Letztes Update am So, 24.04.2016 09:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Autoimmunerkrankungen: Angriff des eigenen Körpers

Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Hashimoto nehmen zu und treten gehäuft bei Frauen in den mittleren Lebensjahren auf. Warum der Körper sich plötzlich selbst attackiert, ist nicht eindeutig geklärt. Die TT hat mit fünf Spezialisten gesprochen.

© iStockEin ungerechter Kampf: Plötzlich wird der eigene Körper als Feind angesehen und attackiert.



Einfach ausgedrückt, könnte man das Immunsystem als körpereigene Polizei beschreiben. Angreifer von außen werden als Feind erkannt und von den Einsatzkräften, den T-Zellen, abgewehrt. Doch manchmal passieren Fehler im System und körpereigenes Gewebe wird fälschlicherweise nicht als Freund angesehen, sondern bekämpft. Autoimmunerkrankungen sind die Folge dieser falschen Reaktion des Immunsystems.

Etwa 60 verschiedene Krankheitsbilder sind bekannt. Sie alle haben Folgendes gemeinsam: Die Zahl der Erkrankungen steigt, mitunter auch, weil die Diagnostik besser und die Wahrnehmung bei Patienten und Ärzten schärfer geworden ist. Frauen sind viel häufiger betroffen. „Frauen haben ein anderes Immunsystem als Männer, nämlich eines, das mehr auf „Schutz“ ausgerichtet ist [beispielsweise gegenüber dem ungeborenen Kind, Anm.] und das damit offenbar aber auch die Neigung hat, „überschießend“ (also autoimmun) zu reagieren“, erklärt etwa Multiple-Sklerose-Experte Thomas Berger einen möglichen Grund. Eine Impfung gibt es bei Autoimmunerkrankungen genauso wenig wie ein Vorsorge-Screening. Und: Die Frage nach dem Warum ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Experten wissen, dass es jedenfalls nicht eine einzige Ursache gibt, warum sich der Körper plötzlich selbst angreift, sondern ein multifaktorielles Zusammenspiel notwendig ist. Erbinformationen spielen eine gewisse Rolle, sind aber nur ein Teil des riesigen Puzzles.

Es braucht zudem noch bestimmte Auslöser, so genannte Trigger-Faktoren, wie Lebensstil oder Umwelteinflüsse, die die Krankheit zum Ausbruch bringen. Vermutungen, dass die übertriebene Hygiene eine Rolle spielt und das Immunsystem gelangweilt ist, sind rein spekulativ. Die gute Nachricht: Viele der Autoimmunerkrankungen sind gut therapierbar geworden. Eine Dauertherapie ist in den meisten Fällen Voraussetzung. (Nicole Strozzi)

Hashimoto-Thyreoiditis: Hashimoto was? hieß es noch vor einigen Jahren, als die chronische Schilddrüsenerkrankung noch relativ unbekannt war. Heute weiß man viel mehr über die Erkrankung, die vom japanischen Arzt Hakaru Hashimoto 1912 zum ersten Mal beschrieben wurde und unter der ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden. Der Körper richtet dabei Abwehrstoffe gegen die Schilddrüse, sodass diese sich im Verlauf der Jahre selbst zerstört. Hashimoto-Thyreoiditis geht mit keinen speziellen Symptomen einher, sondern wird meistens zufällig entdeckt. „Zu Beginn leiden Betroffene häufig an einer Schilddrüsenüberfunktion mit typischen Symptomen wie Nervosität, Schwitzen oder Schlaflosigkeit. Dann geht die Über- in eine Unterfunktion über. Patienten sind antriebslos oder nehmen zu“, erklärt Gerold Wetscher, Leiter der chirurgischen Abteilung im Krankenhaus Schwaz. Die Therapie besteht darin, die Unterfunktion mit entsprechenden Medikamenten auszugleichen. „Eine Operation brauchen die wenigsten“, sagt Wetscher. Aber regelmäßige Kontrollen seien notwendig, weil Hashimoto-Patienten zu Knötchenbildung neigen und ein größeres Schilddrüsenkrebsrisiko haben. Zusätzlich können Betroffene auf eine selenreiche Ernährung mit Hülsenfrüchten oder Kokosöl achten und darauf, nur wenig Jod zuzuführen oder Untersuchungen mit jodhältigen Kontrastmitteln so gut es geht zu vermeiden. Sind die Patienten gut eingestellt, müssen sie mit keinerlei Einschränkungen im Alltag rechnen. Betroffen sind hauptsächlich Frauen, die Erkrankung tritt häufig mit dem Ende der Schwangerschaft oder am Beginn der Menopause ein. Neben hormonellen Gründen können auch Umweltfaktoren mögliche Auslöser sein.

