Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.10.2016


Gesundheit

Stottern: Kein Grund zu schweigen

Wenn die Sprache ins Stolpern gerät: Rund 8000 Tiroler stottern. Pünktlich zum

Weltstottertag klärt der Selbsthilfe-Verein ÖSIS auf, wie die neuesten Therapien wirken.

© iStockKein Grund, den Mund geschlossen zu halten: Viele Stotterer verzichten lieber darauf zu sprechen, als sich bloßzustellen.



Von Judith Sam

Innsbruck – Rund 8000 Tiroler stottern. Damit sind sie in bester Gesellschaft: Marilyn Monroe litt ebenfalls an diesem Sprachfehler und hauchte ihre Worte angeblich nur ins Mikrofon, um das Stottern zu überspielen. Bruce Willis wurde Schauspielunterricht empfohlen, um sein Stottern zu überwinden, und dem „Grafen“ der deutschen Band Unheilig legte man nahe, einen Beruf zu wählen, in dem er nicht sprechen muss. Ein Ratschlag, dem er nicht Folge leistete.

„Und das ist gut so. Wir wollen Betroffene nämlich ermutigen, dazu zu stehen. Dieser Sprachfehler sollte kein Tabu sein, für das man sich schämt – denn wie sagt man so schön: ,Das Schlimmste am Stottern ist die Angst davor‘“, schildert Andrea Grubitsch, Obfrau der Österreichischen Selbsthilfe-Initiative Stottern (ÖSIS).

Die 58-Jährige spricht aus Erfahrung: „Als ich sechs Jahre alt war, zeigten sich bei mir erstmals die typischen Stotter-Probleme: Wort- und Buchstaben-Wiederholungen, Blockaden und auffällige Dehnungen.“ Bei so manchem Stotternden kommen sekundäre Symptome hinzu, wie Verkrampfungen der Gesichtsmuskeln, Stirnrunzeln, Kopfnicken oder Keuchen.

Die frühere Kramsacherin, die mittlerweile in Oberösterreich lebt, wusste zwar genau, was sie sagen wollte, konnte dies jedoch nicht störungsfrei artikulieren. Darum war sie unzähligen Witzen und Vorurteilen von Seiten der Mitschüler und Lehrer ausgesetzt: „Dabei ist Stottern weder ein Zeichen von Dummheit noch eine psychisch­e Störung.“ Stattdessen sei es die Folge einer nicht optimalen Reizweiterleitung im Gehirn sowie psychischer und sozialer Belastungen. Zudem gibt es Forschungsansätze, laut denen Stottern in 80 Prozent der Fälle genetisch bedingt ist.

Die jungen Betroffenen beginnen meist zwischen drei und fünf Jahren holprig zu sprechen. In etwa 80 Prozent der Fälle ist das nichts weiter als eine altersgemäße Sprachunflüssigkeit, die sich von selbst legt. Darum rät ÖSIS Eltern betroffener Kinder zu einem Beratungsgespräch bei einer Logopädin. Vor Beginn einer Therapie sollte zusätzlich ein Arzt abklären, ob das Kind an einem Sprachproblem leidet, weil es schlecht hört. Für Erwachsene wird einmal monatlich eine Selbsthilfegruppe in Innsbruck angeboten.

Grundsätzlich gilt: Je früher das Stottern erkannt und die Therapie eingeleitet wird, desto besser die Aussichten, die Redeflussstörung zu überwinden. Je weiter man die Behandlung hinauszögert, desto chronischer wird das falsche Verhalten. „Ganz heilen lässt sich Stottern nicht, doch mit etwas Training kann man flüssig sprechen“, weiß Grubitsch, von deren früherem Problem man heute nichts mehr merkt.

Sie profitierte von einer autosuggestiven Therapie, bei der man lernt, sich mental auf Gespräche vorzubereiten, sich Zeit zu nehmen, langsam zu sprechen und Sätze zu beenden: „Mein Problem war, dass die Leute mir, sobald ich nicht mehr flüssig sprach, ins Wort fielen und so taten, als wüssten sie ohnehin, was ich sagen will.“ So eine Reaktion setze Stotterer zusätzlich unter Druck – und je mehr Druck, Nervosität und Unsicherheit, desto stockender wird die Sprache.

Grubitschs Methode orientiert sich am so genannten „Fluency Shaping“-Ansatz, bei dem ein langsames, ruhiges und kontrolliertes Sprechen eingeübt wird. Über die Monate perfektionieren Patienten diese Methode, bis das Stottern nicht mehr auffällt. Die zweite Therapie-Hauptrichtung ist die „Stottermodifikation“, bei der ein lockeres Stottern ohne Angst vor Vermeidung gelernt wird, das in vielen Situationen zu spontan flüssigem Sprechen führt. Idealerweise kommt eine Kombination beider Methoden zum Einsatz.

„Operationen oder Medikamente helfen hier übrigens nicht“, ergänzt die ÖSIS-Obfrau, die vor ihrer Therapie aus Scham jahrelang zurückgezogen lebte. „,Lieber nichts sagen als etwas Peinliches‘ – das war mein Credo. Heute ist das anders. Ich habe gelernt, dass ich in einem Gasthaus auch mal stotternd bestellen kann. Das muss der Wirt aushalten.“

Selbsthilfe-Treffen

Pünktlich zum Weltstottertag am 22. Oktober wird Grubitsch Interessierte an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Von 9 bis 17 Uhr lädt ÖSIS zu einem kostenlosen Tag der offenen Tür in die Brixner Straße 3, Innsbruck, um Erfahrungen auszutauschen und Kontakt zu Ärzten und Therapeuten herzustellen. Infos unter: www.oesis.at