Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 20.04.2017


Gesundheit

Der Mythos vom Kürbiskern

Kürbiskerne sind bei gutartiger Prostatavergrößerung wirkungslos. Ein Forscher-Trio von der Donau-Uni Krems räumt mit dem hartnäckigen Irrglauben auf.

© Donau-Universität Krems/ReischeKürbiskerne können nicht verhindern, dass die Prostata wächst.Foto: iStock



Von Theresa Mair

Innsbruck – Klar ist: Bei jedem gesunden Mann beginnt mit 40, 45 Jahren die Prostata zu wachsen. Es stimmt auch, dass manche – aber lange nicht alle Männer – deswegen Schwierigkeiten beim Urinieren bekommen. Eines ist aber auch klar: Kürbiskerne helfen nicht dagegen, wie Berndt Kerschner und zwei weitere wissenschaftliche Mitarbeiter des Department für evidenzbasierte Medizin an der Donau-Uni Krems im Rahmen des Projekts Medizin-Transparent.at untersucht haben. Da können noch so viele Firmen mit Produkten von Kürbiskern-Kapseln bis zum Kürbiskernbier den Irrglauben in bare Münze verwandeln. Die Prostata wird davon nicht wieder kleiner, das Wasserlassen nicht reibungsloser.

Das Medizin-Transparent.at-Team geht regelmäßig Leser­anfragen auf den Grund – so auch bezüglich der Kürbiskerne. Sie haben zwei Forschungsdatenbanken mit mehr als 27 Millionen Publikationen durchforstet, geschaut, welche Studien sich mit Prostata und Kürbiskernen befassen und was an den Kernen dran ist. Das ist nicht viel, wie sich alsbald herausstellte. „Wir haben zuletzt nur zwei aussagekräftige kleine Studien gefunden, aus denen man schlussfolgern kann, dass wahrscheinlich keine Wirkung vorhanden ist“, schildert Kersch­ner. Beide Untersuchungen hätten nach einer Laufzeit von einem Jahr keinen Unterschied zwischen der Kürbiskern- und der Vergleichsgruppe ergeben, die Placebos geschluckt hatte. Daraus lasse sich schließen, dass die Wirksamkeit nicht nur bezweifelt werden kann, sondern dass Kürbiskern­e – bzw. der darin enthalten­e Stoff Beta-Sitosteri­n – „bei der Behandlung von gutartiger Prostatavergrößerung objektiv wirkungslos sind“.

Der Glaube kann allerdings Berge versetzen, auch der an die heilsame Wirkung von Kürbiskernen: „Jedes Mittel hat einen so genannten Placebo-Effekt. Das heißt, es hilft zumindest ein bisschen. Deshalb werden die Studien immer mit Placebo-Vergleichsgruppen gemacht, um den Effekt herauszurechnen.“

Für den Direktor der Innsbrucker Uniklinik für Urologie, Wolfgang Horninger, ist das nichts Neues. Nicht nur den Kürbiskernen, sondern auch anderen Pflanzenextrakten und Nahrungsergänzungsmitteln – von der Brennnesselwurzel bis zu den Weidenröschen – werde eine günstige Wirkung auf die Prostata zugeschrieben. „Sie leben alle von der Placebowirkung. De facto gibt es aber keinen seriösen Ernährungsvorschlag, um eine Vergrößerung der Prostata zu verhindern.“ Dennoch wissen Mediziner bei leichten Symptomen den Placebo-Effekt zu nutzen. „Manche Patienten sagen, dass es ihnen damit besser geht“, so der Experte.

Immerhin: Die Forscher von Medizin-Transparent.at haben herausgefunden, dass Kürbiskern-Extrakte „kaum Nebenwirkungen verursachen“. Nur in Einzelfällen käme es zu Magen-Darm-Beschwerden.

Doch wer wirklich sehr unter der Prostatavergrößerung zu leiden hat – mehrmals nachts aufstehen muss, Restharnbildung oder gehäuft Blasenentzündungen hat –, kann die pflanzlichen Mittel vergessen. „Es gibt wirksame Medikamente, aber die können auch Nebenwirkungen haben“, so Horninger. Alpha-Rezeptoren-Blocker entspannen die Muskulatur, so dass weniger Druck auf der Harnröhre liegt. Sie senken aber auch den Blutdruck, sodass es z. B. zu Schwindel- und Ohnmachtsanfällen kommen kann. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass der Samenerguss aufgrund des Medikaments in die Blase geht (retrograde Ejakulation). Die einzigen zugelassenen Mittel, um die gutartig vergrößerte Prostata schrumpfen zu lassen, sind 5-Alpha-Reduktasehemmer. „Im Durchschnitt wird die Prostata um 24 Prozent kleiner. Es kommt zur Verbesserung der Symptomatik. Fünf bis zehn Prozent berichten aber von erektiler Dysfunktion“, weiß Horninger.

Die letzte Lösung bei Gesundheitsrisiken und belastenden Symptomen sei daher eine Operation, bei der Prostatagewebe mit einer elektrischen Schlinge abgeschabt wird. Zur Wahl stehen auch Laser-Methoden oder ein offener chirurgischer Eingriff.