Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.05.2016


Gesundheit

Snus - ein schädliches Lippenbekenntnis

Snus ist in kleine Beutel gefüllter Lutschtabak aus Skandinavien. Die Medizin warnt vor diesem Produkt, denn es macht süchtig und setzt dem Kauapparat zu.

Snus wird unter die Oberlippe gesteckt, über die Schleimhaut gelangt Nikotin ins Blut.

© istockSnus wird unter die Oberlippe gesteckt, über die Schleimhaut gelangt Nikotin ins Blut.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Hannah ist ein hübsches Mädchen. Sie heißt in Wirklichkeit anders, ihr Name tut aber nichts zur Sache. Schaut man in das jugendliche Antlitz der 16-Jährigen, wird man stutzig: Ein Mundwinkel scheint leicht erhöht wie bei einem süffisanten Lächeln. Der Grund für dieses optische Detail hat einen schwedischen Namen: Snus (ausgesprochen „Snüs“). Das sind mit Tabak, Salz und Aromastoffen gefüllte kleine Säckchen aus Skandinavien. Hannah hat gerade ein Snus-Beutelchen zwischen Oberlippe und Oberkiefer stecken. „Dort bleibt es bis zu 40 Minuten lang, dann nehme ich es heraus“, schildert die Schülerin der TT.

In einer Dose Snus sind bis zu 24 Tabakbeutelchen.
In einer Dose Snus sind bis zu 24 Tabakbeutelchen.
- TT

Über die Mundschleimhaut gelangt das im Tabak enthaltene Nikotin rasch ins Blut. „Anfangs wird einem dabei schwindlig“, beschreibt Hannah die Wirkung von Snus. Auch „ein deutliches Brennen“ an der Mundschleimhaut sei zu verspüren. Der kleine Tabaksack helfe ihr beim Entspannen. „Chillen“ nennt sie das im Jargon junger Menschen.

Diese rauchlose Form des Tabakkonsums ist in Tirol weit verbreitet: Jugendliche, Sportler, aber auch ältere Semester finden Gefallen da­ran. Manch eine Dosis Tabak wird sogar während der Arbeit oder in der Schulstunde konsumiert, für andere nicht wahrnehmbar, weil im Mund verborgen und geruchlos.

Hannah hat Snus vor drei Monaten entdeckt. Ein älterer Freund hat sie auf die Idee gebracht. Bis zu sechs Tabaksäckchen lutscht die Gymnasiastin jetzt pro Tag: „Am Wochenende mehr, unter der Woche weniger.“

Eine Dose Snus mit 20 bis 24 Stück Inhalt ist um fünf Euro zu haben. Allerdings nicht in Österreich. Denn hierzulande ist zwar der Konsum von Snus ab 16 Jahren (wie bei Zigaretten) erlaubt, der Verkauf ist hingegen verboten.

Die Stärke des Snus hängt von der Tabakmenge ab: links ein prall gefülltes Säckchen, rechts ein schwächeres.
Die Stärke des Snus hängt von der Tabakmenge ab: links ein prall gefülltes Säckchen, rechts ein schwächeres.
- TT

Doch gleich hinter der Tiroler Grenze, in Deutschland, gibt es regelrechte Snus-Bauchläden mit Produkten in verschiedenen Stärkegraden. Und auch online floriert das Geschäft über Grenzen hinweg. „Es gibt aber schon in Innsbruck Lokale, in denen Snus trotz des Verkaufsverbots unter der Hand zu bekommen ist“, weiß Insiderin Hannah.

Für manche ist der Lutschtabak die weniger schädliche, weil verbrennungsfreie Version des Rauchens, mit einem verminderten Risiko von Lungenkrebs.

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- TT

Eine Verharmlosung ist aber fehl am Platz. Dazu muss man die Snusdose nur umdrehen. Dort, etwa auf einem Behälter der Marke „Thunder Extra strong“, steht: „Dieses Tabakerzeugnis kann Ihre Gesundheit schädigen und macht abhängig.“

Hannah gibt auch zu, dass sie eine Abhängigkeit empfinde. „Man möchte jeden Tag Snus haben.“ Ist die Dose leer, wird Nachschub besorgt.

Sorge ist auch das Stichwort, das Medizinern zu Snus einfällt. Herbert Riechelmann, Chef der Uni-Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) in Innsbruck, gibt Snus-Usern einen unmissverständlichen Rat: „Lasst die Finger davon!“

Tabak bleibt für ihn Tabak, auch wenn er gelutscht und dann ausgespuckt wird. „Tabak enthält das Nervengift Nikotin und die gefährlichen Nitrosamine, diese sind krebserregend“, formuliert der Professor seinen Befund.

Ob Snus-Konsum das Risiko für Krebs im Mundraum oder in der Bauchspeicheldrüse erhöht, ist fachlich umstritten. „Es gibt Studien, die das bejahen, andere wiederum finden keine Anzeichen dafür“, berichtet Riechelmann den Stand der Forschung.

Mit Sicherheit setzt Snusen hingegen dem Kauapparat zu. Reizungen der Mundschleimhäute an jener Stelle, wo das Tabakpäckchen platziert wird, sind relativ häufig.

Es kann aber noch dicker kommen. Professor Riechelmann beschreibt das so nüchtern und anschaulich, wie es nur Ärzte können: „Bei einem unserer Patienten verursachte Snus-Konsum ein Geschwür an der Oberlippe innen; die Lippe ist so sehr geschrumpft, dass die Zähne jetzt herausschauen.“

In Schweden, dem Heimatland von Snus, ist der gelutschte Tabak vor allem unter Männern stark vertreten. „Dort konsumieren 21 Prozent der Männer Snus, nur 18 Prozent rauchen“, ist bei der Suchtberatungsstelle „kontakt & co“ in Innsbruck zu erfahren.

„Es ist sicher weniger schädlich, Snus zu konsumieren, als Tabak zu rauchen“, findet auch HNO-Spezialist Riechelmann. Zur Raucherentwöhnung sei es vielleicht tauglich. Doch er bleibt auf seiner Linie: „Noch viel besser ist es, auch mit dem Snus aufzuhören. Das ist immer noch schädlich genug.“

Hannah hat inzwischen das Snus-Päckchen aus dem Mund genommen. Hat sie gar keine Angst, dass Snus der Einstieg zum Rauchen oder gar zum Konsum illegaler Drogen sein könnte? „Nein“, antwortet sie bestimmt. „In meinem Bekanntenkreis gibt es einige, die kiffen; mich interessiert das aber nicht.“