Letztes Update am Di, 06.02.2018 09:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Mehr Krebs, aber mehr überleben

Die Krebsforschung macht unentwegt Fortschritte. Trotzdem erkranken immer mehr Menschen an Tumoren. Der Innsbrucker Onkologe Günther Gastl blickt in die Zukunft der Krebstherapie.

© iStock(Symbolfoto)



Von Theresa Mair

Unsere Lebenserwartung steigt und damit auch das Risiko an Krebs zu erkranken.

Lebten Ende 2014 18.700 Frauen und 18.600 Männer in Tirol mit Krebs, waren Ende 2015 bereits 19.300 Männer und 19.400 Frauen betroffen. Das geht aus dem zum Welt-Krebs-Tag veröffentlichten Bericht des Tiroler Tumorregisters hervor. Die Epidemiologen des Landes erklären sich den Anstieg bei sämtlichen Krebserkrankungen, der v. a. Frauen betrifft, mit genaueren Diagnosemethoden und mit der „geänderten Altersstruktur“.

Günther Gastl, Direktor der Uni-Klinik für Innere Medizin V in Inns­bruck, blickt dennoch positiv in die Zukunft: „2040 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 sein. Aber die Mehrzahl der Menschen, die an Krebs erkranken, werden von dieser Krankheit entweder geheilt werden oder trotz Krebs viele Jahre überleben.“ Der Schlüssel für den Fortschritt liegt für ihn in der Präzisionskrebsmedizin.

In der Behandlung gehe es zunehmend darum, wie man eine bestimmte, individuelle Krebserkrankung therapiert. „Man untersucht bis ins Detail die Eigenheiten des Tumors, seinen Ursprung, die Ausbreitung und sein genetisches Profil“, erklärt Gastl den Weg zur Diagnose. Praktisch sieht das so aus: Neben den bildgebenden Untersuchungen ist vor allem der Pathologe gefordert. Er ist derjenige, der anhand einer Gewebeprobe die Tumordiagnose stellt. Zudem hat die Biomarkerforschung enorm an Bedeutung gewonnen: Mit Hilfe von molekularen Markern im Tumorgewebe können die Erfolgsaussichten für bestimmte Krebstherapien abgeleitet werden.

Individuell und präzise

Dabei dringen Forscher, Onkologen und Pathologen bis in das Genom des Tumors vor. „Liegen Defekte wie Brüche oder Verdoppelungen der Chromosomen vor, ist dies meistens ein prognostisch ungünstiges Zeichen“, erklärt der Onkologe. Von den rund 23.000 Genen des Menschen seien ca. 500 als potenzielle Krebstreiber relevant. Bioinformatiker und Onkologen analysieren die Ergebnisse von Krebsgenomuntersuchungen. „Bei Blutkrebs machen wir das klinikintern, bei soliden Tumoren schicken wir das Tumorgewebe zu Kooperationspartnern in die USA und erhalten binnen drei Wochen das Ergebnis“, schildert Gastl.

Gen-Analyse in Übersee

An der Klinik Innsbruck wurde das Tumor-Profilierungsprogramm „OncoT-Profil“ 2015 gestartet. 2017 haben sich die Innsbrucker als einziges Zentrum Europas der „Precision Oncology Alliance“ angeschlossen, in der sie mit der Firma Caris Life Sciences und 20 US-Krebszentren zusammenarbeiten.

„Wenn eine Krebstherapie versagt hat, wurde bis vor wenigen Jahren rein nach Erfahrungswerten weiterbehandelt. Seit wir mit der molekularen Krebsdiagnostik und genetischen Profilierung angefangen haben, nach den biologischen ,Achillesfersen‘ des Tumors zu suchen, konnten wir in 80 Prozent der Fälle neue Angriffspunkte für Krebstherapien finden“, sagt der Mediziner. Auf diese Weise erfahren die Experten, auf welche Therapiestrategie und Medikamente der Tumor am ehesten reagiert.

Bisher steht „OncoT-Profil“ Patienten offen, die in gutem Allgemeinzustand sind und bei denen klassische Therapien versagt haben. Sie müssen nach sorgfältiger Aufklärung ihr Einverständnis für eine solche Untersuchung am Krebsgewebe geben. Die Daten werden anonymisiert in das Register der „Precision Oncology Alliance“ eingespeist und mit Ergebnissen anderer Patienten verglichen. Bei etwa der Hälfte der bisher 140 Betroffenen in Innsbruck war die Behandlung laut Gastl erfolgreich. Der Krebs konnte längerfristig unter Kontrolle gebracht werden.

Die Zukunft sei, dass solche Profilierungen schon frühzeitig durchgeführt werden und sofort für die Therapieplanung zur Verfügung stehen. „Das erste Ziel ist es, Krebs zu heilen. Ist dieses Ziel mit den Möglichkeiten der modernen Krebstherapie nicht erreichbar, geht es darum, Überlebenszeit mit guter Lebensqualität zu gewinnen. Das höchste Ziel bleibt aber, Krebs zu verhüten“, sind für Gastl die Prioritäten klar.


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