Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.05.2017


Gesundheit

Eine kleine Untersuchung, damit die Welt groß bleibt

Der grüne Star ist eine unterschätzte Krankheit und in Österreich die zweithäufigste Erblindungsursache. Die Vorsorgeuntersuchung ist der wirksamste Schutz des Augenlichts.

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Prominente sind wichtige Zugpferde, wenn über eine Erkrankung gesprochen werden soll. So rief ORF-Moderator Wolfram Pirchner anlässlich des Weltglaukomtages im März zur Augenvorsorgeuntersuchung auf. Durch einen Augencheck wurde bei dem Moderator und Autor vor fünf Jahren der „grüne Star" (Glaukom) festgestellt. Seitdem nimmt Pirchner Augentropfen und sein Augenlicht ist gerettet. Auch U2-Sänger Bono hat bereits öffentlich erklärt, dass er seit 20 Jahren mit der tückischen Augenerkrankung lebt.

Wenn Nervenfasern absterben, kommt es zu Gesichtsfeldausfällen. Das Gehirn ersetzt die fehlenden Seheindrücke. Der Patient merkt deshalb nichts vom grünen Star. Ein gesunder Sehnerv...
Wenn Nervenfasern absterben, kommt es zu Gesichtsfeldausfällen. Das Gehirn ersetzt die fehlenden Seheindrücke. Der Patient merkt deshalb nichts vom grünen Star. Ein gesunder Sehnerv...
- Univ. Klink Augenheilkunde

Das Glaukom ist weltweit die zweithäufigste Erblindungsursache. In Österreich sind 80.000 Menschen von dieser Augenerkrankung, bei der der Sehnerv untergeht, betroffen. „Das Problem ist, dass die eigentliche Zahl der Erkrankten viel höher ist. Man geht davon aus, dass die Hälfte der Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung weiß. Ein Glaukom zeigt lange Zeit keine Beschwerden", erklärt Barbara Teuchner, Oberärztin an der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie in Inns­bruck.

... und ein geschädigter mit einer Ausbuchtung durch die untergegangenen Nervenfasern.
... und ein geschädigter mit einer Ausbuchtung durch die untergegangenen Nervenfasern.
- Univ. Klinik Augenheilkunde

„Der ?grüne Star' ist eine Erkrankung, die lange unentdeckt bleiben kann, wenn man nicht zur Augenvorsorgeuntersuchung geht." Eine augenärztliche Untersuchung wird ab dem 40. Lebensjahr empfohlen. Sind in der Familie Fälle von Glaukomen bekannt, dann sollte die Vorsorgeuntersuchung ab Mitte 30 erfolgen. Ein erhöhter Augendruck gilt als Risiko für ein Glaukom. Die Standarduntersuchung umfasst aber nicht nur die Messung des Augendrucks, sondern auch die Untersuchung des Gesichtsfeldes sowie des Sehnervs und der Nervenfasernschichtdichte. Bei diesem Anlass wird auch nach anderen Risikofaktoren wie positive Familienanamnese, niedriger Blutdruck, Migräne oder Gefäßspasmen, die zu kalten Händen und Füßen führen können, gefragt. Teuchner: „Es ist wichtig, zu wissen, ob man gefährdet ist oder nicht."

Es gibt zwei große Gruppen von Glaukomen, wovon eben eine Form (Offenwinkelglaukom) lange Zeit ohne Symptome verläuft. Auch die Sehleistung bleibt lange normal. „Der größte Teil der Erkrankungen verläuft schleichend. Deshalb ist die Vorsorgeuntersuchung so wichtig", unterstreicht Teuchner.

Weitaus seltener tritt ein akuter Glaukomanfall auf. Patienten leiden dann an einem roten Auge, einer akuten Sehverminderung, Kopfschmerzen und Übelkeit. Die ebenfalls seltene angeborene Variante wird bei der Mutter-Kind-Pass-Untersuchung herausgefiltert. Generell nehmen die Erkrankungen am grünen Star in den älter werdenden Gesellschaften wie der unseren rasant zu. Bei einem 40-Jährigen liegt das Risiko für einen grünen Star unter 1 Prozent, bei 60-Jährigen bei ca. 1 Prozent, bei 80-Jährigen bei 6 — 8 Prozent.

Häufig wird der grüne Star mit dem grauen Star verwechselt. Die Unterschiede sind aber groß. Beim grauen Star kommt es zur Trübung der Augenlinse und dadurch zur Verschlechterung des Sehens. Bei der nötigen Operation wird eine Kunstlinse eingepflanzt. Der grüne Star ist eine Erkrankung des Sehnervs, die eben über lange Zeit keine Beschwerden macht.

Wie ein Fußball braucht das Auge einen gewissen Tonus, um funktionieren zu können. Das Auge produziert zu diesem Zweck die Kammerflüssigkeit, die im Auge zirkuliert und wieder abfließt. Kann sie nicht genügend abfließen, steigt der Augendruck, der Sehnerv kann geschädigt werden. Die Behandlung besteht wie bei ORF-Mann Pirchner in Augentropfen, die den Augendruck senken. „Untergegangene Nervenzellen können nicht mehr nachwachsen, beschädigte können sich aber erholen. Ziel der Therapie ist es, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten", betont Teuchner. Engmaschige Kontrollen in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose begleiten die Therapie.

Bleibt bei Patienten der Augen­druck zu hoch oder verkleinert sich das Gesichtsfeld, steht eine Operation an. Der goldene Standard ist es, chirurgisch eine kleine Öffnung anzulegen, damit das Kammerwasser abfließen kann. Zunehmend werden heute dafür auch in minimalinvasiven Eingriffen winzige Ventile (Stents) gelegt. Bei 70 Prozent der Patienten funktioniert die gelegte Öffnung auch noch nach fünf Jahren. Bei den anderen Patienten können durch kleine chirurgische Eingriffe Vernarbungen gelöst werden.

Die Therapie der Zukunft liegt einerseits in Implantaten mit Medikamenten, die den Augendruck über längere Zeit senken können. Große Hoffnung legt die Wissenschaft auch in die so genannte Neuroprotektion. Hier verhindern Medikamente, dass der Sehnerv abstirbt.




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