Letztes Update am Mi, 07.06.2017 05:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Kongress in Innsbruck: Intensiv-Medizin im neuen Gewand

Kühle Gerätemedizin, standardisierte Behandlung und Patienten, die nichts mitbekommen? In der Intensivmedizin hat sich vieles geändert, wie u. a. ein Kongress in Innsbruck zeigt.

© Gerhard Berger



Von Irene Rapp

Innsbruck – Schwerste Lungenentzündungen, Blutvergiftungen sowie Patienten, die einen Herz-Kreislauf-Stillstand überlebt haben: Rund 1300 Personen werden pro Jahr auf der Internistischen Intensivstation der Innsbrucker Klinik betreut – einer von insgesamt 16 Intensivstationen. „Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt sechs Tage“, weiß Univ.-Prof. Michael Joannidis, Leiter der Intensivstation mit 14 Betten.

Beim Rundgang durch die Station drängen sich die vielen Geräte, blinkenden Monitore und Schläuche ins Blickfeld. Dass sich in der Intensivmedizin in den letzten Jahren sehr viel verändert hat und „nur so viel Technik wie nötig“ zum Einsatz kommt, betont Joannidis allerdings immer wieder.

Michael Joannidis, Leiter der Internistischen Intensivmedizin in Innsbruck, mit Regina Oberthaler, Leitende Diplompflegerin der Internistischen Intensivstation.
Michael Joannidis, Leiter der Internistischen Intensivmedizin in Innsbruck, mit Regina Oberthaler, Leitende Diplompflegerin der Internistischen Intensivstation.
- tirol kliniken/schwamberger

Eine der Änderungen: Ging man früher beim Kampf um das Überleben eines Menschen nach standardisierten Behandlungsverfahren vor, hat heute auch hier die individualisierte Medizin Einzug gehalten. Eine für jeden Patienten „maßgeschneiderte Therapie“ nennt das Joannidis.

Ein Lungenversagen bedeutete früher etwa künstlicher Tiefschlaf sowie mechanische Beatmung. Heute gehe man individuell vor: Wird der Patient über Maske oder Tubus beatmet? Soll man den Sauerstoffgehalt im Blut über eine Blutwäsche verbessern? In welcher Liegeposition erfolgt die Behandlung? Wann beginnt die Mobilisierung?

Apropos Mobilisierung: Noch vor wenigen Jahren hielt man Betroffene lange im künstlichen Tiefschlaf, auf dass sie in Ruhe gesund werden können. „Heutzutage weiß man, dass es besser ist, die Patienten früh wach werden zu lassen und sie nach Möglichkeit in die Behandlung einzubinden“, weiß Joannidis von zahlreichen Studien, die das belegen.

Zum Einsatz kommen würden vermehrt auch Biomarker: Innerhalb weniger Stunden könne damit eine lebensbedrohliche Infektion genau erkannt und effektiv bekämpft werden. „Derartige Biomarker sind für uns auch ein Alarmsignal für ein drohendes Organversagen. Das gibt uns die entscheidenden Minuten, um noch rechtzeitig gegenzusteuern“, erklärt Joannidis.

Pflegetechnisch gibt es auf der internistischen Intensivstation in Innsbruck ebenfalls einige österreichweit einzigartige Aktivitäten. „Man darf den Patienten, aber auch den Angehörigen nicht aus den Augen verlieren“, bringt es Regina Oberthaler, leitende Diplompflegerin, auf den Punkt.

Jeden Tag würde man etwa die Angehörigen zu einer bestimmten Zeit daheim anrufen, um sie zu informieren, wie die Nacht bei dem Kranken verlaufen ist und wie es ihm geht.

Gut angenommen werde auch das „Intensiv-Tagebuch“ für jeden Patienten: Darin könnten Angehörige und Pflegepersonal ihre Beobachtungen hineinschreiben. „Dieses Heft wird den Patienten dann nach ihrer Entlassung mitgegeben und kann ihnen helfen, Lücken zu füllen“, sagt Ober- thaler. Denn oft würden diese auf der Intensivstation nicht zwischen „Traum und Realität“ unterscheiden, könnten sich auch nicht mehr an alles genau erinnern. Das wiede­rum sei häufig Grund für psychische Folgeerscheinungen, wie etwa Angstzustände.

Allerdings gebe es auch Patienten, die alles mitbekommen würden, obwohl es nicht den Anschein hat. „Vor einiger Zeit hat uns eine Patientin besucht. Sie wollte sich unbedingt bei einem Pfleger bedanken, der zu ihr gesagt hat, dass er die ganze Nacht für sie da sein werde, was sie als sehr tröstend empfand“, erzählt Oberthaler.

Um bessere Diagnostik und neue Behandlungsmethoden geht es auch bei einem Kongress, der heute in Innsbruck startet. Bei der 49. Jahrestagung der Österreichischen und Deutschen Fachgesellschaften für Internistische Intensivmedizin werden u. a. die neuen Sepsis-Richtlinien präsentiert.

Im Rahmen des Kongresses können sich Interessierte heute Mittwoch von 9.30 Uhr bis 16 Uhr im Innsbrucker Congress auch selbst ein Bild machen: So werden intensivmedizinische Arbeitsplätze mit voller technischer Ausstattung gezeigt und Fragen beantwortet. Zudem kann der Einsatz eines Defibrillators geübt werden.




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