Letztes Update am Do, 16.03.2017 06:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Antibiotika

„Potenzmittel sind lukrativer“

Ohne effektive Antibiotika könnte ein banaler Schnitt zum Tod führen, warnt Mikrobiologe Michael Wagner. Wie man Resistenzen verhindert und warum die Forschung weitergehen muss.

© iStockphotoSind Antibiotika bald wirkungslos? Noch sind nicht alle Pulver in der Forschung verschossen.



Innsbruck – In den USA ist im Jänner eine Patientin an einer Infektion gestorben, nachdem alle 26 zugelassenen Antibiotika keine Wirkung gezeigt hatten. Die Resistenz von Keimen gegen Antibiotika beunruhigt Wissenschafter zunehmend. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist alarmiert und warnt davor, dass es irgendwann keine Behandlungsmöglichkeiten mehr geben könnte. Der Wiener Mikrobiologe Michael Wagner spricht von einem „postantibiotischen Zeitalter“, das aber verhindert werden kann. 

Herr Wagner, ständig hören wir von einer steigenden Lebenserwartung. In einem Interview mit der Uni Wien sagen Sie: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird sich unsere Lebenserwartung verkürzen.“ 

Michael Wagner: Diese Aussage bezieht sich auf Antibiotika – und zwar dann, wenn diese irgendwann unwirksam werden. Antibiotika haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung seit dem Zweiten Weltkrieg dramatisch gestiegen ist. Früher sind Menschen noch häufig an banalen Infektionserkrankungen gestorben. Davon ist heute in Ländern mit guter medizinischer Versorgung keine Rede mehr.

Haben wir aber keine effektiven Antibiotika mehr zur Verfügung, könnte beispielsweise ein trivialer Schnitt in die Hand, der sich infiziert, wieder zum Tod führen. 

Jahrelang konnten die meisten bakteriellen Infektionskrankheiten erfolgreich bekämpft werden. Was läuft nun schief?

Wagner: Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war man der Meinung, dass man durch die Entdeckung verschiedener Antibiotika nahezu alle Bakterien erfolgreich bekämpfen kann, und hat daraufhin zu wenig Mittel und Energie in die Erforschung neuer Antibiotika investiert. Das war ein Irrweg. Über kurz oder lang finden Bakterien immer einen Weg, ein bestimmtes Antibiotikum unwirksam werden zu lassen. Bis ein Antibiotikum nach dessen Entdeckung auf den Markt kommt, dauert es etwa ein Jahrzehnt. Man darf also nicht warten, bis alle alten Mittel unwirksam geworden sind. Die Forschung muss kontinuierlich weitergehen. Es ist ein ständiger Wettlauf mit der Zeit. 

Ist die Antibiotika-Forschung am Ende ihrer Möglichkeiten?

Wagner: Nein. Auf der Suche nach neuen Antibiotika aus Pilzen und Bakterien gibt es noch so viel Neuland zu entdecken. Wir kennen nur einen winzigen Bruchteil der auf der Welt existierenden Bakterien. Allein in einem Gramm Blumenerde finden sich Hunderttausende an neuen Bakterienarten. Diese bislang nicht untersuchten Mikroben sind eine vielversprechende Quelle für die Suche nach neuen Antibiotika. 

Wie kommt es dann aber dazu, dass die Forschung ins Stocken geraten ist?

Wagner: Die Antibiotika-Forschung ist teuer, zeitaufwändig und für die Pharmaindustrie nicht sehr profitabel. Antibiotika werden meist nur ein bis zwei Wochen eingenommen, dann sind die Patienten geheilt. Potenzmittel oder Blutdruckmittel, die über längere Zeiträume eingenommen werden, sind da viel lukrativer. Aber es ist nicht nur die Aufgabe der Pharmaindustrie, Antibiotikaforschung durchzuführen, sondern auch ein Betätigungsfeld für den Staat, der in unser aller Interesse mehr als bislang in die Grundlagenforschung in diesem Bereich investieren müsste.

Was muss passieren?

