Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 17.07.2015


Kinderwunsch

Ich will ein Baby - aber wann?

Das optimale Alter für die Mutterschaft sehen die Österreicher bei 27. Tatsächlich kommt das erste Baby im Schnitt mit 30 – wenn überhaupt. Denn oft ist es fürs Kinderkriegen zu spät.



Von Elke Ruß

Innsbruck – Die Regel kommt immer früher, doch der Nachwuchs immer später. Geschlechtsreife und Menstruationsblutungen setzen teils schon mit zehn Jahren ein, im Schnitt sind die Mädchen etwa zwölf. Das mittlere Alter der Erstgebärenden dagegen hat sich nach hinten verschoben – und zwar in den vergangenen 20 Jahren um drei Jahre, berichtet Angela Ramoni, die Leiterin der Geburtshilfe an der Innsbrucker Klinik.

Statt mit 27 bringen die Tirolerinnen ihr erstes Baby mit 30 zur Welt – im Schnitt. „2008 waren vier Prozent über 40, 2013 schon 5,5 Prozent. 23 Prozent waren über 35 – das ist jede fünfte Frau.“ Immerhin: Gesunken ist auch die Rate der Teenagerschwangerschaften unter 18. „Sie liegt jetzt bei vier von 1000.“

Das Mutterglück verzögert sich dabei nicht linear, das Tempo hat sich verdoppelt: Zwei dieser drei Jahre, die der Storch später landet, gehen auf das Konto der letzten zehn Jahre.

Damit weicht die Realität längst von dem ab, was in der Einschätzung der Österreicher der „ideale Zeitpunkt“ zum Kinderkriegen ist: Das beste Alter liegt demnach nämlich bei 27. Das ergab der Generations and Gender Survey (GGS), der in Österreich in den Jahren 2008/9 und 1012/13 durchgeführt wurde.

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Männer und Frauen bzw. Ältere und Jüngere sehen das übrigens ähnlich. Deutliche Unterschiede gibt es allerdings beim Bildungsstand: Während Ös­ter­reicher mit Pflichtschulabschluss das beste Alter für den Nachwuchs mit 25 Jahren angeben, sehen es Akademiker mit 28 Jahren gekommen.

„Die Gründe für die Verschiebung sind vielfältig“, weiß Ludwig Wildt vom Kinderwunschzentrum an der Klinik: Er nennt „eine bessere Berufsausbildung, den Wunsch, sich erst einmal materiell abzusichern, aber auch die Wahl des Partners, mit dem die Frau Kinder haben will“.

Längst schüren Hochglanzgazetten, die von glücklichen Star-Müttern jenseits der 40 und 50 berichten, den Eindruck, dass später ohnehin früh genug ist. Erst noch die Welt sehen – und sich dann dem Nachwuchs widmen. Denn zu alt, um Mutter zu werden, selbst wenn die Biologie mitspielen würde, ist eine Frau nach Meinung der Österreicher erst mit 43. Auch hier ziehen Pflichtschulabsolventen die Grenze früher, mit 42, und Akademiker erst mit 44.

Nur: Die biologische Uhr tickt auch dann völlig anders, wenn die Betreffende das (noch) gar nicht spürt. „Zeit läuft!“ – Das gilt sogar schon vor der Geburt, denn bis ein Mädchen auf die Welt kommt, sind von ursprünglich sechs Millionen angelegten Eizellen nur noch eine Million übrig. Bis zum 13. Lebensjahr sind noch 400.000 Eizellen da. Das klingt unendlich viel, doch Zahl und Qualität nehmen exponentiell ab, erklärt Wildt. Außerdem gelangt ja jeden Monat nur eine zur Reifung – und die ist nicht unbedingt immer gesund und befruchtungsfähig.

