Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.10.2017


Adipositas bei Kindern

Klein, aber immer dicker

Mit einer großen Studie, an der ein Innsbrucker Experte beteiligt war, schlägt die WHO am heutigen Welt-Adipositas-Tag Alarm: Die Zahl der dicken Kinder nimmt stetig zu.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Es wächst eine Gesellschaft der extrem Dicken heran. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann gibt es in fünf Jahren mehr übergewichtige als untergewichtige Kinder auf der Welt. Das heißt auch, dass Kinder und Jugendliche zunehmend mit den – von Erwachsenen bekannten – gesundheitlichen Folgen von Fettleibigkeit zu kämpfen haben. Deutlicher kann die Botschaft zum heutigen Welt-Adipositas-Tag nicht ausfallen. Sie geht aus der bis dato größten epidemiologischen Adipositas-Studie hervor, die soeben im Fachmagazin The Lancet erschienen ist.

Forscher haben in 200 Ländern das Gewicht und die Größe von 130 Millionen Menschen erhoben. Ihr Ziel: die Analyse der Gewichtsentwicklung seit 1975. Hanno Ulmer, Direktor der Sektion für Medizinische Statistik und Informatik der Med-Uni Innsbruck, hat die Österreich-Zahlen beigesteuert. Sie stammen u. a. aus der EVA-Studie zu Lebensstil und Gefäßgesundheit, für die bisher 2000 Tiroler Schüler untersucht worden sind.

„Österreich liegt im weltweiten Vergleich des durchschnittlichen Body-Mass-Index im mitteleuropäischen Trend, der in den vergangenen 40 Jahren eine stetige, aber mäßige Steigerung des Gewichts bei Kindern zwischen fünf und 19 Jahren aufweist“, erläutert Ulmer die Ergebnisse. Weshalb mehr Buben als Mädchen übergewichtig sind, kann die Untersuchung nicht klären. „Bei der Studie handelt es sich um eine reine Prävalenz-Studie, die lediglich versucht hat, Häufigkeiten zu ermitteln. Über die Ursachen kann man nur spekulieren“, so der Biostatistiker.

Für Sabine Scholl-Bürgi, Adipositas-Expertin an der Uni-Klinik für Pädiatrie I in Innsbruck, ist es naheliegend, die Geschlechtsunterschiede damit zu erklären, dass Mädchen eher noch auf ihr Gewicht achten. Sie würden auch oft mehr rauchen. Buben verbringen hingegen viel Zeit mit Computerspielen. Doch auch ein genetischer Unterschied ist für sie denkbar. Jedenfalls aber sei „die körperliche Aktivität deutlich zu niedrig. An die von der WHO empfohlenen 30 bis 60 Minuten moderate Bewegung pro Tag kommen sie nicht heran“, so die Expertin.

Von den Studienergebnissen scheint sie wenig überrascht: „Es ist eine gewaltige Adipositas-Epidemie, die auf uns zurollt“, sagt sie. Die Folgen sind gravierend: Bei übergewichtigen Kindern seien häufig Störungen in der Insulinproduktion, Veränderungen des Fettstoffwechsels und eine beginnende Fettleber zu beobachten. Die soziale Ausgrenzung kommt noch dazu. Dabei sei es für Kinder noch wesentlich leichter abzunehmen als für Erwachsene. Gesundheitsschäden können mitunter wieder ausgebügelt werden. „Kinder wachsen noch in die Höhe. Manchmal müssen sie gar nicht abnehmen, sondern nur versuchen, ihr Gewicht zu halten“, sagt Scholl-Bürgi.

Vor allem die Eltern müssten aber mitmachen und ihre Kinder bei der Lebensumstellung unterstützen. Aber nicht nur, wie Fiona Bull von der WHO gegenüber der Deutschen Presse-Agentur betont. Werbung für ungesunde Snacks, hohe Preise für gesundes Essen, zu wenig Bewegung füttern dicke Generationen heran. Um eine Kehrtwende zu bewirken, müssten Behörden Familien besser über gesunde Ernährung aufklären, junge Mütter animieren, mindestens sechs Monate lang ausschließlich zu stillen, in Schulkantinen gesünderes Essen anbieten und mehr Sportmöglichkeiten für Kinder schaffen. „Zur Schule zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, muss sicher sein“, sagte Bull. Auch Steuern auf gesundheitsschädliche Produkte seien erfolgreich.