Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.12.2015


Gesundheit

Weitergehen lernen

Fast 4000 Amputationen werden in Österreich jedes Jahr an den Beinen durchgeführt. Experten und Betroffene klären über die Herausforderungen des neuen Lebens auf.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Am Montag kam Stephan Groschan mit einem Krampf ins Krankenhaus. Am Donnerstag wachte er wieder auf. „Irgendetwas hat nicht gestimmt. Dann habe ich hinuntergegriffen und gemerkt: Mir fehlt das rechte Bein. Das war ein Schock für mich“, erinnert sich der 57-jährige Zwettler an den Juli 2002.

Um ein Haar hätte ihm auch das zweite Bein abgenommen werden müssen. „Ich habe eine Autoimmunerkrankung, von der ich nichts gewusst hatte“, erklärt Groschan. Mit Medikamenten bekam er die Grunderkrankung in den Griff. „Eigentlich geht es mir nicht so schlecht“, sagt Groschan heute. Inzwischen engagiert er sich als Vizepräsident des österreichischen Behindertenverbands KOBV für die vielen Menschen, die in derselben Lage sind wie er.

Jährlich werden in Österreichs Spitälern fast 4000 Amputationen an Ober- und Unterschenkeln sowie am Fuß durchgeführt, wie der KOBV in der neuen Broschüre „Amputation – und das Leben geht weiter“ informiert. Mit dem Handbuch wolle man eine positive Perspektive aufzeigen.

„Es geht darum, wie man mit dem neuen Leben gut fertig werden kann, was vor und nach der Amputation wichtig ist – u. a. prothetische Maßnahmen, Umbauten und Mobilität betreffend“, geht KOBV-Präsident Michael Svoboda auf den Inhalt ein. Manchen Betroffenen, die jahrelang an offenen Füßen laboriert hätten, würde es ohne den Fuß und nach einer guten Rehabilitation sogar besser gehen als davor.

Die rasche Reha sei aber Voraussetzung: „Das wird viel zu selten in Anspruch genommen. Dabei lernt man in der Reha, mit der Prothese umzugehen und wie man den Stumpf pflegt. Viele haben auch Scheu, psychologische Hilfe anzunehmen.“ Svoboda rät Betroffenen und auch Arbeitgebern, sich beim Sozialministerium über Förderungen zu informieren, die das Leben nach dem Ereignis erleichtern können.

Peter Kronberger, leitender Oberarzt an der Universitätsklinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie in Innsbruck betont ebenfalls die Bedeutung der Rehabilitation. „In Zusammenarbeit mit unserer Sozialarbeiterin werden die Patienten automatisch im Reha-Zentrum in Bad Häring angemeldet“, sagt er. Dort würden die Betroffenen das Gehen mit einer Probeprothese erlernen. Später werde die passende Prothese ausgesucht. „Gebrechliche Leute tun sich eventuell leichter mit einer einfachen Prothese. Für junge, sportliche Menschen kommt vielleicht eine Hightech- Prothese in Frage“, erklärt er.

An der plastischen Chirurgie der Klinik werden jedes Jahr etwa sechs bis acht Amputationen des Unterschenkels vorgenommen. „Heuer waren es aufgrund von Motorradunfällen mehr akut durchzuführende Amputationen“, sagt er.

Unfälle sind laut Kronberger eine Ursache für die Amputation, häufiger aber Gefäßerkrankungen und Diabetes. „Ich rate allen, den Mut nicht zu verlieren, um wieder auf die Beine zu kommen. Jede Form der Aktivität und des Trainings, auch nach der Reha, ist wichtig.“

An Aktivität mangelt es Groschan sicher nicht. Als Stadtrat setzt er sich für Barrierefreiheit ein. „Ich versuche den Menschen zu vermitteln, was Behinderung bedeutet“, sagt er. Denn gerade im privaten Bereich fehle vielen noch das Bewusstsein, dass Behinderung jeden treffen könne.