„Mit 34 Jahren hat sich die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft gegenüber dem Zeitraum zwischen 20 und 25 auf die Hälfte reduziert“, sagt Wildt. „Es kann also sein, dass es länger dauert.“ Bereits ab 35 spricht er von einem „deutlichen Absinken der Schwangerschaften – sowohl spontan wie bei der In-vitro-Fertilisation – bei gleichzeitig erhöhter Abortrate“.

Risikoschwangerschaft: Was werdende Mütter einst mit 30 hörten, gilt heute ab 35. Laut Gynäkologin Ramoni ist das Risiko bei diesen Schwangeren zwar „nicht in dem Sinn erhöht, dass man große Angst haben müsste. Aber gewisse Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung, Anm.) und Frühgeburtlichkeit sind häufiger, weshalb man sie intensiver überwachen muss.“ Bei älteren Gebärenden sei zudem die Kaiserschnittrate höher. „Ab 35 steigt auch die Fehlbildungsrate bei den Kindern.“ Hier könne man nur die Pränataldiagnostik anbieten und gut aufklären.

Bei künstlicher Befruchtung gibt es auch öfter Mehrlingsschwangerschaften, das sei „un­abhängig vom Alter der Mutter ein Risiko, besonders für die Frühgeburtlichkeit“, erklärt Ramoni.

Nicht zuletzt hat die frühere Regel die Zeitspanne, in der Erkrankungen wie Endometriose (Schleimhautwucherungen außerhalb der Gebärmutter) oder Myome auftreten können, zusätzlich verlängert. Das ist mit ein Grund, warum das (in Österreich verbotene) Social Freezing überschätzt wird: Selbst wenn eine Frau früh genug starke Eizellen auf Vorrat einfrieren lässt, sinkt mit jedem Jahr die Chance, dass sich ein Embryo auch einnistet und heranwächst.

Aus Sicht des Reproduktionsmediziners liegt das ideale Alter für die Mutterschaft deshalb bei „20 bis 25, aber das ist gesellschaftlich nicht mehr zu realisieren“, weiß auch Wildt. „Ich würde sagen: so früh wie möglich. Wenn ein Paar mit 30 sagt: Wir wollen Kinder, aber ein bisschen später, dann sollte es besser nicht mehr zuwarten.“

Ramoni, die ihre beiden Kinder während des Studiums bekam, dazu: „Die Natur hat vorgesehen, dass die optimalen Bedingungen für eine Schwangerschaft zwischen 20 und 30 sind. Ein Kind wird nie passen, bis die biologische Uhr abgelaufen ist. Deshalb sollte man schon früh Kinder einplanen, wenn die Partnerschaft passt.“ Nachsatz: „Mit 50 sind sie dann schon aus dem Haus.“

Ab dem 35. Lebensjahr sinkt die Rate der Schwangerschaften — spontan und nach In-vitro-Fertilisation — deutlich, erklärt Reproduktionsmediziner Ludwig Wildt. Die Kurve von Chromosomen-Anomalien zeigt steil nach oben. „Deshalb nimmt auch die Abortrate zu.“

Die Zahl der Eizellen einer Frau nimmt schon vor ihrer eigenen Geburt ab. Mit 13 Jahren liegt sie bei rund 400.000. Der Abfall ist exponentiell, zum Zeitpunkt der Menopause sind noch ca. 1000 übrig — aber „nicht mehr in Ordnung und nicht befruchtungsfähig“.

Hoffnungen in die Erfolge der künstlichen Befruchtung sind deutlich überzogen. Maximal 40 Prozent: Bei diesem Wert liegt international die Lebendgeburtenrate nach einer IVF bei 25-jährigen Frauen. Bei 41-Jährigen ist sie dann bereits auf nur noch zehn Prozent gesunken.

Die gängigen Vorstellungen in der Bevölkerung über die Fruchtbarkeit der Frau liegen weit daneben, ergab 2007 eine deutsche Umfrage bei über 16-Jährigen. Demnach glaubt mehr als jeder Zweite (54 Prozent), dass sich Probleme erst ab dem 40. Lebensjahr einstellen.