Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.02.2017


Gesundheit

Hoch hinaus und tief hinunter

Die bipolare Störung ist eine Krankheit, bei der die Betroffenen mit extremen Stimmungslagen, gleich einer Achterbahn der Gefühle, leben. Ein Betroffener, der in Innsbruck eine Selbsthilfegruppe gegründet hat, erzählt.

Die bipolare Störung verläuft in individuell unterschiedlichen Episoden von manischen Hochs und depressiven Tiefs.

© iStockphotoDie bipolare Störung verläuft in individuell unterschiedlichen Episoden von manischen Hochs und depressiven Tiefs.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Was man oft einfach so dahersagt, ist für die Betroffenen einer bipolaren Störung eine extreme Achterbahnfahrt der Gefühle.

In der manischen Phase fühlen sie sich unschlagbar gut. Die Erkrankten schlafen kaum, sind aber nicht müde, und sie reden wie ein Buch. Die Manie kann sich bis ins Wahn­hafte steigern, manche stellen in diesem Zustand allerhand Unsinn an. „Wenn sich jemand zwei Autos kaufen will, obwohl er sich nicht einmal eines leisten kann, dann ist das besorgniserregend“, sagt Elmar Kennert­h, der selbst betroffen ist und die Selbsthilfegruppe „Tiroler Gesellschaft für Bipolare Störungen“ leitet.

Zumal nach dem Hoch das Tief kommt. „In der depressiven Episode räumt man die Scherben der manischen Phase auf. Man ist von Schuldgefühlen geplagt“, schildert der 36-jährige Innsbrucker. Auch hier kann es der dunklen Stimmung entsprechend zu wahnhaften Auswüchsen, wie Paranoia, kommen. Betroffen­e gefährden sich selbst, viel­e versuchen die Depression wegzutrinken, die Suizidalität ist hoch. Sie drohen aus dem sozialen Netz zu fallen, viele sind arbeitslos.

Autos habe Kennerth nie gekauft, aber mitunter bildete er sich ein, Bundeskanzler zu sein. Bei der Erinnerung daran muss der Ex-Buchhalter heute schmunzeln. In der depressiven Phase schämte er sich fürchterlich dafür und fand es nicht lustig. Die Leute in seinem Umfeld auch nicht. Sie hätten bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, und ihn dazu gedrängt, Hilfe zu suchen. Von selbst komme man in der Manie nicht darauf. Nach einem Jahr stand die Diagnose fest: bipolare Störung.

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Armand Hausmann betreut an der Innsbrucker Universitätsklinik Patienten mit bipolarer Erkrankung. Eine Bezeichnung, mit der viele nichts anfangen könnten. Verbreitet ist noch immer der veraltete Begriff der manisch-depressiven Erkrankung. „Die bipolare Störung ist eine Erkrankung der Stimmung, die überdurchschnittlich nach oben und überdurchschnittlich nach unten gehen kann“, erklärt er. Je nachdem, wie strikt man die Kriterien auslege, leiden ein bis sechs Prozent der Bevölkerung darunter.

Der Hirnstoffwechsel, Botenstoffe wie Dopamin, geraten durcheinander. Die Symptome brechen laut Hausmann in der Jugend aus. Dabei haben die Erkrankten die Anlage für die Störung meist geerbt. „Damit sie zum Ausbruch kommt, braucht es aber ein Life-Event oder ein Problem in der Beziehungsgestaltung“, sagt der Experte. Das könne z. B. eine Trennung sein. Die Krankheit zeige sich schon früh mit leichten depressiven Einbrüchen, die oft nicht erkannt und z. B. auf Schulprobleme geschoben würden.

Der Verlauf ist individuell: Manie und Depression können sich abwechseln oder aber auch eine Stimmung im Vordergrund stehen. Bei manchen hält sich die Verstimmung über Wochen, bei anderen wechselt sie binnen Stunden. Gemeinsam ist allen Betroffenen, dass sie eine Phase der Manie oder Hypomanie – einer Vorstufe der Manie – durchlebt haben.

Grundsätzlich unterscheide man zwei Typen der bipolaren Störung: Charakteristisch für BP I sind Depressionen und Manien. Mehr Frauen als Männer sind von BP II betroffen, einem Verlauf, bei dem es zwar schwere Depression, aber keine Manie, sondern Hypo­manien gebe.

In der Behandlung spielt die Psychotherapie eine wichtige Rolle. Daneben gibt es Medikamente, die dafür sorgen, dass der Abstand zwischen den Episoden ausgedehnt wird. „Jede Phase beinhaltet die Wahrscheinlichkeit einer neuen Phase“, macht Hausmann deutlich. Ein eigenständiger Wechsel oder Absetzen der Medikation sei daher problematisch. Betroffene sollen sich dennoch nicht entmutigen lassen: „Wenn sie die Krankheit annehmen und damit umgehen lernen, können sie mit der bipolaren Störung gut leben, Beziehungen führen und Kinder bekommen.“

Kennerth hat gelernt, Verlust-Ängste zu kontrollieren. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben. Stundenlange Konzentration ist unmöglich. Stattdessen absolvierte er die Ausbildung zum Genesungsbegleiter. Bei „start pro ment­e“ unterstützt Kennerth psychisch Erkrankte.

Er gründete die Selbsthilfe­gruppe, um sich mit anderen Erkrankten auf Augenhöhe auszutauschen. Kennerth nimmt Medikamente in der „geringsten nötigen Dosis“, hält Psychoedukation, bei der man lernt, Gefahren zu erkennen und darauf zu reagieren, aber für wichtiger. Er bemängelt, dass die Wartezeit für Kassenplätze lang sei. Vor allem aber tritt er gegen das Stigma auf. „Man muss vor psychisch Kranken keine Angst haben. Es ist umgekehrt. Sie werden ausgegrenzt.“ Kennerth hat sich für die Flucht nach vorn entschieden und hält es dabei mit dem einstigen britischen Premier und Betroffenen Winston Churchill: „Die Kunst ist es, einmal öfter aufzustehen, als man umgeworfen wird.“

Bipolare Erkrankung

Erste Anzeichen sind Überaktivität und Schlaflosigkeit in der Nacht, ohne am nächsten Morgen müde zu sein. Sozialer Rückzug. Unter betroffenen Männern kann eine Neigung zur Zyklothymie vorhanden sein: In Höchstform sind sie in der Lage, ein ganzes Lokal zu unterhalten, und ziehen sich danach mit depressiver Verstimmung zurück.

Manie und Hypomanie sind für die Betroffenen selbst ein angenehmer Zustand. In der Manie sind sie kritik- und distanzlos, redselig und neigen zu verrückten Aktionen. Die Hypomanie ist nicht so sozial ruinös wie die Manie. Die Betroffenen verfügen über einen gesteigerten Antrieb, erleben ihre Gefühlswelt sehr intensiv. Mitunter können sie sich sehr schnell verlieben.

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