Letztes Update am Mo, 29.01.2018 16:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erziehung

„Mama, du lügst doch!“: Schwindeln als Schutz

Ob aus Faulheit oder Feigheit: Eltern flunkern ihre Kinder ständig an. Warum wir so selten bei der Wahrheit bleiben.

© iStockKind: "Hab' ich das schön gezeichnet?" Mama: "Ja, super!" (Wahrheit: Das ist jetzt das zwanzigste Bild mit einem ungebogenen Regenbogen.)



Am Dienstag kaufte ich meinen Mädchen zwei neue Kleider. Die Fünfjährige fand den Fummel der Dreijährigen schöner. „Warum hab’ ich nicht das mit den Pailletten“, fragte sie enttäuscht. „Das gab’s leider nimmer in deiner Größe“, schwindelte ich. Ich schwindle viel. Aus Faulheit, Feigheit, zu Kinder-Beruhigungszwecken und weil die Kleinen fragen stellen, die ich schlicht und ergreifend nicht beantworten kann.

Zur Flunker-Höchstform lief ich vor Weihnachten auf, als die „Gibt’s-das-Christkind-wirklich“-Bohrerei kein Ende nehmen wollte. „Wo wohnt das Christkind? Wie schafft es das, allen Kindern auf der Welt was zu bringen? Wird es in den Geschäften nicht erkannt? Und woher weiß das Christkind, was sich die Kinder wünschen, die noch keinen Wunschzettel malen können.“ Meine Killer-Antwort: „Das Christkind kann zaubern. Es kann alles.“ Ende der Diskussion.

Kreative Notlügen verschonen Eltern vor endlosen Debatten, die erfahrungsgemäß mit Tobsuchtsanfällen, Tränen und Theater enden würden. Flunkern spart Zeit. Und Nerven. „Papa, gehen wir heute noch schwimmen/Eis essen/auf den Indoor-Spielplatz.“ Nein, leider, „das Schwimmbad/die Eisdiele/der Spielplatz haben heute zu, Putztag.“

Wir binden den Knirpsen aber auch Bären auf, weil wir viel zu oft total ahnungslos sind. „Meine Kleine will neuerdings ständig über den Tod reden“, erzählte eine Freundin kürzlich. Ihr Standardsatz „XY ist jetzt im Himmel und im Himmel ist es ganz, ganz schön“ stellt ihre Tochter aber nicht zufrieden: „Aber warum weint Tante Z dann?“ Tja, so schnell lassen die Dreikäsehochs nicht locker.

Auch dann nicht, wenn sie sich weigern, gesundes Essen zu sich zu nehmen. Zusammen mit Brokkoli und Kohlsprossen tischen wir unseren Sprösslingen auch viele pikante Lügen auf. „Was ist das Rote da in der Soße!“, pult die Dreijährige ein Ministück Paprika aus dem Teller. Die Antwort „Zauberkräuter!“ wird prompt mit einem ungläubigen Blick quittiert. „No Smaaties“, krakeelt der zweijährige Pimpf mit dem Schokomund. „Schluss jetzt, sonst kommt der Bakterienzwerg und bohrt in deine Zähne.“ Das sitzt. Meistens.

Stark wie Pippi Langstrumpf

Lügen werden aber genauso oft wie Beruhigungspillen verab­reicht. Die Große fragte neulich beim Schlafengehen: „Aber Mama, wenn heute Nacht ein Einbrecher kommt. Ich habe solche Angst, dass ich zittere.“ „Keine Sorge, den Schlüssel haben nur wir, der Einbrecher kommt da nicht rein und auch über den Gartenzaun kommt er nicht drüber.“ „Aber wenn doch?“ „Dann machen wir es wie die Pippi Langstrumpf und hauen ihm mit der großen Bratpfanne drauf.“ Erleichtertes Lachen.

Aber wie viel Wahrheit darf man der unschuldigen Kinderseele zumuten? Am Morgen blättern wir die Zeitung durch. Bei einem Foto mit schießenden Soldaten hält das Trio inne: „Was machen die da?“ Wie erklärt man Krieg in Kindersprache? „Das sind Menschen, die miteinander streiten, aber nicht mehr reden, sondern schießen.“ Die unvermeidliche „Warum?“-Frage folgt. „Wenn Menschen ganz böse sind, dann kann das passieren. Deshalb sollte man immer miteinander reden, auch wenn man ganz grantig ist.“ Das Gespräch geht weiter. Ehrlich. Dafür eine gefühlte Ewigkeit. Ob man alles kindgerecht erklärt hat? Wer weiß, aber man hat sich der Wahrheit zumindest angenähert.

Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem uns die Schlaumeier sowieso durchschauen. Neulich auf dem Weg zum Kindergarten. Der Zweijährige wirft sich in den Schnee, der berühmte Geh-Streik. Ein „Wenn du so schreist, kommt echt die Polizei“ bleibt naturgemäß wirkungslos. „Oh, ich höre den Schneepflug“, flötet die Mutter, die um die Anziehungskraft dieses Fahrzeugs weiß, die nächs­te Unwahrheit. „Hinter der Ecke, schnell, bevor er weg ist.“ Der Trotzkopf stürmt davon. „Mama, lügst du jetzt?“, fragt plötzlich die große Schwester. Ertappt. Wie durch ein Wunder taucht jetzt tatsächlich ein Schneepflug auf. Triumph! „Seht ihr, Mama kann sogar durch Häuser schauen!“ (Kathrin Siller)

Schwindeln als Schutz

Dürfen Mama und Papa lügen? Und wo müssen Eltern bei der Wahrheit bleiben? Wir haben den Sozialpädagogen Roland Fux gefragt.

Ob aus Zeit- oder Erklärungsnot, Eltern sind in puncto Notlügen ziemlich erfinderisch, oder?

Roland Fux: Ich bezeichne diese Schwindeleien eher als kinderschützende und frustrationsmindernde Argumente. Oft gehen Eltern schlicht die Erklärungen aus, um etwas kindgerecht zu sagen. Wir wollen den Kleinen nichts Böses und die „Not“ erst gar nicht aufkommen lassen. Entscheidend ist, das Kind zu respektieren, klare Ansagen in einer kindgerechten Sprache zu machen.

Durchschauen Kinder elterliche Flunkereien?

Fux: In wissenschaftlichen Experimenten wurde gezeigt, dass bereits Zweijährige erkennen, ob sich ein Erwachsener authentisch verhält. Mit vier Jahren erkennen Kinder auf jeden Fall, ob das, was die Großen sagen, mit der eigenen Welt und Wahrnehmung übereinstimmt.

Oft werden Drohungen aus Hilflosigkeit in Lügen verpackt: „Wenn du nicht sofort dein Zimmer aufräumst, gehe ich ohne dich, weil ich sonst den Bus verpasse.“ Kindgerecht klingt anders ...

Fux:

Christkind, Einhorn oder Zahnfee. Kinder lieben diese magischen Figuren, aber wollen es immer genau wissen. Warum kann ich nicht einfach sagen: Das gibt’s alles gar nicht, anstatt ständig neue Geschichten zu erfinden?

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Scheidung, Tod und Krieg: Wieviel Wahrheit vertragen Kinder überhaupt?

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