Letztes Update am So, 12.03.2017 08:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesichtserkennung

Mit dem Gesicht durch die Kontrolle

Gesichtserkennung ist derzeit vor allem im Angesicht der Terrorfahndung in der öffentlichen Debatte angekommen. Doch mit dieser Technik sind noch weit mehr Anwendungen in vielen Bereichen des Alltags denkbar. Über die Möglichkeiten und das Für und Wider.

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Keine Zugangscodes oder Schlüssel mehr, sondern nur das eigene Antlitz, das einem Eintritt in Räume verschafft? Das klingt wie aus einem Science-Fiction-Film. In Russland ist bereits Stalking über Gesichtserkennung möglich.

An Flughäfen wie Frankfurt, Bahnhöfen wie denen des Eurostars zwischen London und Paris und anderen zentralen Punkten ist Gesichtserkennung im Trend. „Smart Border“ nennt sich das Sys­tem der EU, das neben dem üblichen Pass auch Gesichtserkennung einsetzt.

Geht es nach Internetsoziologe Stephan Humer von der Fresenius-Hochschule Berlin, könnte das aber erst der Anfang sein. „Ich bin davon überzeugt, dass wir Gesichtserkennung auch im zivilen Bereich sehen werden.“ An der Weintheke im Supermarkt etwa könnten Kameras eine Person beim Kauf identifizieren, um gezielt Werbung zuzuschicken. Oder am Skilift, wo derzeit in einigen Skigebieten noch ein Mitarbeiter über ein Kamerasystem das Foto eines Skifahrers mit dem auf dessen Skiabo-Pass vergleicht, um Missbrauch zu verhindern.

Unterschiedliche Ansprüche

Für Alexander Nouak, Biometrie-Experte und Leiter des Geschäftstelle des Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie in Berlin, gilt es zwei Einsatzfelder zu unterscheiden, die Zugangskontrolle und die Überwachung. „In der Zugangskontrolle wird man dem System sagen: Ich behaupte, Alexander Nouak zu sein. Das System sucht sich dann die Daten zu mir, überprüft, ob die neu erfassten mit den gespeicherten zusammenpassen.“

Auf der anderen Seite steht das derzeit viel diskutierte Überwachungsszenario. In diesem Bereich muss das System eine Person erfassen und in einer riesigen Datenbank zig tausend Datensätze nach ähnlichen Merkmalen durchsuchen. „Und dann soll es sagen, wer gerade vor diesem System steht. Das wird es aber nie zweifelsfrei sagen können, auch wenn die Hersteller etwas anderes behaupten“, erklärt Nouak. Selbst bei einer 99,9-prozentigen Erfolgsquote würde es pro tausend Personen einen Fehlalarm geben.

Ein Allheilmittel ist die Gesichtserkennung also nicht. „Sie kann nur eine unterstützende Funktion haben“, betont Nouak. Dafür braucht es dann eine Datenbank der in Frage kommenden Personen. „Da ist auch die Frage, wie weit wollen wir gehen? Beispielsweise sind in Innsbruck nicht nur Innsbrucker unterwegs, sondern auch Touristen, Menschen aus anderen Bundesländer, aus dem Ausland. Da müssten wir die ganze Welt erfassen.“

Mensch versus Maschine

Doch ist die Maschine dem Menschen überhaupt überlegen? Bei der Polizei in Sydney und London sind so genannte „Super Recognizer“, Menschen, die sich Gesichter besonders gut merken können, im Einsatz. „In der polizeilichen Arbeit führt die Gesichtserkennung aber bereits jetzt zu einer höheren Leistungsfähigkeit“, ist Humer überzeugt. Nouak sieht Menschen derzeit noch im Vorteil – durch ihre Erfahrung. „Wir arbeiten daran, dass die Technik lernt. Der Mensch erkennt Gesichter auch aus anderen Winkeln, bei anderem Licht. Da hat das System noch Probleme.“

Von einem Menschen gemustert zu werden, daran haben wir uns gewöhnt, denn der Mensch vergisst auch wieder. Für Aufregung sorgte dagegen der russische Gesichtserkennungs-Algorithmus „FindFace“. Er kann mit einem einzigen Foto die Profile von wildfremden Menschen in sozialen Netzwerken aufspüren. „In diesem Bereich ist die Dimension das Problem. Wenn diese Sys­teme im Internet Einzug halten, betrifft das Milliarden Menschen. Hier geht es nicht nur um die gesetzliche Lage, sondern auch um die soziale Akzeptanz“, meint Humer.

Wo Gesichtserkennung überall landen wird, steht wohl noch in den Drehbüchern von Science-Fiction-Filmen. Möglich ist aber vieles. (Philipp Schwartze)

Gesichtserkennung:

Biometrie: ist das automatisierte Erkennen von Individuen anhand ihrer verhaltensbezogenen und biologischen Charakteristika.

Erkennen:

Damit ein biometrisches System ein Wesen wiedererkennt, muss es dieses bereits kennen bzw. auf eine Datenbank zugreifen können.

Dreidimensional:

Die 3D-Gesichtserkennung kann über eine Kamera und einen Projektor durchgeführt werden: Die Kamera registriert dabei das projezierte Streifen-Muster und berechnet daraus ein 3D-Abbild des Gesichts.




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