Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.05.2018


Kräuter

Basilikum haut Jungfrau’n um

Immer mehr junge Leute begeistern sich für die Welt der Kräuter. Kein Wunder, finden sich in den heimischen Wiesen nicht nur Mittel gegen leichte Beschwerden,

sondern auch Aphrodisiaka.

Auf geht’s zum Pflücken.

© iStockphoto



Von Judith Sam

Innsbruck — Im 16. Jahrhundert, lange bevor die erste SMS verschickt wurde, kommunizierte man, indem man ausgewählte Kräuter verschenkte. Wie romantisch! Allerdings nur auf den ersten Blick. „Gab die Frau einem Mann Augentrost, hieß das, dass sie nicht an ihm interessiert war. Das klebrige Klettenlabkraut wurde Frauen an die Kleidung geheftet, um sie als ,lose Frauenzimmer' zu kennzeichnen. Und besonders direkt war es, eine Akelei zu übergeben. Der damit beschenkte Mann sei nämlich ein Schwächling im Bett, auf die anregende Wirkung der Pflanze angewiesen", weiß Kräuterpädagogin Ursula Asamer.

Die Oberösterreicherin ging für ihr Buch „50 Shades of Green" der erotisierenden Wirkung von Pflanzen auf den Grund: „Dass Kräuter die Gesundheit fördern, ist längst klar. Der lustfördernde Aspekt hingegen ist eher unbekannt." Jedenfalls seit dem Jahr 1463. Damals verfasste ein Dominikanerpater den „Hexenhammer" — ein Schriftstück, das diese Wirkung der Kräuter negierte und verbot, das Wissen darüber zu verbreiten.

Kein Wunder, dass Asamer in heimischen Klostergärten keine Antwort auf ihre Fragen erhielt: „Also habe ich in mittelalterlichen Dokumenten gestöbert. Hildegard von Bingen war übrigens die Pionierin in Sache Lustkräuter."

Genug der Theorie. Ackersenf etwa gilt als der Scharfmacher in der Wildkräuterküche. Zu Zeiten der Inquisition war er in Klöstern sogar verboten, weil er zu Unkeuschheit reize. Anis wiederum sei „gut für alte Knaben, die keine Lust mehr haben". Das in ihm enthaltene Anethol wirke nämlich beruhigend, entkrampfend und stimulierend. Und ein letztes Beispiel: „Basilikum haut Jungfrau'n um"— zumindest laut altem deutschen Sprichwort. Es wärmt die Bauchorgane, entkrampft und stärkt die Nerven.

Nur pflanzliches Viagra suche man auf Tirols Wiesen vergeblich: „Ein Kräuterl, das man um 19 Uhr kaut, um Punkt 20 Uhr einsatzbereit zu sein, gibt es natürlich nicht. Wobei Brennnesselsamen schon in diese Richtung wirken. Sie fördern die männliche Lust."

Noch ein Tipp für alle, die nun Kräuter sammeln wollen: „Meiden Sie Äcker, auf denen chemische Mittel gespritzt wurden, Parks, in denen Hunde flanieren, und achten Sie darauf, kein Kraut zu verwechseln." Die Blätter von Maiglöckchen und Bärlauch etwa sehen ähnlich aus: „Nur, dass Erstere hochgiftig sind!"

Wer auf Nummer sicher gehen will, wird bei Mary Hacket gut beraten. Die Bio-Kräuterbäuerin aus Kematen erntet derzeit schon Apfelminze und Melisse: „Daraus bereite ich einen beruhigenden Tee für den Abend zu."

Je größer die Blätter im Teewasser, desto besser ist übrigens die Qualität. Mit jedem Bruch des Blattes gehen nämlich ätherische Öle verloren: „Wenn man selbst Kräuter trocknet, sollte man darauf achten, die Blätter so groß wie möglich zu belassen." Mit heißem Wasser übergossen, kann der Tee sein Aroma entfalten und ist gleichzeitig hygienisiert.

Um zu ihrem beruhigenden Abendtee zu kommen, muss Hacket allerdings einige Arbeit auf sich nehmen: „Damit unser ein Hektar großer Kräutergarten auch wirklich bio ist, wird nicht gesprüht, sondern jedes Unkraut ausgerupft."

Schließlich muss der Betrieb gepflegt aussehen, wenn die Kematerin Interessierte bei Kräuterführungen durch die Anlage führt: „Neben Rentnern besuchen uns immer öfter Familien und junge Leute."

