Letztes Update am Mi, 01.11.2017 12:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Psychisch Kranke sind keine „Anderen“

Beim Tag der Seelischen Gesundheit im Wiener Rathaus wurde betont: Ein Viertel bis ein Drittel der Menschen sind von psychischen Problemen betroffen. Was ihnen noch mehr zu schaffen macht ist die Stigmatisierung in der Gesellschaft.

© pixabaySymbolbild



Wien – An Diabetes zu erkranken, gilt als „normal“. Doch eine psychische Erkrankung stigmatisiert und schädigt den Betroffenen, seine Angehörigen und die Gesellschaft mehrfach, hieß es Dienstagnachmittag beim Wiener „Tag der Seelischen Gesundheit“ im Rathaus. Das Motto lautete: „Wir lassen uns nicht abstempeln“.

„Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in der öffentlichen Wahrnehmung – es sieht schlecht damit aus. Es sieht auch in unserem Land nicht sehr gut aus“, sagte Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD). Betroffene würden weiterhin ausgegrenzt. Das Gesundheitssystem stelle im Vergleich noch immer weniger Mittel für die Versorgung psychisch Kranker als für Diagnose, Behandlung und Rehabilitation bei Menschen mit physischen Leiden zur Verfügung.

Stigmatisierung schädigt umsomehr

Hinzu kommt als besonders schlimme Rahmenbedingung die oft erfolgende Stigmatisierung der psychische Kranken selbst, die von der Gesellschaft als vermeintlich „Andere“ abgestempelt und ausgegrenzt werden. Aufgrund der Faktenlage müsste eigentlich das Gegenteil der Fall sein.

Psota sagte: „Ein Drittel bis ein Viertel der Menschen haben innerhalb eines Jahres psychische Probleme. Nächstes Jahr ist es ein anderes Drittel oder ein Viertel.“ Fazit: Menschen mit psychischen Problemen und psychiatrisch Kranke machen immer einen erheblichen Anteil der Bevölkerung aus, was deren Ausgrenzung und Benachteiligung umso absurder macht. Der Psychiater zitierte den Wiener Psychiatrie-Reformer und ehemaligen PSD-Gründer Stephan Rudas: „Psychische Erkrankungen sind häufig und keine Schande.“ Das „unsichtbare Organ der Psyche“ werde aber oft vernachlässigt.

Wie sehr die Angst vor der Stigmatisierung die Menschen mit psychischen Erkrankungen schädigt, belegte Asita Sepandj, Ärztliche Leiterin des Geronto Psychiatrischen Zentrums des PSD, am Beispiel von Alzheimer- und anderen Demenzformen: „Das Stigma verhindert, dass Menschen Symptome als solche erkennen. Ohne Symptome bekommen sie keine Diagnose. Weltweit werden nur zehn bis 50 Prozent Demenzerkrankungen diagnostiziert, in Österreich 50 Prozent. Stigma fördert die Exklusion.“ Das verhindere eine optimale Versorgung der Patienten und benachteilige sie.

Kaum Unterschiede in der Arbeitswelt

Wie unangebracht und schädlich für die Gesellschaft die Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist, zeigt auch die Arbeitswelt, betonte der Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie von MedUni Wien und AKH, Johannes Wancata. Psychisch gesunde Menschen gaben zu etwa 95 Prozent an, im vorangegangenen Jahr in einem ständigen Beschäftigungsverhältnis gewesen zu sein. Bei den Personen mit psychischen Erkrankungen waren es knapp 80 Prozent. 54 Prozent von psychisch Gesunden erklärten, im vorangegangenen Jahr kein einziges Mal im Krankenstand gewesen zu sein. Bei Personen mit psychischen Erkrankungen traf das ebenfalls auf rund 54 Prozent zu. Auch bei mehrfachen Krankenstandsfällen zeigten sich faktisch keine Unterschiede. Ein Großteil der Menschen mit psychischen Erkrankungen steht im Berufsleben und trägt eine Mehrfachbelastung.

Oft völlig in der öffentlichen Debatte unterschätzt wird die Tatsache, dass psychische Erkrankungen gut behandelbar und oft heilbar sind - nicht schlechter jedenfalls als viele physische Krankheiten. Wancata zitierte OECD-Daten: Von im Jahr 2004 psychisch Schwerkranken waren 2007 rund 28 Prozent weiterhin schwerkrank, etwa 34 Prozent mittelschwer belastet und knapp 38 Prozent gesund. Bei ursprünglich mittelschwer Erkrankten zeigte sich bis zum Jahr 2007 bei knapp elf Prozent eine Verschlechterung (schwerkrank), bei 34 Prozent blieb der Zustand stabil. 55 Prozent der Betroffenen waren 2007 geheilt.

Am Ende der Veranstaltung von KAV und PSD wurde von KAV-Direktorin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb erstmals die neu ins Leben gerufene „Stephan-Rudas-Auszeichnung für fundierte Berichterstattung über Psychische Erkrankungen“ verliehen. Sie ging an Wolfgang Wagner (APA-Chronikredaktion). (APA)