Letztes Update am Mo, 06.11.2017 15:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krankheit

Die Pest ist noch nicht ausgerottet

Im Mittelalter forderten Pestepidemien Millionen Tote. Derzeit wütet die Seuche auf Madagaskar. Das Risiko, die Krankheit einzuschleppen, ist nicht sehr hoch, aber doch vorhanden, sagt Günter Weiss.

© picturedesk.comFast 1200 Menschen haben sich auf Madagaskar seit September mit der Pest infiziert. Mehr als 100 sind daran gestorben.



Von Nicole Strozzi

Pestmasken mit Schnabelnasen, traurige Seemannslieder und der „Schwarze Tod“, der ein Drittel der europäischen Bevölkerung auf dem Gewissen hatte: Beim Thema Pest denken die meisten sofort ans Mittelalter – und dass die ansteckende Seuche längst ausgerottet ist. „Dabei gibt es weltweit mehrere Regionen, wo die Pest immer noch vorkommt und Menschen daran sterben“, erklärt Günter Weiss, Direktor der Uniklinik für Innere Medizin II (Infektiologie und Immunologie) in Innsbruck. So zum Beispiel in den USA in den Rocky Mountains, in Süd­amerika, Afrika, Asien, China und in der Mongolei. Am bekanntesten ist aber Madagaskar, wo es normalerweise ganzjährig immer wieder zu kleineren Ausbrüchen der Beulenpest kommt. Dass die Pest vor allem Madagaskar heimsucht, hängt laut Weiss mit den Nagern zusammen, die in dieser Region die Pest besonders gut und lange aushalten und nicht daran verenden.

Grippeähnliche Symptome

Die Pest ist eigentlich eine Krankheit von Nagetieren. Der Erreger, das Bakterium Yersinia, wird meist von Flöhen übertragen, die sich etwa Ratten als Wirt nehmen. Wird ein Mensch von einem infizierten Floh gebissen, zeigen sich nach bis zu sieben Tagen Symptome wie bei einer schweren Grippe, dann schwellen Lymphknoten, etwa unter den Achseln, zu dicken Beulen an. Seit September wütet der „Schwarze Tod“ wieder auf Madagaskar. Die Lage ist diesmal ernster als sonst. Das Bedrohliche an diesem Ausbruch ist, dass es sich gegenwärtig bei den meisten Fällen um die leicht übertragbare und hochansteckende Lungenpest handelt. „Bei Menschen mit einem schlechten Immunsystem kann sich die Pest in die Lunge ausbreiten“, erklärt der Infektiologe. Lungenpest könne ähnlich einer Grippe sehr leicht durch Tröpfcheninfektion, also durch Husten, übertragen werden. Die Zeit zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch liegt hier bei nur 24 Stunden und führt unbehandelt schnell zum Tod.

Fast 1200 Menschen haben sich seither auf dem Inselstaat im Indischen Ozean mit der Krankheit infiziert. Die Zahl der Toten ist rasant auf 107 gestiegen. Außergewöhnlich an dieser Epidemie ist außerdem, dass sie vermehrt in dicht besiedelten Städten vorkommt und sich nicht – wie normalerweise – auf ländliche Regionen beschränkt.

Der Ausbruch der Lungenpest hat auch die Gesundheitsbehörden auf den Plan gerufen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits 1,5 Millionen Dosen Antibiotika zur Prophylaxe und Behandlung von Erkrankten zur Verfügung gestellt. Ärzte ohne Grenzen unterstützen die lokalen Gesundheitsbehörden in einer Spezialklinik. Je schneller die Pest mit Antibiotika behandelt wird, desto eher ist sie heilbar.

Die Nachricht, ein 33-jähriger Tourist habe die Lungenpest von Madagaskar auf die Seychellen eingeschleppt, beunruhigte auch hierzulande die Bevölkerung. Genau wie Madagaskar sind die Seychellen nämlich im Winter eine beliebte Urlaubsdestination für viele Tiroler. Doch vor ein paar Tagen die Entwarnung: kein Pest-Ausbruch auf den Seychellen! Die zehn Proben von Patienten, bei denen die Krankheit vermutet wurde, waren alle negativ.

Keine unmittelbare Bedrohung

Eine unmittelbare Bedrohung für Touristen sieht Weiss nicht. „Es ist aber schon wichtig, die Reisenden zu informieren. Sie sollen wissen, dass die Pest existiert und dass keine effektive Impfung vorhanden ist“, betont der Experte. Wichtig sei außerdem, die unspezifischen ers­ten grippeähnlichen Symptome wie Husten und Fieber zu kennen.

Da diese ersten Anzeichen der Pest sehr schnell und daher meist vor Ort einsetzen, ist das Risiko, die Pest mit dem Flugzeug einzuschleppen, nicht sehr groß – aber dennoch vorhanden, sagt Weiss. Noch hat die WHO allerdings keine Reisewarnung herausgegeben. Fluglinien wären aber gut darin beraten, bei „verdächtigen“ Patienten vor Flugantritt Fieber zu messen. Sollte trotzdem ein Reisender nach seiner Rückkehr Symptome aufweisen, würde man ihn, so Weiss, sofort auf der Isolierstation der Klinik mit Antibiotika behandeln. Bei früher Diagnose sind die Heilungschancen durch Antibiotika sehr hoch.

Die Pest wütet in Europa

Schon im 5. und 6. Jahrhundert hat es Pestepidemien gegeben. Im Jahr 1347 kam die Seuche nach Mitteleuropa – vermutlich auf Schiffen aus dem Vorderen Orient. Zwischen 1347 und 1352 starben in Europa etwa 25 Millionen Menschen an der Pest.

Angst vorm „Schwarzen Tod“

Die Bezeichnung hat die Seuche im Mittelalter erhalten, weil sich Finger, Nasenspitze und Zehen schwarz verfärben, wenn sich die Pest im fortgeschrittenen Stadium im ganzen Körper ausbreitet und die Zellen absterben lässt.

Die Suche nach Gründen

Im Mittelalter kannten die Menschen kein wirksames Mittel gegen die Pest. Erkrankte wurden häufig zur Ader gelassen. Damals glaubte man, die Seuche sei eine Strafe Gottes für schlechten Lebenswandel. Ärzte behandelten Kranke mit Pestmasken.

Der Erreger wird entdeckt

Der letzte große Pest-Ausbruch hat Tirol 1640 heimgesucht. Im 18. Jahrhundert verschwand die Krankheit aus Europa. Das hat vor allem mit der besseren Hygiene zu tun. Erst 1884 entdeckte Alexandre Yersin den Pesterreger, das Bakterium Yersinia pestis.