Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.12.2017


Exklusiv

“Anonyme Geburt“: Hilfe für Mütter wider Willen

Ein Baby in einem sicheren medizinischen Umfeld zu entbinden und es dann nicht mit nach Hause zu nehmen, ist möglich. MCI-Studenten informieren über die „anonyme Geburt“.

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Von Theresa Mair

Innsbruck – Schwanger, und niemand darf davon erfahren. Es ist zu spät für einen Abbruch, die momentane persönliche Lebenssituation eine Katastrophe. Jede Frau hat ihre Gründe, warum sie ihr Kind nicht selbst großziehen will oder kann. Die Meldungen über Kindsweglegungen oder -tötungen sind selten, wenn es aber doch passiert, zieht sich Erschütterung durchs Land.

Seit 2001 besteht daher die gesetzlich straffreie Möglichkeit, anonym schwanger zu sein und anonym zu gebären. Doch viele wissen nichts davon. „Es gibt eine Broschüre vom Land, aber die ist veraltet. Die darin angeführten Anlaufstellen sind nicht mehr alle aktuell“, sagt Karin Hager, Studentin der „Sozialen Arbeit“ am Management Center Innsbruck (MCI). Ihr Lektor Thomas Scherner, früher selbst klinischer Sozialarbeiter, hatte die Idee, mit den Studenten zur Aufklärung über dieses Angebot beizutragen. Ein Jahr lang haben 17 Studenten alles verfügbare Wissen zum Thema zusammengetragen, sich bei der Kinder- und Jugendhilfe, den Klinik-Sozialarbeitern und dem Caritas-Beratungszentrum informiert. Damit gestalteten sie ein neues Infoheft, das sie unlängst im Haus der Begegnung präsentierten.

„Die anonyme Geburt wurde in allen Krankenhäusern eingeführt, weil man Mütter in Notsituationen unterstützen wollte, damit sie eine gute, sichere Entbindung haben können. Gleichzeitig wurde in ein paar wenigen Krankenhäusern eine Babyklappe eingerichtet. In Osttirol gibt es eine, weil zu dieser Zeit zwei Kindsweglegungen vorgekommen sind“, sagt Rosalinde Kunwald von der Kinder- und Jugendhilfe der BH Schwaz.

Eine anonyme Geburt kann unterschiedlich ablaufen: Entweder die Mutter nimmt bereits in der Schwangerschaft anonym rechtliche und psychologische Beratung sowie die anstehenden medizinischen Untersuchungen in Anspruch. Im Spital wird ihr ein Pseudonym zugewiesen.

Manche gehen aber erst für die Geburt ins Krankenhaus und weisen dort darauf hin, dass sie anonym bleiben möchten. Andere entscheiden sich bei der Entbindung dafür. Dann werden sämtliche Daten nachträglich anonymisiert. Oder umgekehrt: „Es kommt häufiger vor, dass es sich Mütter bei der Entbindung anders überlegen und sie sich für eine offene Adoption entscheiden“, so Kunwald. Manche Frauen wollten ihrem Kind gegenüber nicht anonym bleiben, sondern nur vor der Öffentlichkeit. Von seiten der Kinder- und Jugendhilfe würden sie daher ermutigt, einen Brief für das Baby zu hinterlassen. Gleichsam für die biologische Mutter als auch für die Adoptiveltern sei es beruhigend, wenn sie sich bei der Übergabe des Kindes treffen. „Dann muss die abgebende Mutter nicht bei jedem Kinderwagen, den sie auf der Straße sieht, grübeln, ob darin vielleicht ihr Kind liegt. Und die Adoptivmutter muss sich nicht bei jedem, der in den Wagen schaut, Gedanken machen“, erklärt Kunwald.

Eine anonyme Geburt gebe der Behörde und den künftigen Adoptiveltern Sicherheit. Man wisse, dass die Adoption im Sinne der Mutter ist, auch wenn diese das Krankenhaus ohne ihren Namen hinterlassen zu haben verlässt. Bei der Babyklappe sei nie gewiss, ob es wirklich die Mutter war, die das Kind abgegeben hat.

Jede Mutter, die ihr Kind austrägt, fühle sich verantwortlich. „Entweder sie behält es oder sie hat womöglich ein schlechtes Gewissen, weil sie es weggibt“, spricht Kunwald aus ihrer 35-jährigen Berufserfahrung. Daher komme eine Adoption – egal, ob offen oder anonym – seit es die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs gibt, selten vor. Zuletzt sei es für viele Frauen aber auch schwieriger geworden, ihr Kind offen zur Adoption freizugeben, wie Studentin Karin Hager schildert. „In der heutigen Zeit wird eine offene Adoptionsfreigabe weniger von der Gesellschaft toleriert als früher, als es noch kaum finanzielle Unterstützung seitens des Staates gab.“ Für viele Menschen sei es schwer nachvollziehbar, wie eine Frau ein Kind hergeben kann. Hager betont jedoch, dass „die Frauen die Entscheidung meist sehr bewusst treffen“ und sich „eine gute Zukunft für das Kind wünschen“. Das sei anzuerkennen und wertzuschätzen.

Derzeit wird die Info-Broschüre überarbeitet. Anfang des Jahres soll sie fertig gestellt und der Kinder- und Jugendhilfe übergeben werden. Die MCI-Studenten wünschen sich, dass die Broschüre mehrsprachig gedruckt und allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden kann.