Letztes Update am So, 29.10.2017 10:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Meditation

Eine Reise zu sich selbst statt um die ganze Welt

Meditieren ist das große Thema der Stunde. Im gehetzten Alltag soll es Ruheoasen schaffen und Widerstandskräfte aufbauen. Mit Esoterik und Religion hat das Ganze heute nichts mehr zu tun. Die Wissenschaft beschäftigt sich zunehmend damit.

© iStockphotoSymbolfoto.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Im Büro klingelt das Telefon, am Computer tauchen E-Mails auf und der Kollege bittet um Hilfe. Zuhause angekommen, Fernseher an, schnell etwas kochen, nebenbei übers Handy Nachrichten lesen und zwischen alldem die Kinder nach ihrem Tag fragen.

Julia Gheri, klinische und Gesundheitspsychologin.
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

Die Welt dreht sich, keine Frage. Doch dieser Tage gefühlt ein bisschen schneller. Zu viele Aufgaben, Nachrichten und Eindrücke prasseln täglich auf uns ein. „Multitasking“, die Fähigkeit, vieles gleichzeitig machen zu können, wurde lange gefeiert, speziell bei Frauen.Jetzt dürfen wir „durchschnaufen“, denn der Abschied davon wird vorbereitet. Entspannung soll in den vollen Terminkalendern Platz finden und mit dem Stress, Ängsten und Sorgen Schluss machen. Das Zauberwort lautet Achtsamkeit.

Meditation wird zum Trend

„Achtsam zu sein, haben wir verlernt, weil wir versuchen, alles gleichzeitig zu machen. Das wirkt sich jedoch negativ aus. Wir sollten uns vom Multitasking verabschieden“, meint Julia Gheri, klinische und Gesundheitspsychologin aus Hall in Tirol. Das soll mit Meditieren gelingen.

Dabei geht es um einen Rückzug, ein Innehalten und eine Reise zu sich selbst. Meditation, lange als esoterisch verschrien, ist gerade so populär wie nie. Magazine drucken Übungen ab, Handyprogramme sollen Nutzer mit geführten Meditationen entschleunigen und Kurse gibt es zuhauf. Der Trend scheint neu, Meditation ist es freilich nicht, sondern sie ist über 2000 Jahre alt.

Im Buddhismus und Hinduismus ist sie seit Anbeginn ein zentrales Element. Doch der spirituelle und esoterische Anstrich blättert mit der neuen Hinwendung zur Meditation zunehmend ab.

Aus Religionen entwickelt

„Die Ansätze kommen aus Traditionen der Religionen. Doch gerade im Bereich der klinischen Psychologie wurden auch Ansätze entwickelt, die keine spirituelle Voreinstellung voraussetzen. Allgemein versteht man unter Meditation Übungsmethoden für den Geist“, weiß Psychologe und Achtsamkeitsexperte Johannes Michalak von der Universität in Witten in Nordrhein-Westfalen. Meditation und Wissenschaft schließen sich längst nicht mehr aus. US-Biologe Jon Kabat-Zinn brachte die alten Techniken in den 1970er-Jahren in die westliche Welt.

- TT

Er kreierte das Programm „Mindfulness-Based Stress Reduction“, zu Deutsch: „Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“. Daraus entwickelten sich andere Übungen, das Thema wurde breitenwirksam.

Mittlerweile haben sich zahlreiche Studien damit beschäftigt. Das Fazit vieler: Meditation wirkt und kann bei Beschwerden oder Störungen helfen, so sehen es auch Psychologie-Experten. Der Schlaf soll gefördert, die Konzentration und das Wohlbefinden gesteigert und man selbst ausgeglichener, gelassener werden.

Jeder kann meditieren

„Leute reagieren dann auf Situationen nicht mehr so stark mit ungünstigen Emotionen“, hat Psychologe und Methodikforscher Peter Sedlmeier von der Technischen Uni Chemnitz in einer Studie herausgefunden. Die Wirkungen treten je nach Mensch und Verfassung allerdings unterschiedlich auf.

Peter Sedlmeier, Psychologe und Methodenforscher.
- Sedlmeier

Jeder, der sich dafür interessiert, könne meditieren, meinen die Psychologen. Meditationstechniken gibt es wie Sand am Meer. Gute Anleitungen erhalten Anfänger bei geführten Kursen. Grundsätzlich ginge es immer „um die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt“, beschreibt es Michalak. Ein eigenes Yogakissen, spezielle Musik oder Sitzhaltungen sind dafür nicht nötig.

Die einzige Voraussetzung ist, sich darauf bewusst ein- und loszulassen. Das klingt einfach, entpuppt sich jedoch als Lernaufgabe. Gedanken ganz auszuschalten, sei nicht das Ziel, sondern sich nicht von ihnen einnehmen zu lassen.

Kleine Auszeiten schaffen

„Geduld mit sich selbst haben, ist wichtig. Es geht nicht von heute auf morgen“, weiß Gheri. Wie lange man in Ruhe und Stille verharrt und in sich hineinhört, kommt auf den Übenden an. „Wichtiger als die Dauer der Sitzungen ist die Regelmäßigkeit. Lieber jeden Tag ein paar Minuten investieren als einmal die Woche eine Stunde“, empfiehlt­ Sedl­meier. So lassen sich kleine Auszeiten schaffen und die eigenen Kräfte stärken, auch wenn sich die Welt munter weiterdreht.

Jeder kann meditieren

Übung 1: Bequem hinsetzen oder -legen, weder Arme noch Beine übereinanderschlagen. Arme seitlich oder an den Oberschenkeln ablegen. Die klassische Haltung mit verschränkten Beinen (gr. Foto) ist nicht nötig.

Augen schließen und auf den Atem achten. „Mehr ist es nicht“, sagt die klinische und Gesundheitspsychologin Julia Gheri. Von ihr stammen die Übungen.Den Atem genau verfolgen. „Hinspüren, wie er ist, ohne ihn verändern zu wollen.“ So lange verharren, wie es angenehm ist. Anfangs kann Unruhe aufkommen. Diese vorbeiziehen lassen oder die Übung abbrechen. Zum Ende der Übung Finger und Zehen bewegen, Augen öffnen und Körper langsam aufrichten.

Übung 2: Eine bequeme Haltung einnehmen, die Augen schließen und in sich hineinhören. Der Reihe nach, von den Füßen beginnend, jeden Körperteil bewusst wahrnehmen. „Wie fühlt er sich an? Sind etwa die Füße verkrampft oder locker?“, gibt Gheri vor. Keine Körperempfindung als schlecht oder gut abtun. Allmählich nach oben wandern. Die Aufmerksamkeit bleibt immer nur bei einem Körperteil und geht dann weiter zum nächsten.

Am Kopf angelangt, die Übung beenden. Den Körper als Ganzes wahrnehmen, Finger und Füße bewegen, Augen öffnen und langsam den Körper aufrichten.

Übund 3:

ine bequeme Haltung einnehmen und die Augen schließen. Sich einen Ort vorstellen, an dem man sich wohlfühlt. „Am besten ist ein Ort in der Natur.“ Den Wunschort vor dem inneren Auge und mit allen Sinnen vorstellen. Jede Begebenheit einprägen. „Hinhören, riechen, fühlen. Wie fühlt sich der Waldboden an? Wonach riecht es? Sind Vögel zu hören?“, empfiehlt die Haller Psychologin. Die vorgestellten Übungen sollen Entspannung auslösen. Sie können auch bei Stress, Ängs­ten und emotionalen Verstimmungen helfen.