Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.01.2018


Innsbruck-Land

Junger Landarzt fasst in Neustift Fuß

Seit fast 40 Jahren ist Anton Ranalter der Vertrauensarzt zahlreicher Stubaier. Langsam übergibt er nun an einen jungen Kollegen. Die beiden Ärzte haben etwas gemeinsam: Die Landarztpraxis ist deren Erfüllung.

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© Michael Kristen



Von Denise Daum

Neustift – Wer Anton Ranalter und Robert Lugmayr miteinander erlebt, merkt gleich: Hier haben sich zwei gefunden. Die beiden Allgemeinmediziner haben zwar äußerlich rein gar nichts gemeinsam, dafür strahlen aber beide mit ihrer besonnenen Art Ruhe und Vertrauen aus. Und die Chemie zwischen ihnen stimmt. Seit rund einem Jahr betreuen die beiden Ärzte in Ranalters Praxis gemeinsam Patienten im Rahmen einer so genannten Übergabepraxis: Der ältere Landarzt arbeitet den jungen ein und zieht sich langsam zurück – der seltene Idealfall, wenn ein Hausarzt die Pension ansteuert.

Seit seinem Zivildienst bei der Rettung weiß Robert Lugmayr, dass der Arztberuf seine Berufung ist. Von einer eigenen Landarztpraxis hat er immer geträumt. Nachdem der 35-Jährige zunächst bei einem Arzt in Alpbach angestellt war, erfuhr er durch Zufall, dass in Neustift im Stubaital ein Hausarzt einen Nachfolger sucht. „Ich habe die Praxis und den Toni gesehen und aus dem Bauch heraus gewusst, dass ich hier richtig bin“, strahlt der Innsbrucker, der von Anfang an von seinem „Mentor“ Anton – Toni – Ranalter angetan war.

Das beruht auf Gegenseitigkeit. „Robert ist ein fantastischer Arzt, die Patienten mögen ihn sehr gern“, sagt Ranalter. Er war über Jahrzehnte der Vertrauensarzt vieler Stubaier und half oft schon allein durch sein geduldiges Zuhören und gutes Zureden. „Viele Sorgen und Ängste können schon durch ein persönliches Gespräch zerstreut werden“, weiß Ranalter. Der enge Kontakt mit den Patienten ist es auch, der für Ranalter das Besondere an seiner Arbeit ausmacht. „Oft entwickelt sich über die Jahre eine Beziehung, die über das Berufliche hinausgeht. Als Landarzt kennt man seine Patienten und ihre Hintergründe genau.“

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich vieles geändert: Heutzutage kommen weniger kleine Kinder in die Praxis – die werden meist gleich zum Kinderarzt gebracht. Und auch die Geburtshilfe gibt es für ihn praktisch nicht mehr. „Das waren früher oft schweißtreibende Einsätze unter wilden Bedingungen. Dass die aufgehört haben, ist mir egal“, lacht Ranalter. Und das, obwohl er ursprünglich nach Abschluss seines Medizinstudiums Gynäkologe werden wollte.

Geändert haben sich im Laufe der Zeit auch die Patienten: Vor allem deren Informiertheit habe enorm zugenommen. Während früher unwidersprochen galt, „wenn’s der Doktor sagt“, müsste heutzutage mehr argumentiert und erklärt werden. „Das ist aber nichts Schlechtes“, betont Ranalter. Vorsichtig sollten Patienten nur mit Dr. Googles Laiendiagnosen umgehen, die Ranalter zufolge wenig verlässlich, dafür umso furchteinflößender seien.

Dass sein junger Kollege die Praxis mit rund 1400 Patienten pro Quartal in derselben umsichtigen Art weiterführt, steht für Ranalter außer Frage. Robert Lugmayr fühlt sich im Stubaital nach seinem ersten Jahr schon pudelwohl. Dazu haben auch die beiden Ordinationsassistentinnen einen wesentlichen Beitrag geleistet, wie Lugmayr betont. „Ich bin alles in allem gut hineingewachsen. Am Anfang habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht, immerhin trete ich in sehr große Fußstapfen“, sagt der Innsbrucker, der demnächst ins Stubaital übersiedeln will. Schon allein wegen der Nachtdienste, derer er acht pro Monat zu absolvieren hat. „Die erschrecken mich schon noch ein bisschen“, gibt Lugmayr zu. Die Gründe, warum Patienten in der Nacht den Hausarzt aufsuchen, sind vielfältig. Meistens sind es Schmerzustände und Verletzungen. „Unlängst hat mich eine Patientin um drei Uhr in der Früh angerufen und gefragt, ob sie ein Schlafmittel nehmen darf“, erzählt der junge Landarzt. „Dann waren zwei schlaflos“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Noch bis März sind die beiden gemeinsam in der Praxis, dann ist Dr. Lugmayr allein verantwortlich und Dr. Ranalter hat viel Zeit für Skitouren. Kleiner Trost für seine Patienten: Er bleibt ihnen sporadisch als Aushilfe erhalten – damit auch der junge Landarzt mal zu einer Skitour kommt.