Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.01.2017


Gesundheit

Wut in den Ohren

Die banalsten Geräusche sind für Menschen, die an Misophonie leiden der Albtraum. Sie bringt sie zur Weißglut. Über eine Störung, die das Sozialleben auf den Prüfstand stellt.



Da mantscht jemand gedankenverloren laut am Kaugummi, sodass man sich fragt, wo der bitte seine gute Kinderstube gelassen hat. Im leisen Zimmer tickt die plötzlich so laut, dass man sie stante pede herunternehmen muss, um sich wieder auf die Arbeit konzentrieren zu können. Lästig, ja. Aber alles kein Drama. Es sei denn, man leidet wie Rico Hofmann an Misophonie.

„Ganz ehrlich, wenn ich neben Ihnen im Kino sitzen würde, und ich höre, wie Sie die Chipstüte öffnen, dann könnte ich Ihnen beim ersten Biss die Faust reinschlagen“, sagt der Schweizer. Er tut es natürlich nicht und hat es auch nie gemacht, wie er beteuert. Die eindrucksvollen Worte benutzt Hofmann, um klarzumachen, welche Aggression sich schlagartig in ihm aufbäumt, wenn er gewisse Geräusche hört. „Das baut sich nicht schleichend auf, sondern geht von 0 auf 200. Einer, der Misophonie hat, könnte dauernd etwas kaputtmachen“, schildert er seine Gefühle.

Bis er vor fünf Jahren zufällig erfahren hat, dass sein Hass auf Geräusche einen Namen hat, nämlich Misophonie, trug er die Last 28 Jahre mit sich herum, suchte Hilfe im Schamanismus und der Naturheilkunde. Vergeblich. Seine erste Ehe sei unter anderem deshalb in die Brüche gegangen. Es ist nicht leicht auszuhalten mit jemandem, der bei allen möglichen Geräuschen, von Radiorauschen bis Heizungssurren, die Wände hochgehen könnte. Die Betroffenen selbst neigen dazu, sich zu isolieren, für manche ist z. B. aufgrund von Tastaturgeklapper an Arbeit nicht zu denken, ein Essen mit Freunden, unvorstellbar.

Erste Hilfe: Ohrstöpsel

„Ich habe recherchiert und im deutschsprachigen Raum nichts gefunden. Die Ärzteschaft ist nur schwach informiert. Dann habe ich vor drei Jahren das Forum auf die Beine gestellt“, erzählt Hofmann, warum er die Online-Plattform misophonie.info gegründet hat. Im englischsprachigen Raum werde Misophonie wesentlich häufiger thematisiert, in Aus­tralien fände sogar jedes Jahr ein Kongress statt. „Für die meisten ist es schon entlastend, wenn sie wissen, dass ihr Problem einen Namen hat. Man fragt sich ja selber auch, ob man spinnt.“

Sein Forum, in dem er auch Selbsthilfegruppen vernetzt, hat seinen Angaben zufolge schon knapp 500 Nutzer, einige auch aus Österreich. „Es gibt mehr Betroffene, als man denkt. Bei einem Großteil fängt es im Kindesalter zwischen sieben und zwölf Jahren mit Kau- und Atemgeräuschen einer nahestehenden Person an. In der Pubertät manifestiert es sich dann bei manchen.“ Familiäre Probleme seien nicht Ursache. Woher diese Überempfindlichkeit kommt, ist noch Gegenstand von Forschungen, Belege gibt es nicht. Die Symptombekämpfung steht im Vordergrund.

„Misos, so nennen wir uns, sind sehr stressanfällig. In solchen Phasen, wenn man dauernd Stress hat, kommen neue Trigger hinzu. Wir sind wie ein Fass, das ständig voll ist. Wir müssten uns entspannen, damit keine neuen Trigger hinzukommen.“

Eine Theorie erscheint dem Zürcher Unternehmer einleuchtend: In urzeitlichen Menschengruppen gab es scheinbar immer einen Hypersensiblen, der Gefahren schon vor allen anderen wahrgenommen und den Rest gewarnt hat. Heute sei dieses sensorische Warnsystem überflüssig und damit ein Überbleibsel der Evolution.

In seiner langen Leidensgeschichte habe er gelernt, die Aggression eine gewisse Zeit zu kontrollieren. „Das raubt einem aber die Energie. Wenn es vorbei ist, dann ist man so fertig, dass man zusammenbrechen könnte.“ Psychotherapeutische Maßnahmen zum Aggressionsabbau würden da nicht helfen, weil bei den Misos das Gehirn autonom auf den Trigger anspringen würde. Ohrstöpsel, Kopfhörer und das Geräusch übertönender Musik sei das Erste-Hilfe-Kit für alle Misos, um den Alltrag halbwegs „anständig gestalten zu können“.

Hofmann selber haben letztlich Psychopharmaka geholfen, die ihm eine Ärztin verschrieben hat und die ihn so weit entspannen, dass keine neuen Trigger hinzukommen. Er ist wieder verheiratet und hat zwei Kinder. „Das würde ohne die Medikamente nicht funktionieren“, ist er überzeugt. Menschen, die wie er an Misophonie leiden, rät er, das gegenüber anderen klar anzusprechen und sich damit nicht zu verstecken. „Die Akzeptanz des Umfelds ist groß. Ich schäme mich auch nicht mehr, wenn ich die Ohrstöpsel reingebe.“ Um einen Arzt zu finden, der sich mit Misophonie auskennt, müsse man zwar noch viel herumtelefonieren. „Es wird aber besser“, ist er sicher. (Theresa Mair)