Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.05.2018


Gesundheit

Parodontitis schadet Mutter und Baby

Am Europäischen Tag der Parodontologie schaffen Zahnärzte Aufmerksamkeit für die Folgen von Parodontitis für den ganzen Körper.

© Getty Images/iStockphotoRöntgen ist in der Schwangerschaft tabu. Eine Parodontitis-Behandlung bei Bedarf aber ein Muss.Foto: iStock



Von Theresa Mair

Innsbruck – Der Nachbar von der Frau Schneidezahn ist ausgefallen. „Dem war sein Zahnfleisch wurscht“, wie sie gerade in der Radiowerbung für eine Mundspülung dem Herrn Eckzahn ein ums andere Mal erklärt. Bei Parodontitis geht es aber nicht „bloß“ um die Zähne. Die Wissenschaft gewinnt zunehmend Erkenntnisse, wie sich eine Entzündung des Zahnhalteapparats negativ auf die allgemeine Gesundheit auswirkt.

Am 12. Mai wird jedes Jahr der Europäische Tag der Parodontologie begangen. Die Österreichische Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP) widmet sich heuer dem Schwerpunkt „Mundgesundheit und Schwangerschaft“.

„Parodontitis ist inzwischen weltweit der Hauptrisikofaktor für Zahnverlust“, erklärt Anna Kraft, Zahnärztin in Hall und Tirol-Referentin der ÖGP. 80 Prozent der Betroffenen haben eine chronische Parodontitis, die bereits mit 30 Jahren beginnen kann.

Seltener sind Jüngere betroffen. Bei ihnen spielt eine starke genetische Komponente mit, die Entzündung schreitet aggressiv voran, wie Kraft schildert. Durch die Entzündung bilden sich große Wunden – Zahntaschen –, in denen sich die Bakterien sammeln und den Knochen angreifen. Dieser bildet sich zurück, der Zahn wird locker und fällt schließlich aus. Vorbeugen kann man also nur bedingt, und zwar mit gründlichem Zähneputzen. „Mit einer rechtzeitigen Behandlung kann man Parodontitis aber über lange Zeit stabil halten“, sagt Kraft.

Die Therapie ist wichtig, da die Bakterien auch in die Blutbahn gelangen und somit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen. Zudem hat Parodontitis negativen Einfluss auf Diabetes-Erkrankungen. „Das ist erwiesen. Einerseits kann sich dadurch eine bestehende Zuckerkrankheit verschlechtern. Andererseits kann ein schlecht eingestellter Diabetes auch Parodontitis auslösen.“

Ebenso kann die Entzündung auch der Grund sein, wenn es mit dem Baby nicht klappt. „Entzündung bedeutet Stress. Der Körper hat keine Energie für die Schwangerschaft“, erläutert die Parodontitis-Expertin. Doch auch während einer bestehenden Schwangerschaft darf einem das Zahnfleisch nicht „wurscht“ sein. „Das Risiko einer Fehlgeburt ist mit Parodontitis um das Vierfache erhöht.“ Gleichzeitig ist durch die hormonelle Umstellung die Gefahr größer, Zahnfleischentzündungen zu bekommen, Parodontitis vermehrt sich.

„In der Schwangerschaft ist die körpereigene Abwehr herabgesetzt, Parodontitis kann rasch fortschreiten“, sagt die Haller Zahnärztin. Dank verbesserter Methoden bei der Kariesdiagnose, Wurzelbehandlung und der parodontalen Diagnose würden werdende Mütter heute aber nur noch in den seltensten Fällen Zähne verlieren.

Kraft empfiehlt, Eingriffe und die parodontale Grunduntersuchung (PGU) – die ohnehin für jeden Erwachsenen einmal pro Jahr ein Fixtermin sein sollte – auf das zweite Schwangerschaftsdrittel zu legen. In dieser Phase fühle sich die Patientin im Normalfall am wohlsten. Mit einer Sonde misst der Zahnarzt bei der PGU den Abstand zwischen Zahn und Knochen.

Ist eine Parodontitis-Behandlung notwendig, erfolgt diese in zwei Phasen: Zuerst wird eine gründliche Mundhygiene der Zahnoberfläche durchgeführt. Danach werden die Zahntaschen und Wurzel­oberflächen u. a. mit Laser gereinigt und gespült. Die Prozedur ist nicht sehr angenehm, deshalb rät die Zahnärztin ihren Patienten zu einer Anästhesie.

„Auf einen Amalgamfüllungstausch sollte man in der Schwangerschaft verzichten, auf das Röntgen auch. Eine Wurzelbehandlung ist kein Problem. Eine parodontale Therapie ist unbedingt nötig“, betont Kraft – für die Mutter und ihr Kind.


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