Letztes Update am Fr, 14.04.2017 05:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Über das Sterben

Den Tod neu bewerten

Am Karfreitag gedenken Christen der Leiden und des Todes Jesu. Der eigene Tod wird aber vielfach verdrängt. Wie man das ändert und warum das sinnvoll ist, wissen Thomas Hohensee und Renate Georgy.

© iStockphotoWas kommt nach dem Leben, wohin führt die Reise? Personen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben, berichten immer von einem Licht.



Gerade für Christen hat der Tod oft ein erschreckendes Gesicht mit Hölle und Fegefeuer. Könnte das ein Grund für viele sein, Angst vor dem Tod zu haben?

Renate Georgy: Ganz bestimmt haben diese Bilder dazu beigetragen, dass sich rund um das Sterben Ängste entwickelt haben. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass das Christentum vermittelt, ihr werdet auferstehen, dann kann man diese Angst wieder nicht verstehen. Aber man weiß eben nicht, kommt man in den Himmel oder in die Hölle ...

Thomas Hohensee: ... oder kommt man überhaupt irgendwo hin ...

Fakt ist aber, dass wir in einer schizophrenen Welt leben. Die Gesellschaft wird immer älter, gleichzeitig wollen wir ewig jung bleiben. Was vertut sich der Mensch, wenn er sein Lebensende so tabuisiert?

Georgy: Das ist ein Zeichen von Verdrängung und u. a. darauf zurückzuführen, dass heutzutage viele Menschen in hohem Alter im Krankenhaus oder in Heimen sterben. Dann ist der Phantasie keine Grenze mehr gesetzt, man stellt sich schreckliche Sachen vor und daraus schließt man dann, sich lieber nicht mit diesem Thema zu beschäftigen.

Hohensee: Wenn man das jedoch alles ausblendet, kann der Tod, wenn er in Erscheinung tritt, oft in eine spirituelle Krise führen. Dann stellt man sich die Fragen des Lebens — etwa, warum ist das unserer Familie passiert, warum ist mein Kind gestorben oder warum ist das Leben so grausam, woher kommen und wohin gehen wir. Diesen Fragen kann man auch nicht ausweichen. Deshalb ist es besser, sich außerhalb einer Krise und rechtzeitig damit zu beschäftigen, damit man nicht unvorbereitet auf ein Thema trifft, das früher oder später eine Auseinandersetzung verlangt.

Doch wie kann der Tod seinen Schrecken verlieren? Wie nimmt man ihm seinen schlechten Ruf?

Georgy: Unsere Kernthese ist die der Kognitiven Verhaltenstherapie: Das heißt, wir fühlen, wie wir denken. Wir haben also die Wahl, ob wir uns diesbezüglich Schreckens­phantasien ausmalen, ob wir uns etwas Schönes vorstellen oder ob wir einfach sagen, ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt und dem gelassen gegenüberstehen. Je nachdem folgen dann die Gefühle. Das bedeutet in unserer Gesellschaft, die den Tod tabuisiert, aber auch ein Schwimmen gegen den Strom.

Hohensee: Das Problem ist, dass man das, was man erzählt bekommen hat, für wahr hält. Den Glauben an den Weihnachtsmann verliert man zwar, aber was einem über den Tod erzählt wird, hält man für wahr. Und das, obwohl keine seriöse Wissenschaft, kein Mensch nachweisen oder mit Gewissheit sagen kann, was danach kommt. Deshalb wäre der erste Schritt, sich klarzumachen, dass das, was man über den Tod denkt, nichts weiter als ein Glaube ist, und den kann man verändern. Wir müssen unsere Bewertung vom Tod ändern.

Georgy: Wir haben in unserem Buch viele verschiedene Möglichkeiten dargestellt, wie man über das Leben nach dem Tod denken kann, was die Religionen sagen oder was Menschen, die z. B. im Koma waren, über Nahtoderfahrungen berichten. Am besten ist, man sucht sich etwas aus, womit man sich wohl fühlt, was einem die Angst nimmt und lebt ein erfülltes Leben.

Hohensee: Denn Faktum ist auch, dass es für Menschen Wahrnehmungs- und Erkenntnisgrenzen gibt — dass Fledermäuse z. B. mit Ultraschallwellen arbeiten, was wir nicht können. Insofern sollte man sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht so wahnsinnig beeindrucken lassen, weil auch die Wissenschaft hat schon Fehler eingestehen müssen. Und die Physik lehrt ja z. B., dass Energie nicht verlorengeht, sondern nur umgewandelt wird.

Das Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" der australischen Palliativschwester Bronnie Ware haben Millionen gelesen. Was bereuen die, die gehen, und was verstehen Sie unter einem erfüllten Leben?

Hohensee: Sterbende bereuen oft, dass sie zu viel gearbeitet und sich zu wenig Zeit genommen haben für Familie und Freunde. Dass sie das Leben zu ernst genommen und für zu wenig Freude gesorgt haben sowie ihren Interessen zu wenig nachgegangen sind. Daher ist der allgemeinste Tipp der, einfach dem Glück zu folgen — d. h. man muss sich die Frage stellen, was für einen selbst Glück ausmacht und dem dann Zeit und Raum geben. Auf dass man nicht am Ende seines Lebens feststellen muss, dass das zu kurz gekommen ist.

Von unseren Lesern hören wir oft, dass sie in der TT zuerst die Todesanzeigen lesen. Ist der Tod also auch wieder höchst interessant und faszinierend?

Hohensee: Der Tod hat etwas Abstoßendes und auch wieder Anziehendes, weil in ihm das Geheimnis des Lebens steckt: „Wo kommen wir her, warum sind wir hier, wo gehen wir hin?" Darum sind ja auch Krimis in Buch- oder TV-Formaten so beliebt. Das ist alles Ausdruck der Faszination des Todes.

Das Interview führte Irene Rapp

Thomas Hohensee und Renate Georgy.
- privat

Zum Buch

Buch-Info: Thomas Hohensee, Renate Georgy „Der Tod ist besser als sein Ruf: Von einem gelassenen Umgang mit der eigenen Endlichkeit", Benevento, März 2017, 224 Seiten, 24 Euro.

Autoren-Info: Der Berliner Thomas Hohensee war jahrelang Jurist und Schuldnerberater, seit einigen Jahren ist er Autor und Coach für Persönlichkeitsentwicklung. Ähnlich Renate Georgy: Sie war Scheidungsanwälting, arbeitet jetzt als Autorin und Life-Coach.