Letztes Update am Do, 01.02.2018 12:13

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Gallenblasen-OP: Das Geröll muss aus dem Bauch raus

Gallenblasenentfernungen gehören mit 20.000 Eingriffen pro Jahr zu den häufigsten Operationen in Österreich. Hauptgrund dafür sind Koliken infolge von Gallensteinen. Wie die OP verläuft und wie es sich ohne Gallenblase lebt, schildert Chirurgie-Experte Dietmar Öfner-Velano

© iStockDie Gallenblase (rot) dient als Überlaufreservoir für Gallensaft aus der Leber.



Man könnte den Kalk von der Wand kratzen. Die massiven Schmerzen kommen in Wellen. Das vegetative Nervensystem setzt den Fluchtreflex in Gang: Die Finger werden kalt, die Zunge trocken. Auf der Stirn steht Schweiß.

Das ist eine Kolik, wie sie Dietmar Öfner-Velano, Direktor der Uniklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie in Innsbruck beschreibt. Schuld an dem Martyrium sind meist Gallensteine.

Steine lösen sich nicht auf

„Die Gallenblase ist wie ein Überlaufreservoir, in dem von der Leber produzierte Galle gespeichert wird. Wenn man fett isst, wird sie zusätzlich zur Verdauung herangezogen“, schildert der Experte. Wenn zu viel Galle in der Blase liegen bleibt, bilden sich Kristalle, die sich zu Steinen verbinden. Es entsteht eine chronische Entzündung, die Blase kann sich nicht mehr zusammenziehen, um Galle abzugeben. Zur gefürchteten Kolik kommt es, wenn die Gallenblase oder die Gallenwege versuchen, die Steine loszuwerden.

Öfner-Velano rät: Ruhe bewahren und die Rettung rufen. „Eine Kolik verur­sacht zwar massive Schmerzen, ist aber nicht lebensbedrohlich.“ Bei solch massiven Beschwerden wird in der Klinik die Gallenblase mittels Schlüssellochchirurgie (Laparoskopie) in Vollnarkose entfernt. Denn anders als bei Nierensteinen kann man jene in der Galle nicht einfach so medikamentös auflösen oder zertrümmern. Man müsste dafür die Gallenblase aufschneiden und wieder zunähen, was viel zu kompliziert sei. „Wenn man schon einmal Gallensteine hat, ist die Gallenblase sowieso praktisch funktionslos“, sagt Öfner-Velano.

Gut leben ohne Gallenblase

Ohne Gallenblase lebt es sich genauso gut, was 20.000 Gallenblasenentfernungen pro Jahr in Österreich beweisen. Die Betroffenen müssen danach keine Medikamente nehmen, ein gesunder Lebensstil reicht. Dennoch: Nur weil jemand Gallensteine hat, ist das noch lange kein Grund zu operieren. „Wenn jemand keine Beschwerden hat, operiert man in der Regel nicht.“ Binnen 24 Stunden operieren muss man allerdings bei einer akuten Gallenblasenentzündung oder wenn ein Gallensteinchen abgeht und womöglich im Gallenweg stecken bleibt.

Besonders heikel ist es, wenn der abgegangene Gallenstein vor dem Ausführungsgang in den Zwölffingerdarm stecken bleibt und eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) auslöst. „Dann muss man sofort reagieren. Wenn man zu lange zuwartet, kann die Bauchspeicheldrüse ihre Verdauungssäfte nicht mehr abgeben – und verdaut sich selbst. Das kann lebensbedrohlich sein.“ Unbemerkt verläuft eine Pankreatitis nie. Die Schmerzen sind beträchtlich. Der stecken gebliebene Stein wird dann auf ähnliche Weise wie bei einer Magenspiegelung geborgen und die Gallenblase anschließend entfernt. Wenn bei einem Ultraschall – das diagnostische Mittel der Wahl bei Gallensteinen – herauskommt, dass sich ein mehr als ein Zentimeter großer Polyp in der Gallenblase gebildet hat, wird diese ebenfalls entfernt. Genauso natürlich bei einem, sehr selten vorkommenden, Tumorbefall der Gallenblase oder der Gallenwege.

Vier kleine Schnitte

Während in einigen wenigen Krankenhäusern in geringem Ausmaß Gallenblasen-OPs auch tagesklinisch durchgeführt werden, gehe man in Inns­bruck auf Nummer sicher. Bei einer geplanten OP bleibt der Patient noch ein bis zwei Tage in der Klinik.

„Man macht im Normalfall vier, manchmal auch nur drei Zugänge: einen unter dem Nabel, einen am Oberbauch, jeweils einen am Mittelbauch rechts und links. Die größten Schnitte sind unter zwei Zentimeter klein, die kleinsten nicht größer als drei Millimeter.“ Darüber werden die Instrumente eingeführt und CO2 insuffliert, das den Bauch aufbläst. Bei der Operation werden der Ausführungsgang der Gallenblase und eine zuführende Arterie durchtrennt.

„Das Komplikationsrisiko ist äußerst gering. Wenn der Eingriff geplant ist, liegt das Gesamtrisiko inklusive leichter Komplikationen unter einem Prozent“, so Öfner-Velano. Dafür sorge ein Sicherheitsnetz: Jeder Operateur muss während des Eingriffs bestimmte dargestellte organische Strukturen abfotografieren. Wenn dies nicht erreicht werden kann, kommt der nächste noch erfahrenere Chirurg zum Zug – vom Facharzt über den Oberarzt bis hin zum Direktor.

Was Gallenblasenentfernungen betrifft, sei die Schlüssellochchirurgie per se schon sehr komplikationsarm und „die Verletzung der Bauchdecke ist geringer als bei einer offenen Operation, daher ist es auch die schmerzärmere Methode. Schon am zweiten Tag nach der OP brauche der Patient weniger Schmerzmittel und sei viel schneller wieder fit. (Theresa Mair)

Gallenblasen-OP in Innsbruck

Für Patienten mit Gallenblasenleiden steht an der Innsbrucker Uniklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie die Allgemeine Chirurgische Ambulanz zur Verfügung (Mo–Fr, 9 bis 15 Uhr), die Spezialsprechstunde für Hepato-Pankreato-Biliäre Chirurgie nur freitags von 9 bis 12 Uhr.

Jedes Jahr werden in Innsbruck rund 400 Gallenblasenentfernungen durchgeführt. Die Risikogruppe für Gallensteine wurde im Englischen mit „4F“ (Female, Fertile, Forty, Fat) definiert: Übergewichtige Frauen in den fruchtbaren Jahren um die 40 sind demnach besonders gefährdet. Gallenleiden erkennt man mitunter auch an der gelben Verfärbung des Augenweiß.