Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.03.2018


Tirol

Legales Cannabis: „Berauschend wie alkoholfreies Bier“

Mehrere Geschäfte bieten nun auch in Tirol ganz legal Cannabis an. Die speziellen Blüten sollen entspannend wirken und enthalten nur zu einem geringen Teil das psychoaktive THC.

© iStockphotoVon diesem Gras wird man nicht „high“. Die getrockneten Cannabisblüten werden als Aromaprodukt verkauft und sind deshalb legal.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Ein Hauch von Amsterdam weht seit einigen Wochen durch Innsbruck und verströmt einen verräterischen Duft: Der Geruch von Cannabis, wie man ihn aus Coffeeshops in den Niederlanden kennt, wo man legal Drogen konsumieren darf. Oder der Geruch aus dunklen Ecken, wenn dort heimlich ein Joint die Runde macht. In den neu eröffneten Geschäften in Wien, Graz oder eben auch Innsbruck machen die Betreiber jedoch kein Geheimnis aus ihrem Produkt. Cannabispflanzen stehen in der Auslage, die Hanfblüten werden offen in Gläsern präsentiert. Alles legal.

Michael Mayrhuber von der Drogenberatung Z6 wird inzwischen immer wieder gefragt, wie das sein kann: „Diese Blüten enthalten kaum den psychoaktiven Wirkstoff THC, man bekommt also davon keinen Rauschzustand“, erklärt er. Die angebotenen Cannabisblüten stammen aus dem EU-Saatgutkatalog und unterliegen nicht dem Suchtmittelgesetz. Anstatt des Cannabinoids THC (Tetrahydrocannabinol) wird in den verkauften Produkten auf CBD (Cannabidiol) gesetzt. Je nach Züchtung und Kreuzung der Hanfpflanze kann sie mehr oder weniger der beiden Wirkstoffe enthalten. Verkauft werden dürfen nur CBD-Produkte, in denen der THC-Wert unter 0,3 Prozent liegt.

Julia Geiß hat im November ihr Geschäft „Zur Blüte“ eröffnet.
- Thomas Boehm / TT

In dem Geschäft von Julia Geiß, das sie unter dem Namen „Zur Blüte“ Mitte November in der Höttinger Au eröffnet hat, können die Kunden die Hanfblüten in Gläsern riechen und ein Gramm ab etwas mehr als zehn Euro erwerben. „Gesetzlich wäre es schon lange möglich, aber man hat erst in den letzten Jahren herausgefunden, wie entspannend CBD wirkt“, erklärt die 24-Jährige. Sie wolle eine breite Zielgruppe ansprechen, auch Menschen, die noch nie Kontakt mit Cannabis hatten. Wie zum Beweis kommt eine Mutter mit ihrer Tochter ins Geschäft, in dem unter anderem Hanf-Tees oder -Öle angeboten werden. Die Hanfblüten bezieht Geiß aus der Schweiz. „Um zu garantieren, dass der THC-Gehalt unter 0,3 Prozent liegt, geben wir selbst Laboranalysen in Auftrag und veröffentlichen diese. Unsere Produkte sind rein biologisch“, sagt sie.

THC, CBD und was davon okay ist

Die Pflanze. Hanf (wissenschaftlich Cannabis) wurde zur Pflanze des Jahres gewählt. Sie enthält ca. 500 Wirkstoffe, darunter 120 Cannabinoide — je nach Züchtung und Kreuzung enthält eine Pflanze mehr oder weniger davon.

Das THC. Das bekannteste Cannabinoid ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Es stimuliert Teile des Gehirns, wirkt psychoaktiv. Es kann zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden, ansonsten ist der Konsum in Österreich illegal.

Das CBD. Im Gegensatz zu THC verursacht das Cannabinoid CBD (Cannabidiol) keine psychedelische Wirkung. CBD-Produkte mit niedriger THC-Konzentration (unter 0,3 %) dürfen in Österreich verkauft werden.

Im Gegensatz zu einem Coffeeshop in Graz darf man die Produkte weder im „Zur Blüte“ noch in einem weiteren Innsbrucker Geschäft, dem „Evergreen“ in der Innenstadt, direkt vor Ort konsumieren. Die Evergreen-Inhaber, Stefan Sailer und sein Bruder Lukas, wollen den Behörden keinen Anlass geben, das Geschäft zu schließen. „Wir verkaufen die Hanfblüten darum auch als Aromaprodukt und nicht als Tabakersatz.“

Obwohl in beiden Geschäften die Blüten als Aromaprodukt angeboten werden, ist es kein Geheimnis, dass sich viele Käufer zu Hause Joints drehen. Lukas Sailer beschreibt, wer vom legalen Gras ohne Rauschzustände profitiert: „Wir haben Geschäftsleute als Kunden, die es sich kaufen, um nach einem langen, stressigen Arbeitstag herunterzukommen“, sagt er.

In Büchern und Online-Artikeln wird dem CBD fast Wundersames nachgesagt. Es helfe bei Belastungs-, Angst- und Schlafstörungen, bei Depressionen, Entzündungen, Asthma und bei Schmerzen, bei Diabetes und Krebs. Eine sensationelle Heilpflanze also, oder doch eine gehypte Pflanze? Das wird noch erforscht. Am Department für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Tirol Kliniken wird derzeit jedenfalls beobachtet, wie CBD beim Menschen genau wirkt. Allzu euphorisch ist Z6-Geschäftsführer Mayrhuber allerdings nicht. „Langzeitstudien fehlen noch und derzeit steckt auch viel Propaganda dahinter.“

Um die Wirkung zu beschreiben, vergleicht Mayrhuber THC und die „legale Schwester CBD“ mit Bier und alkoholfreiem Bier. „Es schmeckt gleich, es riecht gleich, aber CBD ist so berauschend wie ein alkoholfreies Bier.“ Also gar nicht. Die entspannende Wirkung will er dem Wirkstoff nicht absprechen, doch es komme auf die Dosis an und jeder Mensch reagiere unterschiedlich.

Im Prinzip könnte man es in der Öffentlichkeit rauchen, wobei man Gefahr läuft, wegen des Geruchs auch der Polizei aufzufallen. Vertrauen die Beamten nicht auf die Rechnung, die das Hanf als legale Substanz ausweist, hilft nur eine Laboranalyse.

In der Drogenberatung wird man noch mit einer weiteren Frage konfrontiert. Kommt man durch das legale Hanf auf den Geschmack, auch den illegalen „Bruder“ zu probieren? Laut Mayrhuber nicht, er sieht CBD sogar eher als „Ausstiegsdroge“. „Leuten, die mit illegalem THC aufhören wollen, kann CBD helfen. Sie haben ihre Rituale beim Rauchen und behalten diese bei, werden aber nicht high und können so von der Droge loskommen“, beschreibt er einen Vorteil der nicht berauschenden, dafür aber völlig legalen Hanfblüten.

Seit vier Wochen bieten Lukas und Stefan Sailer (r.) im „Evergreen“ Cannabisblüten an.
- Thomas Boehm / TT