Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.08.2017


Gesundheit

Wegweiser im Info-Irrgarten

Die Gesundheitskompetenz der Österreicher sieht mau aus. Nun möchten Politik und Sozialversicherungen im digitalen Labyrinth von Mythen und Fakten Orientierung bieten.

© iStockphotoStatt Fragen zu beantworten, stiften widersprüchliche Gesundheitsinformationen im Internet oft noch mehr Verwirrung. Mit Online-Angeboten wollen Ministerium und Sozialversicherung den Faktencheck erleichtern. Foto: iStock



Von Theresa Mair

Alpbach – Kürbiskerne sind ein Klassiker unter den Gesundheitsmythen. Gibt man „Kürbiskern“ als Begriff bei Google ein, spuckt die Internet-Suchmaschine zahlreiche Einträge aus, die ihre angeblich heilsame Wirkung – unter anderen für die Prostata – preisen. Lediglich das vierte unter den ersten zehn Ergebnissen titelt mit „Kürbiskerne nutzlos für die Prostata“.

Die kritische Betrachtung stammt von der Plattform medizin-transparent.at. Es steht eins zu neun. Wem soll man glauben? Hat die Mehrheit Recht? Welche Interessen stecken hinter den oft irreführenden Internetseiten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich gestern eine Expertenrunde um Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) und dem Vorstandsvorsitzenden des Hauptverbands der Sozialversicherungen beim Europäischen Forum in Alpbach.

Es ist ein Dilemma. Die Hälfte der Österreicher holt sich bei gesundheitlichen Problemen bei Dr. Google Rat, noch bevor sie sich an den Hausarzt wenden, wie Bernd Kerschner von medizin-transparent.at schildert. Gleichzeitig bedauert die Ministerin, dass das „Wissen über Gesundheit in der Gesellschaft nicht gleich verteilt ist“, jeder aber im Schnitt täglich 100 Entscheidungen von gesundheitlicher Relevanz treffen müsse. Das beginne bei der Wahl der Kleidung und Lebensmittel und höre bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes noch lange nicht auf.

„Bildung und der sozioökonomische Status“ sind ihr zufolge die wichtigsten Einflussfaktoren, die über die Gesundheitskompetenz entscheiden. Die Folge: Wer sich nicht auskennt, findet sich im digitalen Irrgarten von widersprüchlichen Informationen kaum zurecht. Und das sind viele, wie Biach mit Zahlen untermauert: „22 Prozent finden es schwierig, den Arzt zu verstehen. 59 Prozent fällt es schwer herauszufinden, ob Informationen über Krankheiten in den Medien vertrauenswürdig sind.“ Mangelnde Gesundheitskompetenz führe von der „geringen Teilnahme an Präventionsmaßnahme über fehlendes Management von chronischen Erkrankungen“ bis hin zu teuren stationären Aufnahmen im Spital.

Dieser Entwicklung soll nun mit einer Reihe von Orientierungsangeboten entgegengesteuert werden. Patienten müssten in die Lage versetzt werden, „selbstbestimmte Entscheidungen über ihren Lebensstil, Behandlungen und Therapien“ zu treffen, nennt Rendi-Wagner das Ziel. In Kooperation mit deutschen Partnern vom AOK-Bundesverband und dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), sowie mit den Plattformen medizin-transparent.at und gesundheitsinformation.de wurden auf unterschiedlichen Kanälen Informationsmöglichkeiten geschaffen, die transparent, wissenschaftlich und wirtschaftlich unabhängig sind und dazu leicht verständlich dargestellt werden (siehe: Factbox rechts).

„Gute Information ist auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand, verständlich und hilfreich“, fasst Klaus Koch vom IQWiG zusammen. Nicht zuletzt würden auch Ärzte von der Offensive profitieren, die Dr. Google häufig distanziert gegenüberstünden. Die Mediziner könnten ihre Patienten auf die wissenschaftlich fundierten Internetseiten hinweisen, schlägt Koch vor. In Deutschland hat die AOK laut Kai Kolpatzik gute Erfahrungen mit den Faktenboxen gemacht. Hausärzte nutzen sie ihm zufolge auch selbst, um sich einen Überblick über die aktuelle Studienlage zu verschaffen.

Gesundheitsinfo

Die Faktenbox stellt auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse Nutzen und Schaden von gesundheitlichen Maßnahmen übersichtlich gegenüber – aktuell zu den Themen Impfen und Röntgen bei Rückenschmerzen. Kostenlos unter: www.hauptverband.at/faktenbox

Die MedBusters-App für das Smartphone bietet umfangreiche Information zu Gesundheitsthemen. Zudem untersucht sie Medienberichte und populäre Ratschläge auf deren Wahrheitsgehalt. Kostenlos für iOS und Android.

Die Broschüre „Kompetent als Patientin und Patient“ soll als Leitfaden zur Stärkung der Gesundheitskompetenz dienen. Kostenlos bestellbar unter: www.hauptverband.at/Onlineshop