Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.04.2016


Porträt

Parlamentarier Huainigg: Das Leben ist ein Glücksfall

Franz-Josef Huainigg wird häufig gefragt, wie es ihm gelingt, trotz seiner Behinderung ein so erfülltes Leben zu führen. Seine Antwort: mit Optimismus, Liebe, viel Mut und noch mehr Hartnäckigkeit.

Seine Assistentin Evelyn Pammer hilft bei der Arbeit im Parlament: Franz-Josef Huainigg ist Nationalratsabgeordneter und Behindertensprecher.

© APA/HERBERT PFARRHOFERSeine Assistentin Evelyn Pammer hilft bei der Arbeit im Parlament: Franz-Josef Huainigg ist Nationalratsabgeordneter und Behindertensprecher.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Wien, Innsbruck – Wenn Franz Huainigg eines seiner Bücher vorstellt, dann immer im Gespräch mit einem Moderator oder – wie am Montag in Innsbruck – mit seiner parlamentarischen Mitarbeiterin Evelyn Pammer. „Lesungen mache ich gerne, vor allem als jemand, der aufgrund seiner Sehbehinderung nicht lesen kann“, scherzt er. Die beiden sind ein vertrautes Team, Pammer nennt ihn ein „nettes Exemplar der Spezies Rollstuhlfahrer“, also ein dankbares Versuchsobjekt für eine ,chronisch Normale‘. Der Humor kommt jedenfalls nicht zu kurz. „Das überrascht viele“, sagt Huainigg. „Denn wenn Sie mit einem behinderten Autor konfrontiert sind, der Arme und Beine nicht bewegen kann und dessen Leben an einem Beatmungsgerät hängt, erwarten Sie Traurigkeit, Leid und Schicksalsschläge. Aber mein Leben ist anders.“

Es ist ein Leben, das der Mann, der wegen seines gekrümmten Rückens von seiner Vorarlberger Frau Judit liebevoll „Schildkrötle“ genannt wird und der über seinen Beatmungsschlauch als Halsschmuck spricht, als Herausforderung betrachtet, seine Behinderung als Glücksfall – immer jedenfalls mit sehr viel unerwartetem Witz. Humor verleihe ihm die Leichtigkeit, nicht verbissen an Dinge heranzugehen.

Als der Nationalratsabgeordnete mit Volksschulkindern einmal über seinen Rollstuhl sprach, wie viele Sportarten man damit ausüben und wie schnell man bergab düsen könne, sagte ein Mädchen zu seiner Verblüffung: „Zu Weihnachten wünsche ich mir einen Rollstuhl!“

Einem Nachteil etwas Gutes abgewinnen, darin ist er Meister. Auch seinem „Leben in Zeitlupe“, wie er es selbst nennt – „durch meine Behinderung habe ich ein anderes Lebenstempo“ – kann der gebürtige Kärntner einiges abgewinnen. Denn diese Langsamkeit – verbunden mit seiner leisen Stimme – ist es, die ihm im Parlament immer die volle Aufmerksamkeit sichert. Sie ist für ihn Lebensphilosophie geworden, „außerdem konnten die Mitglieder ,des Vereins zur Verzögerung der Zeit‘, dem ich beitrat, noch etwas von mir lernen“.

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Sein optimistischer Lebensratgeber „Mit Mut zum Glück“ ist auch eine Antwort auf jene, die sagen, dass es ihnen besser gehe, wenn sie an ihn denken – „fühlt man sich besser, wenn man sich vor Augen hält, dass es anderen schlechter geht?“ In dem Buch zeigt er anderen, wie man mutig und glücklich wird, mit scheinbar unüberwindbaren Hindernissen umgeht, dankbar und zufrieden ist. Nicht aufgeben gehört auf jeden Fall dazu und beantwortet teils die häufige Frage: „Er hat eine Frau und zwei Kinder – wie geht das?“ Als Jugendlicher habe er noch oft damit gehadert – „warum liebt mich niemand, bin ich nicht liebenswert?“

„Natürlich bedeutet Behinderung Einschränkung. Nach einer Impfung im siebten Lebensmonat kann ich nicht tanzen oder auf Berge steigen“, sagt Huainigg. „Aber ich habe gelernt, innerlich auf Bäume zu klettern, hoch hinauf, wo kein Nebel mehr ist und die Sonne strahlt. Dort oben hat man eine andere Perspektive auf das Leben.“ Ohne seine Verluste hätte er wohl nie zu dieser Einstellung gefunden.

„Meine Gipfelsiege des Lebens sehen anders aus: Wieder sprechen und essen zu können – trotz der Schluckbeschwerden. Ich habe das Leben zu schätzen gelernt. Viele sind auf der Suche nach Glück, finden es aber nicht.“ Glück aber könne allein in der Selbstverwirklichung nicht gefunden werden. Man müsse sich für andere einsetzen: „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück.“ Barrierefreiheit, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung und die Abschaffung der „eugenischen Indikation“, des späten Schwangerschaftsabbruchs sind seine wichtigsten Anliegen im Parlament.

„Menschen nicht mehr in die Augen, ihre Seele sehen zu können – das vermisse ich sehr. Was mich traurig macht ist auch, dass ich niemanden berühren kann. Ich würde gerne meine Kinder umarmen oder mit einer Umarmung jemanden trösten.“

Mit Mut zum Glück — Das Leben wagen, erschienen im Verlag Ueberreuter: Franz-Joseph Huainigg stellt sein neues Buch am Montag, 11. April, um 19.30 Uhr in der Tyrolia in Innsbruck, Maria-Theresien-Straße 15, vor.