke eines Hauses sind die Menschen, die darin verkehren. Wenn man beim östlichen Eingang den Riesen Haymon betritt, fällt der Blick sofort auf die Tafel mit dem eingefrästen Spruch. Nur einige Meter weiter zieht die Stammgast-Galerie in den Bann: Kennt man eines der Gesichter? Welcher Prominente ist zu sehen?

Unübersehbar: der Riese Haymon an der Hauswand.
Unübersehbar: der Riese Haymon an der Hauswand.
- Vanessa Rachlé / TT

Wirtin Andrea Marx kann naturgemäß zu jedem der Fotos eine Geschichte erzählen. An einem Tag käme die Karten-Runde, am nächsten eine Gruppe von Ärzten. Und ja, natürlich sei auch der Landeshauptmann schon Gast gewesen. Ebenso wie Vertreter der Kirche: Immerhin sind Basilika und Stift Wilten nicht weit. Von der angrenzenden Glockengießerei Grassmayr verschlägt es auch ab und zu einen Bischof aus der großen weiten Welt hierher, der eine neue Glocke in Auftrag gegeben hat. Vor allem aber seien es Einheimische, die im Riesen Haymon einkehren. Und die vor allem, so wie an diesen heißen Tagen, den großen, gemütlichen Gastgarten zu schätzen wissen.

Andrea Marx im Eingangsbereich ihres Lokals.
Andrea Marx im Eingangsbereich ihres Lokals.
- Vanessa Rachlé / TT

Seit 21 Jahren im Riesen tätig

Vor 21 Jahren haben die Inns-bruckerin und ihr Mann Fritz Marx das Traditionsgasthaus übernommen. Nach dreijähriger Umbauphase kehrte 1998 somit wieder Leben in das alte Gemäuer mit langer Geschichte ein. Leben, so wie zuvor, gab es in dem markanten Gebäude im Innsbrucker Stadtteil Wilten doch seit dem 17. Jahrhundert nahezu durchgehend Gasthäuser. 1904 wurde dann der Name Riese Haymon geboren.

Die Stammgast-Galerie mit vielen Gesichtern.
Die Stammgast-Galerie mit vielen Gesichtern.
- Vanessa Rachlé / TT

Die Sagenfigur ist auf der Hausfassade abgebildet, in Rüstung und mit Baumstamm. Der Erzählung nach soll der Riese Haymon Gründer des Klosters Wilten gewesen sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

In der Küche des Gasthauses im Riesen Haymon ist jetzt nach dem Mittagsgeschäft Putzen angesagt. „Einer unserer Favoriten ist das Backhendl mit Erdäpfel-Vogerlsalat“, fängt Andrea Marx mit dem Aufzählen an. Denn im Sommer würden auch das saure Rindfleisch und der Schweizer Wurstsalat häufig bestellt. Nicht zu vergessen die saisonalen Gaumenfreuden vom Spargel bis zum Ganserl. Womit die Frage nach der Aufgabenverteilung im Hause Marx auch beantwortet ist: Liegt Andrea Marx alles daran, den Gästen mit Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Herzlichkeit in der Gaststube zu begegnen, so ist es Ehemann Fritz, der sie mit seinen variantenreichen Kochküns­ten zu beeindrucken weiß.

Astrid Lamprecht mit Enkel Samuel Kelderer genießt ein Eis im Gastgarten. Für Berni Dschullnigg heißt es, bald auf Jobsuche zu gehen.
Astrid Lamprecht mit Enkel Samuel Kelderer genießt ein Eis im Gastgarten. Für Berni Dschullnigg heißt es, bald auf Jobsuche zu gehen.
- Vanessa Rachlé / TT

Am 10. August ist Schluss

Im Herbst 2019 allerdings wird das Ganserl nicht mehr serviert werden können. Am 10. August sperrt das Traditionsgasthaus Riese Haymon seine Pforten zu. „Wir gehen in Pension. Und wir konnten bislang keinen Nachfolger finden“, bringt es Andrea Marx in wenigen Worten auf den Punkt.

