Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.04.2018


Interview

Klimaforscherin Kromp-Kolb: „Die Natur gibt das Tempo vor“

Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb ärgert sich, dass Österreich Chancen nicht nutzt, die der Klimawandel bietet. Und sie ortet die Interessenvertretungen der Wirtschaft als große Bremser.

© Sommerurlaub an Alpenseen statt an viel zu heißen Mittelmeerstränden. Diesbezüglich dürfte Österreich vom Klimawandel profitieren.Foto: iStock



Sie haben der Bundesregierung empfohlen, in ihrer Klima- und Energiestrategie konkrete Maßnahmen und einen konkreten Zeitplan festzusetzen. Geschehen ist das nicht. Ist man nicht versucht, irgendwann aufzugeben, wenn alles Argumentieren und Warnen nicht fruchtet?

Helga Kromp-Kolb: Die Klimafrage ist existenziell. Da kann man nicht sagen, das interessiert mich nicht mehr. Außerdem habe ich schon das Gefühl, dass hier der Wille da ist, etwas weiterzubringen. Und ich habe gehört, dass Umwelt- und Infrastrukturministerium ein deutlich besseres Papier vorbereitet hatten — bevor es durchs Finanzministerium ging. Das bedeutet, dass man dort Mitstreiter hat, wo sie hingehören.

Helga Kromp-Kolb.
- TT/Rottensteiner

Ist das ein Strohhalm, an den Sie sich klammern?

Kromp-Kolb: Mag sein, aber man braucht auch Strohhalme.

Warum sind Entscheidungsträger — politische wie wirtschaftliche — nicht bereit, voranzugehen und klar zu sagen, wir machen das jetzt? Ist es Angst vor dem Bürger oder vor der Wirtschaft?

Kromp-Kolb: Ich würde eher Zweiteres vermuten. Wobei: Es ist nicht einmal Angst vor der Wirtschaft, sondern eher vor deren Vertretern.

Sie meinen Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung?

Kromp-Kolb: Ja. Es ist ein Mangel an Auseinandersetzung mit den Chancen, die der Klimaschutz birgt. Diese sind noch nicht verstanden worden. Und so bleiben die Ängste. Dabei gibt es ganz tolle Beis­piele, die von der Wirtschaft selber ausgehen: das „Council für nachhaltige Logistik" etwa. Hier haben sich 17 der größten österreichischen Firmen zusammengeschlossen und Hilfe geholt, um nachhaltig zu werden. Sie wollen E-Lkw kaufen und MAN hat daraufhin deren Produktion vorgezogen und sie nach Steyr verlegt. Die ersten Lkw werden im Herbst an diese Firmen gehen. Das Infrastrukturministerium unterstützt das, weil da geballte Wirtschaftskraft dahintersteht und es auf diese Weise auch gelungen ist, eine Produktion nach Österreich zu ziehen, die sonst wohl woanders wäre. So könnte man das in vielen Bereichen machen. Stattdessen wurde bei der WK-Wahl in Wien damit geworben, Schanigärten im Winter offenhalten zu wollen.

Zur Person

Biographie: Helga Kromp-Kolb studierte an der Universität Wien Meteorologie, wo sie 1971 promoviert wurde und 1982 im Spezialbereich Umweltmeteorologie habilitierte. Dort war sie zuerst als Assistentin und bis 1995 als Dozentin tätig und leitete von 1986 bis 1995 die Abteilung Umweltmeteorologie. Parallel dazu stand sie von 1976 bis 1993 der gleichnamigen Abteilung an der Zamg vor. 1995 wurde sie als Professorin für Meteorologie an die Universität für Bodenkultur berufen.

Klimaschutz. Kromp-Kolb wurde 2005 Wissenschafterin des Jahres und setzt sich nach wie vor unermüdlich für den Klima- und Umweltschutz ein. Vergangene Woche war sie auf Einladung der Innsbrucker Geographischen Gesellschaft und des Forschungszentrum „Globaler Wandel — Regionale Nachhaltigkeit" in Innsbruck.