Wagner: Ohne kontinuierlich auf höchstem Niveau durchgeführte und ausreichend finanzierte Grundlagenforschung werden wir die großen Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können. Die aufkommenden Antibiotikaresistenzen sind ein schönes Beispiel dafür, dass ein Nachlassen in unseren Forschungsanstrengungen dramatische Folgen für alle hat. Parallel zur Erforschung neuer Antibiotika müssen wir Maßnahmen treffen, um die sich bereits im Einsatz befindlichen Antibiotika, die äußerst wirksame Waffen der Medizin sind, möglichst lange scharf zu halten. 

Wie kann man verhindern, dass Antibiotika zu stumpfen Waffen werden?

Wagner: Antibiotika sollten nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich notwendig sind, und nicht etwa bei virusbedingten Erkältungen, was leider immer noch häufig der Fall ist. Je öfter sie verwendet werden, desto schneller verlieren sie ihre Wirksamkeit. Jeder Patient sollte beim Arzt nachhaken, ob eine Einnahme tatsächlich sinnvoll ist, und wenn möglich nach einem Abstrich verlangen, um zu sehen, um welche Bakterien es sich handelt, damit für den entsprechenden Keim geeignete Antibiotika angewandt werden können.

Wenn die Einnahme notwendig ist, sollten die Antibiotika dann unbedingt so lange eingenommen werden, wie sie verschrieben worden sind. Zu kurze Einnahmen erhöhen das Auftreten von Resistenzen.

Ein wichtiger Punkt ist auch die Massentierhaltung. Sie sagen, Billigfleisch und gleichzeitig über lange Zeit wirksame Antibiotika sind nicht möglich.

Wagner: Ja. Billigfleischproduktion kommt nicht ohne massenhaften Einsatz von Antibiotika aus, der wiederum die Entstehung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen fördert. Antibiotika werden in der Fleischproduktion nicht nur zur Behandlung von Krankheiten der Tiere eingesetzt, sondern auch zur Vorbeugung von Krankheiten und zur Steigerung der Fleischproduktion. Letzteres ist in der EU inzwischen zwar verboten, wird aber in anderen Ländern noch gemacht.

Was jeder tun kann, ist auf Fleisch aus der Massentierhaltung zu verzichten, weniger Fleisch zu essen, und wenn, dann zu Bio-Fleisch zu greifen. Auch in der biologischen Landwirtschaft werden Antibiotika eingesetzt, aber aufgrund der besseren Haltungsbedingungen in wesentlich geringerem Ausmaß und nur zur Behandlung von Krankheiten.

Ist auch die übertriebene Hygiene schuld an den zunehmenden Resistenzen?

Wagner: Es ist eine wichtige Maßnahme, dass in Krankenhäusern penibel auf Hygiene geachtet wird. Ein Thema, das leider oft stiefmütterlich behandelt wird. Dabei sind Krankenhäuser der Hotspot für resistente Keime. Auch Besucher sollten sich nach dem Besuch die Hände desinfizieren. Zuhause ist der Einsatz von Desinfektionsmitteln oder antibiotischen Seifen aber in aller Regel nicht notwendig und kann dort sogar die Entwicklung von Resistenzen bei Bakterien beschleunigen. 

Besonders bei der Zubereitung von Geflügelfleisch in der Küche sollte aber penibel auf Hygiene geachtet werden, da sonst gefährliche Infektionen auftreten können – Desinfektionsmittel sind aber auch hier nicht wirklich notwendig.

Haben Sie als Mikrobiologe noch einen allgemeinen Tipp für unsere Leser?

Wagner: Wenn ich in der U-Bahn oder im Bus gesessen bin oder Türklinken angegriffen habe, lange ich mir auf dem Weg nach Hause nicht ins Gesicht und wasche mir hinterher die Hände. Erkältungsviren werden nämlich vor allem über die Hände übertragen – und man kann so einige Erkältungen vermeiden.

Das Interview führte Nicole Strozzi

Steckbrief

Michael Wagner stammt aus München, ist Professor für Mikrobielle Ökologie an der Universität Wien und leitet das Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung. Der Preisträger des europäischen Forschungsrats ERC beschäftigt sich mit seinen 129 Mitarbeitern aus 24 Ländern mit Bakterien in Umwelt und Medizin und ist einer der weltweit am meis­ten zitierten Mikrobiologen.