Peter Weigand, Geschäftsführer des Vereins Tiroler Wirtshauskultur, zu dem auch der Riese Haymon gehört, kennt solche Geschichten zuhauf. Zu den besten Zeiten hatte der Verein 130 Mitglieder in Tirol: Betriebe, die sich u. a. „der Liebe zur Tiroler Kost“ und „der Frische der verwendeten Produkte aus Landwirtschaft, Gewässern und Wäldern“ verschreiben. Derzeit seien es 116.

Die Gründe für die Schließung vieler Betriebe seien sattsam bekannt und derzeit scheinbar unlösbar. Es fehle Fachpersonal. Die Bürokratie sei überbordend. Weigands Blick in die Zukunft ist dementsprechend pessimistisch. „Ich stelle mir oft die Frage, wo wir in fünf Jahren sind.“

Schon jetzt würden einige Betriebe nur noch an wenigen Tagen À-la-Carte-Gäste bewirten. Der Einsatz von mehr Fertigprodukten sei ebenfalls großes Thema. Andere würden gleich zusperren, die alten Gasthäuser geschliffen und stattdessen Wohnblocks gebaut. Wie viele traditionelle Gasthäuser werden also 2024 übrig bleiben, die nicht nur zum Trinken und Essen einladen, sondern auch Begegnungsstätte für geselliges Beisammensein sind?

Im Fall von Andrea und Fritz Marx verläuft die Geschichte ähnlich: Eines der zwei Kinder hätte zwar lange beim Vater in der Küche mitgearbeitet, sei dann aber der Liebe wegen weggezogen. Was gutes Personal betrifft, hätte man noch Glück gehabt: Bernhard Anton Tapler, Sabine Schönfelder-Ringer und Berni Dschullnig, die im Service arbeiten, seien schon seit vielen Jahren im Betrieb. In der Küche wiederum sorge Koch Clemens Jenewein gemeinsam mit Fritz Marx für eine gewisse Kontinuität. Insgesamt hätte man acht Leute angestellt, früher waren es einmal bis zu 15.

Mit ein Grund, warum man in den letzten Jahren vom Sechs-Tage- auf einen Fünf-Tage-Betrieb umgestellt habe. „Den Sonntag haben wir schweren Herzens geschlossen. Aber es ging nicht mehr anders“, schneidet Andrea Marx die Personal-Problematik an. Und sie stellt auch klar: Mit noch mehr guten Leuten hätten sie den Betrieb weitergeführt. „Weil wir es mit Leib und Seele machen. Und wir uns deswegen noch gar nicht auf die Pension freuen können.“

Auch Weigand wird immer wieder gefragt, ob er nicht einen guten Koch für einen seiner Mitgliedsbetriebe parat habe. Die Schauermärchen von schlechten Gehältern und unvorstellbaren Arbeitszeiten kann er allerdings nicht mehr hören.

Natürlich gebe es vereinzelt Betriebe, die etwas falsch machen. „Aber ich weiß auch von Köchen, die 3000 Euro netto verdienen.“ Und wenn man sich anschaue, wie viele mit Schankanlagen ausgestattete Vereinslokale in den letzten Jahren entstanden sind, sei es wenig verwunderlich, dass die Gasthäuser im Dorf leer blieben. Mit allen Konsequenzen.

Das Problem der Branche ist vielschichtig. Diese Erfahrung hat auch Andrea Marx gemacht. „Auf der einen Seite gehen die Leute heute wieder vermehrt ins Gasthaus, weil sie Gesellschaft suchen. Auf der anderen Seite will niemand mehr in der Gastronomie arbeiten.“ Die 60-Jährige führt durch die vielen Stuben, erzählt, dass die gemütlich-rustikale Einrichtung im Laufe der Zeit zusammengetragen worden sei. Da ein Hirschgeweih, dort ein alter Stehtisch sowie eine Kredenz. An der Bar ist die Registrierkasse in einem Nachbau versteckt, der an eine Bierbrauanlage erinnert.

„Gestern haben wir unseren Betrieb auf die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer gestellt. Vielleicht findet sich ja noch jemand, der das alles übernehmen will“, erzählt Marx. Beim Verlassen des Gebäudes kommt man wieder am Schild am Osteingang des Hauses vorbei. Die Schmuckstücke eines Hauses sind die Menschen, die darin verkehren. Vermutlich wird das bronzefarbene Accessoire bald woanders hängen.