Schuppenflechte:

Immer gut auszusehen gehört zum Job von TV-Star Kim Kardashian oder von Topmodel Cara Delevigne dazu. Was auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist: Beide Promis leiden unter Schuppenflechte und haben öffentlich darüber gesprochen. Ihre Botschaft: Hautkrankheiten wie Psoriasis sollen kein Grund sein, sich zu verstecken. Und: Die Krankheit ist nicht ansteckend. Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden unter der entzündlichen Hauterkrankung, die durch rote, schuppige Hautflechten, die teilweise jucken können, gekennzeichnet ist. „Oft ist die Schuppenfläche mild und dann eher ein kosmetisches Problem. Sie tritt vor allem an Kopfhaut, Knie und Ellenbogen auf“, erklärt Gudrun Ratzinger, Oberärztin an der Hautklinik Innsbruck. Bei einigen Patienten ist allerdings der ganze Körper betroffen. Ist die Haut sehr verdickt, kann es zu einem unangenehmen Spannungsgefühl kommen, manchmal auch zu Gelenkschmerzen. Es gibt, so Ratzinger, aber sehr gute Therapie­möglichkeiten, bestehend aus einer Lokaltherapie (Vitamin-D-Salbe oder Cortisone), einer UV-Behandlung und – wenn die klassische Therapie ausgeschöpft ist – zielgerichteten Biologika in Spritzenform. Dass sich bestimmte Lebensmittel oder Omega-3-Fettsäuren günstig auswirken, hat sich leider nicht belegen lassen. Bei der Psoriasis ist die Geschlechterverteilung ausgeglichen. Eine genetische Anlage und zusätzliche Faktoren wie Infekte oder starker Druck auf die betreffenden Stellen können sie zum Ausbruch bringen. „Betroffene gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Krankheit um“, sagt die Dermatologin. Menschen sind körperbewusster geworden und wollen genauso ins Freibad gehen oder kurze Hosen tragen. Die Blicke der anderen könnten allerdings schon sehr verletzend sein.

Chronische Polyarthritis (Rheuma):

Die chronische Polyarthritis fängt schleichend an. Die Gelenke sind morgens steif und schwellen an. Sollte dieser Zustand länger als 30 Minuten andauern, dann sollte der Patient einen Arzt aufsuchen, rät Johann Gruber, Leiter der Rheumatologie an der Klinik Innsbruck. Liegen Rheuma-Fälle in der Familie vor, stellt sich oft die Frage der Prävention. Erbgut und Hormone lassen sich nicht verändern, so Gruber. Eine Rheumadiät gibt es auch nicht. Das einzige, das der Patient tun kann, ist nicht zu rauchen. „Rauchen kann chronische Polyarthritis mitauslösen, Raucher sprechen außerdem schlechter auf die Therapie an“. Diese Therapie mit modernen Biologika kann die Krankheit zwar nicht heilen aber stoppen. Patienten können bei früher Diagnose ohne Schmerzen und Einschränkungen leben.

Multiple Sklerose (MS):

Jede Diagnose einer chronischen Krankheit stellt eine psychische Belastung dar, so auch die der Multiplen Sklerose. Was wird die Zukunft bringen?, fragen sich Patienten, zumal über der MS das Damoklesschwert „Behinderung und Rollstuhl“ schwebt. Doch diese Angst ist heute nicht mehr begründet, sagt Thomas Berger, Leiter der Multiple Sklerose Ambulanz an der Univ. Klinik Neurologie Innsbruck. Je früher die Diagnose gestellt wird, also sobald erste Beschwerden wie einseitige Seh- oder Gefühlsstörunen auftreten, desto eher kann MS gestoppt werden und Betroffene können mit entsprechenden Medikamenten ein völlig normales Leben führen. MS tritt gehäuft bei Frauen, meist zwischen 20 und 30 Jahren auf. Eine Schwangerschaft ist laut Berger kein Problem. Sie ist sogar ein schützender Faktor.

Autoimmune Hepatitis:

Dass eine Lebererkrankung automatisch mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht wird, ist ein absoluter Irrglaube, sagt Ivo Graziadei, Leiter der Inneren Medizin am Landeskrankenhaus Hall. Die seltene, aber gut behandelbare, Autoimmune Hepatitis hat z.B. gar nichts mit dem Trinkverhalten zu tun. Die Erkrankung, bei der die Leber vom eigenen Körper attackiert wird, ist schwer von einer Viruserkrankung zu unterscheiden und wird meist zufällig durch erhöhte Leberwerte entdeckt. Anhand einer weiteren Lebererkrankung erkennt man, welchen Einfluss Genetik und Umwelt haben: Die PSC (primär sklerosierende Cholangitis), eine Erkrankung der Gallenwege, ist z.B. in Oslo die häufigste Ursache für eine Lebertransplantation, bei uns selten und in Spanien oder Italien nahezu nicht zu sehen.