Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.04.2018


TT-Ombudsmann

Gesundheit — immer öfter eine Kostenfrage

Welche Medikamente von den Krankenkassen bezahlt werden, ist genau geregelt. Eine Diskussion auch über die Frage: Welchen Wert hat eine verbesserte Lebensqualität?

© iStockphotoDer „Erstattungskodex“ gliedert sich in drei Bereiche, die auch Boxen genannt werden, und ist ein Ampelsystem. Mehr dazu im Artikel.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — Immer wieder wenden sich Menschen an das Ombudsteam, weil die Kosten für ihre Medikamente nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Selbst dafür aufkommen zu müssen, kann besonders bei langwierigen oder chronischen Leiden zur großen finanziellen Belastung werden.

Betroffen ist auch eine Frau aus dem Bezirk Kufstein, deren Gesundheitsprobleme zu einer sehr eingeschränkten Lebensqualität geführt haben. „Nur durch hartnäckiges, jahrelanges Suchen und Probieren einzig auf meine Kosten" habe sie Arzneimittel gefunden, durch die ein „halbwegs erträglicher Tagesablauf" möglich sei. „Dass die Kostenübernahme verweigert wird, ist für mich eine krasse Benachteiligung und Verweigerung einer medizinischen Hilfeleistung."

„Pille und Viagra müssen zwar verschrieben, aber selbst bezahlt werden"

Laut Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) werden die Kosten dann übernommen, wenn Medikamente im so genannten Erstattungskodex (EKO) aufgenommen wurden, der bundeseinheitlich geregelt sei. Die Präparate, die der Unterländerin ein Stück ihrer Lebensqualität zurückgeben konnten, gehören nicht dazu.

„Manche Patienten sind der Meinung, dass alle Mittel auf dem von ihrem Arzt ausgestellten Rezept von der Kassa finanziert werden. Hier gibt es immer wieder Missverständnisse", berichtet Matthias König, Präsident der Tiroler Apothekerkammer, und nennt ein plakatives Beispiel dafür: „Pille oder Viagra müssen zwar von einem Mediziner verschrieben, aber natürlich selbst bezahlt werden." Aber auch die Kosten für Grippepräparate werden prinzipiell nicht übernommen — „das ist sicher eine Kostenfrage".

Der Reuttener Apotheker hat den Eindruck, dass dringend benötigte Arzneimittel generell auch refundiert werden — wenn auch nicht immer automatisch und auf Anhieb: „Es gibt Produkte, die vorher vom Kontrollarzt bewilligt werden müssen." Da dieser am Freitagnachmittag nicht mehr erreichbar sei, könne es zum Wochenende hin Probleme geben.

Die drei Boxen

  • GRÜNE BOX... umfasst Medikamente, die als frei verschreibbar angegebene Menge abgegeben werden dürfen. Eine ärztliche Bewilligung des chef- und kontrollärztlichen Dienstes ist nicht erforderlich. 84 Prozent aller Verordnungen in Tirol (2017) stammen aus dieser Box.
  • GELBE BOX... beinhaltet Medikamente, die einen wesentlichen zusätzlichen therapeutischen Nutzen für die Patienten aufweisen und aus medizinischen und gesundheits-ökonomischen gründen nicht in den grünen Bereich aufgenommen werden. Die Kosten werden von den Krankenversicherungsträgern nur bei Vorliegen der ärztlichen Bewilligung des chef- und kontrollärztlichen Dienstes der Krankenkasse übernommen.
  • NOTBOX... beinhaltet Medikamente, für deren Aufnahme in den Erstattungskodex ein Antrag gestellt wurde. Die Kosten werden von den Krankenversicherungsträgern nur bei Vorliegen der ärztlichen Bewilligung des chef- und kontrollärztlichen Dienstes übernommen.

Letztlich von Diagnose abhängig

Doch auch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln oder Immunstärkepräparaten hält er für sehr sinnvoll. Ebenso Mittel, die gemeinsam mit Antibiotika eingenommen werden, um die Darmflora aufrechtzuerhalten: „Ein hoher Prozentsatz der Patienten bekommt dadurch Probleme." Was die Qualität der Produkte betrifft, gebe es große Unterschiede. Ob die Kosten dafür von der Kasse übernommen werden, darüber sollte man diskutieren. Ob mehr Wert auf die Prophylaxe gelegt wird, sei letztlich eine gesundheitspolitische Entscheidung. „Hier geht es letztlich um die Frage: Wo setzt der Staat seine Prioritäten — bei der Vorbeugung oder der Behandlung?"

Manche Mittel können die Wirkung eines Medikaments auch unterstützen oder bei einer Mangelerscheinung, die nicht durch falsche Ernährung verursacht wurde, als ergänzende Therapie sinnvoll sein: „Es muss aber immer ein Krankheitsbild dahinterstehen. Die Entscheidung, ob die Kosten übernommen werden, hängt letztlich von der Diagnose ab!"

Bei der Krankenkasse nachzufragen, sei laut König ein Teil seiner täglichen Arbeit — entweder telefonisch oder indem Rezepte persönlich dorthin gebracht werden. Häufig braucht es zusätzlich aber auch eine fundierte Begründung durch einen engagierten Arzt.

Das bestätigt auch Klaus Schweitzer, Allgemeinmediziner in Tulfes und Ärztekammervertreter. Hilft alles nichts, bleibe bei einem negativen Bescheid noch die Möglichkeit, Einspruch zu erheben. „Das muss aber vom Patienten ausgehen, und nur wenige entschließen sich dazu." Aber manchmal sei es eben auch nötig, selbst für seine Medikamente aufzukommen, für seine Gesundheit Geld auszugeben.

Die Einteilung, welche Arzneimittel bezahlt werden, ist in Österreich durch eine Art Ampelsystem geregelt, das Medikamenten so genannte Boxen zuordnet: Für die grüne Box ist keine Genehmigung nötig, bei der gelben braucht es eine spezielle Begründung und die Bewilligung durch die Kasse, und in der roten „Notbox" sind teils ganz neue Medikamente, die sich teils noch bewähren müssen, oder es fehlen Daten und klare Studien über ihre Wirkung. Dazu gehören auch homöopathische Mittel.


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