Wie sehr ärgert Sie es, dass Österreich die Chancen kaum nützt?

Kromp-Kolb: Natürlich ärgert mich das, weil ich glaube, dass wir die besten Voraussetzungen hätten.

Sie sprachen vergangene Woche an der Uni vom Klimawandel als Motor gesellschaftlicher Transformation. Was meinen Sie damit?

Kromp-Kolb: Es gibt derzeit so viele globale Probleme und Herausforderungen, dass ein Umbruch kommen muss. Man dachte ja, die letzte Finanzkrise brächte diesen, aber sie hat es nicht geschafft. Die Strukturen haben sich sogar verfestigt. Doch beim Klima gibt die Natur das Tempo vor. Da stellt sich nicht die Frage, ob man noch irgendwen unterdrücken oder irgendjemandes Schweigen kaufen kann. Die Natur spricht eine unerbittliche Sprache. Und um die Pariser Klimaziele zu erreichen braucht es einen Umbruch, etwa beim Wirtschaftssystem. Ein System, das ständig wachsen muss, um stabil zu bleiben, ist nicht kompatibel mit den Klimazielen. Wir sind an einem Punkt, wo grundlegende Strukturen aufgebrochen werden. Und das ist die Chance für etwas Neues. Das reicht bis in die Parteienlandschaft hinein, die Kammern, die Gewerkschaften. Im Alten ist keine Lebenskraft mehr. Alles steht zur Neudefinition an. Natürlich kommt da Widerstand. Und es heißt auch nicht, dass die Veränderung zu einer besseren Lösung führt. Deshalb ist es so wichtig, dass man es nicht einfach geschehen lässt, sondern mitgestaltet.

Haben wir überhaupt noch Zeit, etwas zu verändern?

Kromp-Kolb: Ich will dieser Frage gar nicht nachgehen, weil sie Kraft bindet. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob oder dass es zu spät ist. Also darf man nicht aufgeben. Dass man für Verbesserungen kämpfen muss, ist ja nicht neu — ob fürs Frauenwahlrecht, die Unabhängigkeit oder die Sklavenbefreiung. Das ist immer nur im Kampf gegen beharrende Kräfte gelungen.

Wie sollten sich die Menschen auf das, was kommt, vorbereiten?

Kromp-Kolb: Es wird beispielsweise mehr Hochwasser, mehr Muren usw. geben. Da muss man sich anpassen.

Das heißt, die Gefahrenzonenpläne und Hochwasserpegel schon jetzt ändern?

Kromp-Kolb: Ja, und Infrastruktur so bauen, dass sie auch in 20, 30 Jahren noch einen Wert hat — und nicht irgendwelche Liftanlagen für Skifahrer, die es dann nicht mehr gibt.

Und wer sagt dem Touristiker, wo es künftig noch Schnee geben wird und wo nicht?

Kromp-Kolb: Die Investoren sollten sich von Fachleuten beraten lassen.

Wer will sich das schon sagen lassen?

Kromp-Kolb: Alexandria in Ägypten muss seinen Einwohnern sagen, dass sie sich in 30, 40 Jahren eine neue Heimat suchen müssen. Da müsste doch ein Bürgermeister in Tirol in der Lage sein, seinen Mitbürgern zu sagen: „Passt's auf, der Schnee ist eine Ressource, die uns nicht auf Dauer zur Verfügung stehen wird. Lassen wir uns beraten." Das ist wie beim Arzt: Es nützt nichts zu sagen, man will die Diagnose nicht wissen.

Gibt es für die Alpenregion auch positive Effekte des Klimawandels?

Kromp-Kolb: Die Mittelmeerregionen werden an Attraktivität verlieren, weil es dort zu heiß ist. Österreich kann davon profitieren, denn Berge sind eine attraktive Alternative, weil sie schön sind und ein angenehmes Klima bieten. In der Landwirtschaft verlängern sich die Reifeperioden, das ist gerade für Tirol positiv. Und der einzelne Bürger kann es schätzen, wenn es mehr laue Abende gibt. Das darf man durchaus genießen.

Das Gespräch führte Gabriele Starck


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