Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.03.2018


Welttag des Hörens

Ich hör, ich hör, was du nicht hörst

Der 3. März ist Welttag des Hörens. Den braucht es auch, denn jeder fünfte Österreicher hört schlecht. Viele wollen aber trotzdem nichts davon hören, dass es inzwischen wirksame Abhilfe gibt.

© E+



Von Evelin Stark

Innsbruck – „Wie bitte? Was hast du gesagt?“ Diese Fragen kommen im täglichen Sprachgebrauch eines schwerhörigen Menschen öfter vor als bei einem, der gut hören kann. Vielleicht sind sie auch ein erster Hinweis darauf, dass das wöchentliche Ohrenputzen nicht mehr ausreicht, um alles hören zu können.

- Michael Kristen

Schwerhörigkeit betrifft rund 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung. Laut Schätzungen sind ein bis zwei Prozent der Schulkinder bereits hörbeeinträchtigt, bei den 15- bis 19-Jährigen gar schon 15 Prozent. Mit dem Alter steigt das schlechte Hören: Bei den über 60-Jährigen hören 30 und bei den über 65-Jährigen 50 Prozent schlecht.

„Schwerhörigkeit ist nach wie vor ein Tabuthema“, sagt Werner Pfeifer. Er ist Gründer und Leiter des „Schwerhörigenzentrums Tirol“ und hält pro Jahr an die 200 Vorträge zu dem Thema. Er hört selbst schlecht und geht im Gegensatz zu vielen anderen sehr offen mit der Thematik um: „Viele schämen sich, wenn sie dauernd nachfragen müssen, und gehen deshalb lieber nicht unter die Leute.“

Wer schlecht hört, zieht sich immer mehr zurück, es kommt zu Einsamkeit. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen darüber hinaus das erhöhte Risiko für Demenz und Depression. Außerdem gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO Hörverlust im Erwachsenenalter als die weltweit häufigste Ursache dafür an, dass man als behinderter Mensch eingestuft wird.

Dabei kann in den meisten Fällen leicht Abhilfe geschaffen werden. So auch bei Ingeborg Mayer aus Patsch: „Vor etwa 20 Jahren habe ich bemerkt, dass ich immer schlechter höre“, so die 76-Jährige. Sie ging damals zum Akustiker und ließ sich Hörgeräte verpassen, mit denen sie sehr zufrieden ist.

Bei einer leichten oder mittelgradigen Hörbeeinträchtigung sind Hörgeräte nämlich die richtige Lösung. Allerdings wird bei vielen Betroffenen das Hören mit der Zeit immer schlechter, die Geräte müssen lauter und lauter gestellt werden. Bringen sie gar keinen Erfolg mehr, können Hör-Implantate die akustische Wahrnehmung wiederherstellen.

Joachim Schmutzhard ist HNO-Arzt an der Innsbrucker Klinik und Spezialist auf dem Gebiet: „Wenn die Patienten nur noch ab 70 Dezibel aufwärts hören können, ist kein offenes Sprachverständnis mehr möglich.“ In so einem Fall sei ein Innenohr-Implantat ratsam.

Das Cochlea-Implantat, das u. a. die in Innsbruck ansässige Firma MED-EL herstellt, ist eine Hörprothese für Gehörlose. Voraussetzung für den Erfolg des Implantats ist, dass der Hörnerv noch funktionsfähig ist. „Das gesunde Ohr hat in etwa 3000 Haarzellen“, so Schmutzhard. Diese wandeln mechanische Reize wie Schall in Nervenaktivität um. Im Laufe des Lebens verliere der Mensch immer mehr dieser Haarzellen, was zu Hörverlust führe. „Das Cochlea-Implantat ersetzt den elektrischen Impuls, den sonst die Haarzellen setzen“, erklärt der Experte.

Die implantierte Prothese besteht aus einem externen und einem internen Teil. Der externe Teil wird meist hinter dem Ohr getragen und überträgt digitale Informationen von außen nach innen: Man kann wieder hören. Die Lautstärke lässt sich per Knopfdruck steuern.

„Ich kann jetzt wieder den Bach rauschen und die Vögel singen hören“, schwärmt Ingeborg Mayer. Die ehemalige praktische Ärztin hat sich 2016 für ein Cochlea-Implantat an ihrem rechten Ohr entschieden. Links trägt sie weiterhin ein Hörgerät. Auch wenn das „Richtungshören“ jetzt schlechter gehe, sei sie doch sehr zufrieden.

Nicht nur ältere Menschen profitieren von Hörimplantaten: „Kinder, die taub geboren werden und im ersten Lebensjahr ein Implantat bekommen, haben eine normale Sprachentwicklung“, sagt Schmutzhard. Die Sprachentwicklung sei nur in den ersten sechs Lebensjahren möglich.

Das Hören von Kindern und Jugendlichen ist auch für Pfeifer ein Anliegen. Mit seinen Schul-Vorträgen will er besonders junge Menschen darauf aufmerksam machen, dass laute Konzerte und eine permanente Belastung der Ohren Schäden verursachen. „Wir ziehen eine Generation der Hörgeschädigten heran“, zeigt er sich besorgt. Besonders wichtig seien Pausen: „Unsere Ohren müssen Tag und Nacht arbeiten, überall sind Geräusche. Stille Momente braucht es, aber die sind leider viel zu selten.“