In diese Rubrik fällt Arnold Achmüller. Der 36-jährige Apotheker hat in Innsbruck studiert: „Durch meine Diplomarbeit über Südtiroler Volksmedizin bin ich auf Kräuter aufmerksam geworden. Es ist schade, dass dieses Wissen immer mehr in Vergessenheit gerät."

Es gäbe auch kaum Studien zu alpinen Heilpflanzen: „Eine erfreuliche Ausnahme ist die Uni Innsbruck, die sich kürzlich mit Edelweiß befasst hat. Es hilft wegen der enthaltenen Gerbstoffe, die die Schleimhaut schützen und antibakteriell wirken, bei Durchfallerkrankungen." Doch Vorsicht: Das Edelweiß steht unter Naturschutz!

„Bei alledem muss klar sein, dass Kräuter nur leichte Beschwerden mildern", betont der Wiener, der Bücher rund um die Wirkung von Kräutern geschrieben hat. Wer ein schwerwiegenderes gesundheitliches Problem hat, sollte den Arzt aufsuchen.

So manches althergebrachte Wissen sei nämlich nicht mehr als Placebo: „Nehmen wir den Südtiroler Brauch zur Warzenbekämpfung. Für jede Warze sollte man einen Knopf in einen Faden machen und diesen unter der Dachtraufe vergraben. Sobald er verrottet ist, sind auch die Warzen verschwunden. Angeblich."

Fakt ist jedoch, dass Holunderblüten einen fiebersenkenden Effekt haben und Johanniskraut den Abbau manch eines Medikaments beschleunigt: „Das kann auch negativ sein: wenn die Wirkung der Anti-Baby-Pille verringert wird."

Doch wer die Wirkung kennt, dem können Kräuter helfen: „Weil man weiß, was man zu sich nimmt — was sonst nicht immer der Fall ist." Ein Beispiel: Bis heute sieht ein Grundrezept des Österreichischen Arzneibuches für die Herstellung der „Einfachen Salbe" 90 Gramm Schweineschmalz vor. Und das würde man in einer Creme nun wirklich nicht erwarten.

Verführerische und heilende Rezepte

Schon im alten Ägypten wurde schriftlich festgehalten, dass Süßholz ein Aphrodisiakum ist. Darum findet man im Buch „50 Shades of Green" von Ursula Assamer (Kneipp Verlag) ein Rezept für „Süßholzrasplertee".

Zubereitung: Für eine Tasse 1 EL Süßholzwurzel mit 250 ml kochendem Wasser übergießen, 6—8 Minuten ziehen lassen, abseihen. Wenn erwünscht, 2 bis 3 Pfefferminzblätter mitziehen lassen, das gibt dem Tee eine frische Note. Je nach Jahreszeit kalt oder warm genossen, erleichtere der Süßholzwurzeltee die lieblich-süße Konversation.

Im Buch „Haut und Haare" (Verlag Edition Raetia) präsentiert Arnold Achmüller das Rezept für eine Johanniskrautölsalbe, die bei Wunden und Ekzemen hilft: „Johanniskrautöl wirkt durchblutungsfördernd, entzündungshemmend und leicht schmerzstillend."

Zubereitung: 45 g Johanniskrautöl in einem Topf mit 5 g Bienenwachs erwärmen. Sobald sich das Wachs vollständig verflüssigt hat, den Topf von der Wärmequelle nehmen und die Salbe kaltrühren. Wenn sie fest wird, in Tiegel abfüllen. Dosierung: Die Salbe 2- bis 3-mal täglich auf die Hautstelle auftragen.

Wer Probleme mit Haarausfall hat, dem hilft vielleicht ein Mittel aus der Volksmedizin. „Die Wirkung wird durch ihre leicht reizenden Effekte auf der Kopfhaut erklärt, die die Durchblutung anregen", sagt Achmüller.

Zubereitung: 2 Handvoll frische Brennnesseln mit 1 l kaltem Wasser übergießen (das Gefäß soll etwa zu zwei Dritteln mit Brennnesseln gefüllt sein). Über Nacht stehen lassen. Abfiltrieren und die Lösung, die einen Tag haltbar ist, als Haarspülung verwenden. Dosierung: 2- bis 3-mal pro Woche nach der Haarwäsche auftragen, nicht ausspülen.


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